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Leserbrief

Die faule Vernunft

Flurin von Albertini,
28. Dezember 2018, 09:02:57

Der Mensch hat eine Seele und darin wohnt sein Ich. Dort wird gedacht. Das Denken ist eng verbunden mit den Begriffen Verstand und Vernunft. Der Verstand stützt sich sowohl auf ewige Gesetze (a priori; Satz des Pythagoras) und auf Erfahrungen, die überlieferten wie die selbst gemachten (a posteriori; der Bauer und das Wetter). Der Verstand befasst sich mit dem Endlichen. Er ist objektive Vernunft. Die subjektive Vernunft ist der nächste Schritt; das Ich arbeitet mit seinem Verstand und kommt zu einem Schluss. Das Ergebnis muss sich aber an der Wirklichkeit messen lassen. Wenn die subjektive Vernunft diese verlässt und nur noch unendlichen Gedanken nachhängt, die nicht mehr hinterfragt werden dürfen, wird sie zur Ideologie, der Extremform der subjektiven Vernunft. Kant nennt es das Prinzip der faulen Vernunft. Man geht an der objektiven Realität, die man durch fortgesetzte Erfahrung kennenlernen kann, vorbei und ruht in einer blossen Idee, die der Vernunft bequem ist.

Die Rechte hat den Verstand. Die Linke hat die Vernunft. Diese Unterscheidung zeigt das politische Dilemma zwischen der konservativen Idee der Rechten und dem Fortschritts- und Gleichheitsglauben der Linken. Der Verstand nimmt die Erfahrungen der Vergangenheit ernst, lebt in der Gegenwart und und hat keinen Platz für Ideologien, die eine schöne Zukunft versprechen. Demgegenüber hat die subjektive Vernunft die Vergangenheit bewusst hinter sich gelassen, sieht die Gegenwart durch eine marxistische Brille und träumt von einer konfliktfreien und gerechten Zukunft. Wenn die subjektive Vernunft sich nicht mehr an der Wirklichkeit messen lässt, rebelliert der Verstand. Oder es endet damit, dass die Mehrheit entscheidet, was vernünftig ist und was nicht; die öffentliche Meinung als Ersatz für objektive Vernunft. So verliert die Vernunft den Verstand.

Gleichsam die Krönung dieser Entwicklung ist der politische Vorstoss der deutschen Jusos, die Abtreibung komplett zu legalisieren: die Vernunft begeht Selbstmord. Oder die ewigen Kriege der NATO gegen den Krieg: die Vernunft tötet die Unvernünftigen. Oder die unrealistischen Grenzwerte, welche eine Industrie in Deutschland schwer schädigen: die Vernunft rächt sich an der eigenen Errungenschaft. Ueberall wo die Vernunft sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernt und nicht mehr vom Verstand hinterfragt werden darf, herrscht die faule Vernunft.

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@ Flurin von Albertini: Alles gut und recht und Ihre Meinung. Meinung ist aber nicht Wahrheit, sondern Interesse. Und die politisch unterlegten Schlussfolgerungen, welche Sie Kants Metaphysikkritik unterlegen, sind so von ihm in keiner Weise gedeckt. Kant war als Aufklärer dem Selbstverständnis nach Kosmopolit mit dem Anspruch, universell geltenden Menschheitsidealen das Terrain zu bereiten, bzw. für sie offen zu halten (zum Beispiel der Gleichheitsidee). Daran ändert seine Metaphysikkritik (Kritik der reinen Vernunft) und die Öffnung auf die Empirie hin nichts.