Kübellogik – und niemand dreht den Hahn zu
Der Bundesrat wirft den Initianten der «10-Millionen-Initiative» Chaos vor. Doch was ist das eigene Rezept? Mehr Wachstum, mehr Zuwanderung, mehr Konsum – und gleichzeitig mehr Biodiversität. Alles gleichzeitig soll möglich sein.
Die Realität sieht anders aus: Die Biodiversität ist gemäss BFU in der Schweiz in einem schlechten Zustand, ein Drittel der Arten und die Hälfte der Lebensräume sind gefährdet. Haupttreiber ist der Mensch – beziehungsweise die Intensität, mit der Raum genutzt, gebaut und konsumiert wird. Der Bundesrat fordert gesetzlich und verfassungsmässig verankerte Massnahmen.
Mehr Menschen bedeuten zwangsläufig mehr Verkehr, mehr Siedlungsfläche und mehr Druck auf die Natur. Oder einfacher gesagt: Mehr Kühe geben mehr Milch – aber auch mehr Gülle. Das weiss jeder Landwirt. Und es gilt auch für jene, die längst nicht mehr wissen, woher die Milch kommt.
Mit der bundesrätlichen «Kübel-Logik» akzeptiert man das Wachstum als gegeben oder als unvermeidbar – etwa aufgrund internationaler Verpflichtungen – und versucht, die Folgen mit immer mehr Aufwand aufzufangen: mehr Infrastruktur, mehr Verdichtung, mehr Technik. Wie bei einem undichten Dach stellt man einfach immer grössere Kübel darunter, statt das Leck zu reparieren. Das eigentliche Problem bleibt unangetastet.
Wenn Zuwanderung seit Jahrzehnten als Lösung für den Fachkräftemangel gilt und dieser dennoch nicht verschwindet, stellt sich eine einfache Frage. Albert Einstein soll einmal gesagt haben, Wahnsinn sei, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Physikalisch kann die Kübel-Logik-Rechnung auf Dauer kaum aufgehen. Wohnungen und Strom kann man erzwingen, aber die Natur lässt sich damit nicht effizienter machen, so sicher wie das Amen in der Kirche.
Wer Biodiversität ernst nimmt, kann nicht gleichzeitig unbegrenztes Wachstum versprechen. Genau dieser Widerspruch wird heute auch von jenen ausgeblendet, die sich besonders dem Schutz von Natur, Klima und Biodiversität verpflichtet fühlen.
Vielleicht liegt das eigentliche Chaos deshalb weniger in der Initiative als in einer Politik, die seit Jahren dieselbe Antwort wiederholt – und dennoch auf ein anderes Ergebnis hofft.
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Ein System, das nur durch…
Ein System, das nur durch ständiges Wachstum funktioniert, ist ein Schneeballsystem und somit zum Scheitern verurteilt. Wer sich bei 10 Millionen nicht getraut, Halt zu sagen, der wird auch bei 11, 12 oder 15 Millionen nicht Halt sagen. Politiker können schon lange nicht mehr führen, sie hecheln den Entwicklungen lediglich hinterher. Niemand getraut sich, eine Obergrenze zu setzen.