Schulreform
Ich bin Oberstufenlehrerin und wäre hell begeistert, wenn mit diesem Pilotprojekt eine Stigmatisierung bei Jugendlichen wegfallen und die Lernsituation positiv verändert werden würde. Meine Erfahrungen aus über 25 Schuljahren zeigen mir leider ein anderes Bild. Wenn nachher in gemischten Stammklassen Jugendliche auf Kantons-, Sekundar-, Real-, sowie Sonderschulniveau unterrichtet werden sollen, dann bin ich mir nicht sicher, ob damit die Lernmotivation verbessert wird. Schwächere Schülerinnen und Schüler bekommen so nie die Gelegenheit, Klassenbeste/r zu sein. Und das war früher mit den separativen Klassen (inkl. Kleinklassen) eben noch gegeben.
Vor 20 Jahren hat Chur bereits einen wichtigen Schritt in Richtung Stigmatisierungs-Abbau gemacht, als sie vom Modell A (Real-und Sekundarschule in getrennten Schulhäusern) zum Modell C (kooperatives Modell mit Niveau-Fächern) wechselten. Als dann die vollständige Integration eingeführt wurde, begannen auch zunehmend die Schwierigkeiten beim Unterrichten. Denn erstens sind die meisten Lehrpersonen nicht für ein solches Modell ausgebildet worden, zweitens haben die gesellschaftlichen Ansprüche massiv zugenommen und drittens – und das mag jetzt ziemlich unpädagogisch klingen – legen Jugendliche in der Pubertät ihren Fokus nicht primär auf die Schule und deren Wissensvermittlung.
Ich bin überzeugt, dass eine gute Schule auch teilweise separativ geführt werden kann. Wenn Kinder mit Lernschwäche, familiären Schwierigkeiten oder extremen pubertären Schwankungen in einer Klasse unterrichtet werden, die von einer Lehrperson mit adäquater Ausbildung geführt wird, die auf das Lerntempo weniger Rücksicht nehmen muss als in Sekundarklassen und die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Berufsleben sehr eng begleiten kann, dann werden wir wahrscheinlich auch zufriedenere Schulabgänger/innen haben. Und in der Real- und Sekundarschule kann der Unterricht weiterhin integrativ stattfinden. Es ist nämlich ein Unterschied, ob eine Lehrperson eine Klasse in 4 Niveaus (gemischte Stammklassen) unterrichten muss oder nur in zwei (Grund- und erweiterte Ansprüche).
Nun, die Erfahrungen aus den beiden Oberstufenschulhäusern Fortuna und Giacometti werden zeigen, in welche Richtung sich unsere Schullandschaft bewegen wird. Und ich lasse mich sehr gerne überzeugen, sollten meine Bedenken unbegründet gewesen sein. Was mir wirklich am Herzen liegt, ist das Wohl der Jugendlichen und nicht die Befindlichkeiten von uns Erwachsenen.
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