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Leserbrief

Gewerbeverband will Lehrlinge bestrafen

Ursina Flütsch,
27. Februar 2019, 22:09:31

Der Bündner Gewerbeverband legt also seinen Mitgliedern nahe, eine Klausel in die Lehrverträge einzubauen, um die Lernenden zu einer Verschiebung des Militärdienstes zu zwingen. Bei allem Respekt, aber das klingt für mich doch eher wie die Trotzreaktion eines schlechten Verlierers. Weil die Lobbying-Versuche des SGV in Bern und bei der Armee fehlgeschlagen sind, werden nun die Lernenden bestraft, welche absolut nichts für diese Situation können.

Die Klausel sei ja nur ein Vorschlag, um klare Verhältnisse zu schaffen, hiess es auf meine Nachfrage beim Gewerbeverband. Das mag zwar sein, grundsätzlich sollten jedoch die Ausbildungsbetriebe den Lernenden alles, was sie für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben brauchen, bis zu den Abschlussprüfungen beigebracht haben, weshalb diese vier Wochen aus ausbildungstechnischer Sicht nicht mehr von grosser Relevanz sind.

Zusätzlich ergeben sich durch so eine Klausel auch Anschlussprobleme. Kann denn der Gewerbeverband garantieren, dass die Lehrabgänger in diesem halben Jahr bis zum Start der nächsten RS in ihren Lehrbetrieben zu vollem Lohn als ausgelernte Mitarbeitende weiterbeschäftigt werden? Oder nutzen die Betriebe das aus, weil die Mitarbeitenden ja sowieso in einem halben Jahr den Betrieb wieder verlassen, und übernehmen die Lehrabgänger einfach zu Billiglöhnen? Verständlicherweise wird es für die Lehrabgänger eher schwierig werden, in einem anderen Betrieb eine Stelle für die Übergangszeit zu finden, da sie nach einem halben Jahr in den Militärdienst übertreten werden.

Als Studentin finde ich es ausserdem fragwürdig, dass sich der Gewerbeverband an der Stimmungsmache gegen die Universitäten beteiligt, schliesslich trägt das duale Bildungssystem nachhaltig zur Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Schweiz bei.
Für angehende Studierende, zu denen wohlgemerkt auch Lehrabgänger mit BMS-Abschluss, welche die Fachhochschule besuchen möchten, gehören, war die bisherige Regelung der Sommer-RS insofern sehr unglücklich, dass nach Abschluss der militärischen Kaderausbildung noch einmal ein Jahr überbrückt werden musste. Dies weil an vielen Universitäten nur im Herbstsemester das Studium aufgenommen werden kann.
Des Weiteren kommt die neue Regelung den Studierenden, welche die Grundausbildung absolvieren nicht entgegen, da die Sommer RS 2019 auch so erst Mitte Oktober endet, das Semester an den meisten Hochschulen jedoch bereits Mitte September wieder beginnt. Es ist darum unangebracht, von einer Bevorzugung der Universitäten oder der Studierenden zu sprechen.

Zum Artikel: Für Berufslernende startet die RS zu früh, Ausgabe GR, 26.02.2019

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