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Die Arglist von Martullo Blocher

Jahr für Jahr in den letzten Julitagen dasselbe Geleier aus Herrliberg: Der Rütlischwur von 1291 als Richtschnur für die Politik im 21. Jahrhundert. 2020 musste der Bundesbrief herhalten, um zu begründen, dass der «Umgang mit dem Virus» besser dem Volk statt den Behörden und Experten überlassen werden sollte. 2022 führte die scharfsinnige Nationalrätin mit stringenter Beweisführung die Notwendigkeit der bewaffneten Neutralität auf die Weisheit der Innerschweizer Gründungsväter zurück. Reichte es letztes Jahr nur noch zu einem Plagiat des zwei Jahre vorher erschienen Elaborats, so übertraf sich dieses Jahr die international erfolgreich tätige Unternehmerin mit einem völlig neuen Ansatz: Die Bilateralen III als Ausdruck von «Arglist der Zeit». «Das geplante Vertragspaket mit der EU degradiert die Schweiz zu einem Kolonialstaat.» Danke, Frau Martullo Blocher, so glasklar habe ich das tatsächlich noch nie gesehen!
Ja, 1291 ging es tatsächlich um den gegenseitigen Beistand von Uri, Schwyz und Unterwalden und die Abwehr von Richtern, die nicht Einwohner einer dieser drei Talschaften waren. Aber es handelte sich damals eben um innere Angelegenheiten und nicht um internationale politische und wirtschaftliche Beziehungen in der komplexen Welt von heute. Der Tochter des grössten Historikers aller Zeiten dürften solche Differenzierungen aber sehr wohl zugemutet werden. Ansonsten würde ich meinen: Schuster bleib bei deinem Leisten!

Ruedi Haltiner
31.07.25 - 09:51 Uhr
Leserbrief
Ort:
Chur
Zum Artikel:
Der Bundesbrief ist aktuell, Ausgabe GR, 30.7.25
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Ich glaube nicht, dass Frau Marullo den Bundesbrief je gelesen hat. Sie könnte das nachholen: Der vollständige Text ist auf Latein und auf Deutsch auf https://www.admin.ch/gov/de/start/bundesrat/geschichte-des-bundesrats/b… zu finden.
Hätte sie ihn gelesen, hätte sie gemerkt, dass der Abschnitt „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern …” nicht aus dem Bundesbrief stammt, sondern aus der Fantasie eines deutschen Schriftstellers. Klar, da Frau Martullo ja von deutschen Einwanderern abstammt.
Im Bundesbrief steht jedoch etwas Erschreckendes: „Jeder soll nach seinem Stand seinem Herren geziemend dienen”, was moderner ausgedrückt heisst: „Jeder soll aber gemäss seinem Stand weiterhin seinem Herrn dienen.” Untertanen und Obrigkeit sollen also erhalten bleiben, ebenso wie Sklaven und Herren. Erschreckend ...

Passt alles zum neoliberalen FD$VP-Autoritarismus. In dieser Ecke kann man sich Gesellschaft und Wirtschaft ohne steile Machtgefälle gar nicht vorstellen. Das hat schon im Elternhaus zu beginnen, wo gemäss SVP "eine Ohrfeige noch niemandem geschadet hat". Innerhalb der Alten Eidgenossenschaft waren die Machtgefälle auch sehr steil. Seinen Wilhelm Tell hat sich Schiller zum Teil im Sarner Weissbuch abgeguckt.

Frau Martullo weiss natürlich um Schiller, aber es geht ihr auch nicht um Fakten, sondern um den Effekt. Für sie ist das reine Haarspalterei, und sie weiss natürlich, dass die meisten Leser nicht sehr kritisch sind, wenn es um die Schweizer Geschichte geht. Das ist reine Demagogie. Trump macht`s vor und ist sehr erfolgreich damit.

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