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Leserbrief

Stellenwert des Sports

Stefan Neuhaus,
31. Oktober 2019, 20:45:13

Immer wieder fehlen in der Schule Schülerinnen und Schüler während den Lektionen Bewegung und Sport, weil diese einem Zahnarzt- oder Arzttermin nachkommen. Eine Schülerin erklärte mir neulich, dass die Dame in der Praxis sie gefragt habe, wann sie denn Sportlektionen habe und gab ihr dann einen Termin. Ich rief in die Praxis an und fragte, wieso das so sei. Als Begründung wurde angeführt, die meisten Eltern wollten das so und wenn ein Zahn gezogen werde, könnten die Schüler sowieso nicht turnen. In diesem Fall handelte es sich um eine normale Zahnkontrolle. Ich entgegnete etwas befremdet, dass der Sportunterricht genau so seine Berechtigung habe wie alle anderen Fächer. Hirnforscher (u.a. Manfred Spitzer) sagen sogar, dass Sport und Musik die wichtigsten Fächer seien.

Von einigen Arztpraxen erhalte ich auch im Jahr 2019 noch immer die längst überholten kleinen blauen Arztzeugnisse (zum Beispiel mit dem Vermerk «4 Wochen 100% kein Sport»). Seit einiger Zeit gibt es gute Dispens-Vorlagen, auf welchen vermerkt werden kann, was im Sportunterricht noch möglich ist, trotz Verletzung. Danke allen Praxen, welche mit der tollen Activdispens (im Sinne gesunder, aktiver Jugendlichen) arbeiten.

Eines unserer Ziele als Sportunterrichtende ist es, Schülerinnen und Schülern einen Weg zu einer gesunden Lebensweise aufzuzeigen. Es wäre schön, wenn Ärztinnen, Physiotherapeuten und Sportlehrer (oder auch Arbeitgeberinnen) besser zusammenarbeiten würden.

Die Bedeutung des Sports in der Schweiz hat nach meiner Ansicht nicht jenen Stellenwert, den er aufgrund der beachtlichen Zahlen von Sport Ausübenden verdienen würde. Speziell in Graubünden, einem selbsternannten Sport-Kanton mit Vorzeigeathleten, haben wir nicht einmal ein eigenständiges Sportamt. Die Ausgaben des Kantons für Sport sind im Vergleich zu anderen Positionen im Budget lächerlich gering. Was geschah/geschieht eigentlich mit den 300 Millionen CHF Reserve für Olympia 2022? Viele Sportinfrastrukturen (insbesondere Sporthallen) sind in erbärmlichem Zustand, Leistungszentren (Kunstturnen) ziehen in Nachbarkantone. An der PH (Ausbildung zur Primarlehrperson) hat der Sport einen sehr kleinen Stellenwert. Das Lohnsystem für Sportunterrichtende ist nicht im Einklang mit dem goldenen Lernalter der Kinder.

Sportvereinen hingegen gehört ein ganz grosses Lob. Zahlreiche Leiterinnen und Leiter opfern ihre Freizeit für ihr Hobby praktisch unentgeltlich – zu Gunsten aktiver Kinder und Jugendlicher. Man stelle sich vor, dieses Freiwilligensystem würde einmal zusammenbrechen. Erfreulich sind auch die zahlreichen und ausführlichen Medienberichte über Sportereignisse aller Art. Der Sport in den Zeitungen hierzulande erfährt sehr hohe Wertschätzung und dies bis zu den kleinsten regionalen Veranstaltungen.

Meiner Meinung nach sollte der Sport auf allen Ebenen die Wertschätzung erhalten, welche er verdient. Die positiven Effekte einer körperlich aktiven Lebensweise sind mittlerweile ja allgemein bekannt.

