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Leserbrief

Wahlen

Andris Büsch,
18. September 2019, 07:14:38

Sie haben die Wahl. Gedanken zum Wählen.

Liebe Zeitgenossen. Bald ist Wahl, und wir wählenden Stimmbürger bilden uns ein, mit der Wahl von Parteien und Persönlichkeiten eine glückliche Zukunft und eine glückliche Gegenwart damit massgeblich mitzugestalten. Dies ist gewiss nicht gänzlich vermessen. Doch was ist überhaupt unsere Gegenwart und wie kann eine Zukunft glücklich sein? Und das Glück ist ja schliesslich das was alle suchen, wir Wähler und all die Politiker, die sich dazu berufen fühlen, unser aller Glück mit zu verwirklichen. Da gibt es ja immer diese und jene, also jene die für etwas sind, und diejenigen, die genau dazu unbedingt anderer Meinung sind.
Nun denn, ich lade sie ein, sich mit einigen Fragen und ihren Antworten auseinanderzusetzen. Stellen Sie sich mal vor:
Sie haben gerade einen steilen Aufstieg hinter sich und kommen gerade auf dem Gipfel an, und siehe da: Nein, der Gipfel ist nicht frei, sondern da sitzt schon eine Wandergruppe aus Deutschland. Nun, sie haben die Wahl. Sie können a) sich darüber aufregen, dass diese Deutschen nun sogar schon die Gipfel für sich besetzen, und sie nirgends vor ihnen Ruhe haben. Sie bleiben nur kurz, schweigen, ziehen eine saure Miene und steigen wieder hinunter. Sie können aber auch b) sich darüber freuen, dass sie ihre Freude über den geschafften Aufstieg und die wunderschöne Aussicht mit den anderen teilen können, sie kommen mit den deutschen Wanderfreunden ins Gespräch, sie merken, da sind sogar sympathische Leute darunter; vielleicht tauschen sie sogar Adressen aus, und ihre nächste Wanderung führt sie in die Wandergebiete in den bayrischen Alpen. Sie finden so neue Freunde und falls sie ledig sind, lernen sie vielleicht sogar die Frau ihres Lebens kennen (alles schon passiert).
Vielleicht wandern sie auch gar nicht. Dafür fahren sie Stadtbus und ihnen gegenüber sitzen zwei Schwarzafrikaner und reden rege in einer Sprache, von der sie kein Wort verstehen. Wieder haben sie die Wahl. Sie können a) sich darüber nerven, weil sie das Gespräch viel zu laut finden und dass diese Leute Ihnen nun so eine ruhige Fahrt im Stadtbus vermiesen. Es wird ganz bestimmt keine schöne Fahrt. Sie können sich aber b) auch darüber freuen, dass diese zwei Menschen hier in der Fremde jemanden gefunden haben, mit dem sie sich in ihrer Sprache unterhalten können. Sie sprechen sie auf Englisch an, und siehe da; auf Englisch ergibt sich ein Gespräch, sie tauschen sich aus, und als sie aussteigen, haben sie den Männern erklärt, wie man sich in Schweizerdeutsch grüsst, sie haben ihnen noch einen Weg erklärt und dafür wissen sie nun wie man in Kiswahili, einer ostafrikanischen Verkehrssprache „danke“ sagt.
Vielleicht fahren sie auch nicht Stadtbus, sondern sie sind lieber mit dem Fahrrad unterwegs. Stellen sie sich vor, sie fahren an einer Baustelle vorbei, halten an und sind erstaunt wieviel spanisch sie da hören. Und schon wieder haben sie die Wahl. Sie können a) darüber schimpfen, dass diese Spanier uns Schweizern auf den Baustellen die Arbeit wegnehmen. Oder aber sie freuen sich einfach b) darüber, dass diese Männer eine Arbeit gefunden haben, welche ihnen und ihren Familien ein Einkommen gibt, und es erfüllt sie mit Dankbarkeit, dass Sie selbst nicht nach Spanien müssen, um Arbeit für sich und Ihre Familie zu finden.
Oder sie laufen durch den Bahnhof und sehen die jungen Leute aus Eritrea wie sie dasitzen und telefonieren. Wieder haben sie die Wahl. Sie können sich a) darüber aufregen, dass diese jungen kräftigen Männer da rumsitzen, nichts tun, uns auf der Tasche liegen und dann noch Smartphones besitzen (auch schon gelesen). Sie können aber auch b) denken, und es schade finden, dass diese Leute nichts zu arbeiten haben, vielleicht kennen sie jemand, der Arbeit für sie hätte. Oder sie freuen sich für sie, dass sie dank dem Smartphone wenigstens Kontakt zu ihrer weit entfernten Heimat haben können.
Liebe Zeitgenossen. Sie sehen, sie haben in den verschiedensten Situationen ihre eigene Wahl. Und nicht nur weil Wahltag ist, nein, sie haben diese Wahl eigentlich immer. Ich behaupte, dass Sie ihr Leben dadurch sehr entscheidend selber gestalten, ganz frei wie sie sich für a) oder b) entscheiden. Ich behaupte zudem, wenn sie sich nur genügend für a) entscheiden, wird ihr Leben und ihre Welt sie bekümmern, ihre Laune verderben und sie sich gelähmt, machtlos und wütend fühlen. Entscheiden sie sich aber genügend für b), bin ich mir sicher, ihr Leben wird freudvoller, sie werden glücklicher sein und sich in ihrer Welt wohler fühlen. Ja, probieren sie es doch einfach aus. Sie können versuchsweise tageweise abwechseln, und abends in sich horchen, was bei den Wahlen mit Ihnen und Ihrer Gegenwart geschieht. Die Ausgangslage wird an beiden Tagen dieselbe sein, und doch ist es eine ganze andere Welt. Sie brauchen dafür keine Politiker und kein Stimmkuvert, sondern nur sich selbst, ihre Intelligenz und ihre Freude am Leben. Ich wünsche ihnen, dass Sie ihr Glück finden. Treffen sie ihre Wahl. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie glücklich sind. Geniessen Sie Ihre Gipfel.

Andris Büsch, Grüsch

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