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Ökologisches Gleichgewicht hat erste Priorität

Ökologisches Gleichgewicht hat erste Priorität

Die kantonale Initiative «Für eine naturverträgliche und ethische Jagd» hat noble Ziele, für welche den InitiantInnen Anerkennung gebührt. Trotzdem ist sie abzulehnen.

Das Thema Wild und Jagd betrifft nicht nur den Tierschutz, sondern in grösserem Mass das Gleichgewicht im Lebensraum der Tiere, im Bergwald und in der Kulturlandschaft. In den Alpen und besonders im Kanton Graubünden herrscht seit Langem eine Überpopulation an Schalenwild. Verbiss, Fegen und Schälen durch Hirsch, Reh und Gams sind mittlerweile so stark, dass in vielen Wäldern wichtige Baumarten wie Weisstanne, Eiche, Waldföhre und Linde gänzlich ausfallen. Versuche, die jungen Bäume mit Zäunen, Netzen und chemischem Knospenschutz aufzubringen, sind seit 40 Jahren ohne Erfolg. Auch die rasante Verbreitung der Wolfsrudel ist eine Folge des hohen Beuteangebotes in Form von Wild.

Angesichts der Schönheit der Wildtiere ist es schwierig zu vermitteln, dass diese nicht nur geschützt, sondern reguliert und deren Anzahl stark verringert werden soll. Es müssen aber widerstandsfähige Baumarten aufkommen können, die im Klimawandel besser als die verbissresistenten Fichten und Buchen bestehen. Und es betrifft nicht zuletzt das Wild selbst. Es soll nicht leiden, weil es seine Biotope durch Übernutzung schädigt. Ich kenne Talflanken, wo selbst die Heidelbeere und die Alpenrose von den Hirschen vollständig abgefressen sind, und die ganze Vielfalt an Kräutern und Sträuchern verschwunden ist. Der Wildbestand muss noch deutlich mehr als bisher angepasst und gehalten werden, ansonsten kippt das Ökosystem Bergwald.

Die Jagd leistet dazu einen Beitrag. Dass dieser im Milizsystem erbracht wird und dass es erlaubt ist, heimisches Wildbrett zu nutzen, ist nicht falsch. Die Jagd stellt eine Alternative dar zum modernen Fleischkonsum aus den Tierfabriken, der vom Tier entfremdetet ist. Man soll sich auseinandersetzen mit dem Tier und seinem Lebensraum, auch wenn dies emotional schwierige Themen wie das Töten von Tieren betrifft.

Die Bündner Jagd muss in vielen Punkten dringend reformiert werden, das stimmt. Die Initiative deckt aber nur wenige Aspekte davon ab und erschwert im Gegenteil, den Wald und das Wild zum Nutzen von Tier und Mensch in ein Gleichgewicht zu bringen. Deshalb bitte Nein stimmen!

Martin Kreiliger, Forstingenieur ETH und Nicht-Jäger, Disentis/Mustér

Martin Kreiliger
27. Mai 2021, 07:24:19
Leserbrief
Ort:
Disentis/Mustér

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