Stefan Neuhaus, Sportlehrer

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Sehr geehrter Herr Neuhaus,
Sport als solches, speziell Internationaler Sport hat öfters einen schlechten Namen weil die Teilnehmer zu viel Geld erhalten und viele Zuschauer aggressiv sind.
Aber Sport auf einer mehr Persönlichen Ebene eigentlich nur Positives hat. Nur möchte ich “Sport “ dann als “ sich bewegen” ansprechen und auch dann sich anpassen was der Körper fähig ist.
In jüngeren Jahren ist es für viele auch wichtig zu lernen der/ die Beste zu sein, was später im Leben von Nutzen sein kann.
Im Alter von 60 Jahren, für Viele schon früher, hat exercise nur positives. Die Krankenversicherung sparen viel Geld wenn eine ältere Person noch relativ fit ist. Aber wie vieles im Leben ( no gain without pain) ist es öfters nicht einfach täglich, auch wenn es kalt ist , in die frische Luft zu gehen.

Multi-Nein, Sportlehrer Stefan Neuhaus.
Manfred Spitzer dürfte in dem Sinne interpretiert werden, dass eine möglichst vielfältige Bewegung (zum Beispiel alle vier Gliedmassen koordinierend wie beim Bäumeklettern, übrigens, da entstanden wir schliesslich) und vor allem möglichst ohne Überlastung/Peaks und konstitutionsangepasst (die Kurve lange tief haltend) im Sinne von Dr. med. Kenneth H. Cooper, welcher genau dies als eine Hauptkomponente betont. (Übrigens, er war es meines Wissens, der die langdiskutierte Frage, wie man beurteilen könne, ob ein Mensch leistungsfähig/fit ist, beantwortete bzw. den wohl heute noch geltenden weltweiten Massstab dafür schuf: Einfach 12 Minuten laufen, die Distanz sagt es aus. Bei alten Menschen sind nicht etwa Falten, Altersflecken etc. der Massstab, sondern offenbar ihr Gang; dass Demenz und Hirnleistung von Bewegung abhängen – neben Ernährung etc. – jedoch nicht von Kreuzworträtseln, dürfte inzwischen auch bekannt sein.)
Dass Sie Olympia und Leistungssportzentren offenbar befürworten, stützt meine Kritik an Ihrem Leserbrief zusätzlich.
Die oben abgesprochenen Dispense finde ich mehr als richtig.
Sie wünschen sich für Ihren Sport mehr Wertschätzung. 1) Nun, Tatsache ist, dass ich durch dieses Fach (wie durch andere) das Gegenteil von Benefit erlebte, so wie es vor langer Zeit mal eine Journalistin schrieb: In der Schule wurde ihr die angeborene Freude an diesen Dingen statt gefördert ausgetrieben; erst lange nach ihrer Schulzeit konnte sie davon etwas reanimierend retten. 2) es sollte die richtige Art Bewegungsanleitung sein (siehe meinen Text oben). Dass Sport bzw. Sportförderung wegen Leistungsübertreibung bzw. der falschen Art Sport kontraproduktiv sein kann, ersehe man bitte aus gewissen Statistiken über Rega-Einsätze in GR oder Medienberichten, wie viele Menschen über 50 Jahren bereits mehr oder weniger ruinierte Kniegelenke etc. haben. So umweltfreundlich Velofahren ist, aber man sollte eben wissen wie, bei Bergmountainbikefahrern könnte einem tendenziell nur schon das Zuschauen wehtun bei medizinischer Empathie.

So kann nur ein Sportlehrer schreiben. Wären sie doch besser MINT-Lehrer geworden, dann könnte ich Ihre Aufregung begreifen.
Sport hat die absolut letzte Priorität im Menschenleben.
Sport ist mit Dummheit gleichzusetzen, sonst müssten nicht Polizisten jeden Samstag und Sonntag die Stadien vor der totalen Zerstörung schützen.

Herr Hess:

Da muss ich wiedersprechen. Ich war selbst MINT-(Hochschul)-Lehrer. Sport ist vielfältiger als Sie schreiben. Zerstörung in Fussbalstadien hat nichts mit Sport zu tun. Sport, richtig angewendet, gibt Selbstvertrauen, mentale Stärke, Widerstandskraft, soziale Kontakte und im richtigen Mass ausgeübt Gesundheit. Dies alles kann sehr günstig sein. Denken Sie z. B. an Wandern, Joggen und Schwimmen. Sport muss einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft behalten, so wie Rechnen und Schreiben auch.

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