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Birkhühner und Schneehasen

Im Artikel von Ursina Straub in der Südostschweiz vom 11. Februar äussert Grossrat und Landwirt Thomas Roffler seine Bedenken, dass Wolfsabschüsse zur Erhaltung der Biodiversität ‘nur’ dort möglich sind, wo der Bestand von wild lebenden Paarhufern übermässig sinken würde, nicht aber, wo Bestände von geschützten oder gefährdeten Wildtieren wie Auerhuhn, Birkhuhn, Schnee- oder Feldhase ‘durch den Wolf in Bedrängnis geraten könnten’.
Wölfe sind opportunistische Jäger. Sie nutzen in der Regel diejenige Nahrung, die den höchsten Gewinn an Nährwert mit geringstem Aufwand verspricht, und sei es Aas. Ihre Hauptbeute sind über ihr gesamtes Verbreitungsgebiet wilde Huftiere, sofern diese in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen. Kleinere Beutetiere wie Hasen oder Hühnervögel vermögen den Hunger eines Wolfs nur bedingt zu stillen, und der Energieaufwand für die Jagd ist im Verhältnis zum Nährwertgewinn sehr hoch. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass 80% der Wolfsnahrung in der Schweiz aus Rothirschen, Rehen und Gämsen bestehen. Dieses Ergebnis brachte eine Studie aus der Schweiz, welche Kotproben von Wölfen zwischen 2017 und 2024 untersuchte. Hasen wurden dagegen in gerade mal 6, und Birkhühner in 2 der insgesamt 698 untersuchten Wolfskotproben nachgewiesen, Auerhühner gar nicht. Bei diesen Zahlen kann wohl kaum von einer Gefahr gesprochen werden, dass diese Arten durch den Wolf ‘in Bedrängnis geraten’. Ganz im Gegenteil: in naturnahen Lebensräumen in Nordamerika, Nord- und Osteuropa häufen sich Studien, welche zeigen, dass grosse Beutegreifer wie Wolf und Luchs die Biodiversität sogar fördern, indem sie mittelgrosse Beutegreifer wie Goldschakal, Fuchs oder Kojoten in Schach halten. Geringere Bestandsgrössen dieser Arten bedeuten verbesserte Überlebenschancen für deren Beutetiere, zu denen eben Birk- und Auerhuhn, Schnee- und Feldhase gehören.
Dass die Landwirtschaft mit Wölfen ihre Probleme hat, ist das eine. Dass dabei mittlerweile fast jede «Option» genutzt wird, um diese Tierart zu diskreditieren, das andere. Gut, dass die Bündner Regierung in der Thematik die Faktenlage richtig eingeschätzt hat. Schade, dass der Titel in der Südostschweiz Zweifel sät. Nein, Wölfe bedrängen Schneehasen und Birkhühner nicht, im Gegenteil!

Ruedi Haller
13.02.26 - 08:29 Uhr
Leserbrief
Ort:
Zernez
Zum Artikel:
Bedrängen Wölfe jetzt auch Schneehasen und Birkhühner?
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