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Leserbrief

Ein 500-Jähriger zum Abstimmungssonntag

Gian Andrea Caduff,
26. November 2018, 17:53:15

Fast ein halbes Jahrtausend habe ich geschwiegen, aber jetzt, nachdem der Pulverdampf des Abstimmungsgefechts sich verzogen hat, reizt es mich, etwas zum Schlagwort «Selbstbestimmung» zu sagen. Dazu fühle ich mich legitimiert, denn ich, Durich Chiampell aus Susch, bin der erste, der in Bezug auf das alte Rätien von einer Demokratie gesprochen hat; „Freiheit“ ist eines der zentralen Themen in meinen Werken. Es wurmt mich darum ganz gewaltig, wenn ein gewisser Niklaus aus der Innerschweiz mit seinem Zaun, den man nicht zu weit machen solle, in aller Leute Munde ist. Mich hingegen, der noch kurz vor meinem Tod wortgewaltig auf Eigenständigkeit gepocht und gegen die Erneuerung eines Bündnisses mit Frankreich – für mich ein Reizwort wie für euch das Rahmenabkommen – angepredigt hat, vergass man. Dabei ist diese Predigt dem französischen Gesandten derart in die Knochen gefahren, dass man sie sogar nach Paris übermittelte. Man stelle sich das vor: Eine Predigt, gehalten von der Kanzel in Tschlin, gibt in Paris zu reden!

Vielleicht liegt es auch an mir, dass ich in Vergessenheit geraten bin, denn mich kann man nicht so leicht instrumentalisieren wie diesen Niklaus. Wer nämlich meint, ich als Freiheitsfanatiker würde den Ausgang der Abstimmung bedauern, den muss ich enttäuschen. Wenn ein Volk meint, dem Souverän sei nichts übergeordnet, dann ist das für mich die reinste Gotteslästerung. Freiheit beziehe ich immer auf ein Übergeordnetes, und das ist für mich der Herrgott. Mein Hauptargument gegen das Bündnis mit Frankreich basierte nicht auf einer Interessenabwägung, sondern war dessen «Gottlosigkeit»! Nicht aus Respekt den Vorfahren gegenüber gilt es zur Freiheit Sorge zu tragen, sondern aus Respekt dem Herrgott gegenüber, der die Drei Bünde in die Freiheit geführt hat. Meine Darstellung der Geschichte Rätiens inszenierte ich darum als Drama zum Thema «Mit Gottes Hilfe aus der Knechtschaft zur Freiheit».

Das Bibelzitat „Dominus providebit“ – „Der Herr wird vorsorgen“ – habe ich nämlich nicht wie ihr einfach so im Portemonnaie mit mir herumgetragen, denn die Fünfliber mit dieser Aufprägung am Rand gab es noch nicht, sondern zum Leitgedanken meiner Darstellung der Geographie und Geschichte Rätiens gemacht. Die ersten Schritte Rätiens auf dem Weg zum Freistaat waren für mich nicht das Resultat eines geschickten Vorgehens dem Bischof gegenüber, sondern ich leitete sie von einer «Wohltat Gottes» her.

Diese Freiheit überreichte der Herrgott den Rätiern allerdings nicht auf dem Silbertablett. Wie in meinen theoretischen Schriften zu lesen ist, betrachte ich das Weltgeschehen ja gewissermassen als Fussballspiel, dessen Resultat Gott bereits bekannt ist, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass die Menschen die Partie trotzdem erst einmal selber spielen müssen.

Dabei gehe ich von einem Gottesbild aus, das dem des allwissenden Instruktors ähnelt, der nichtsahnende Piloten im Flugsimulator immer wieder andere Problemlagen bewältigen lässt. In meinem euch so fremd gewordenen Weltbild hat alles seinen Sinn und Zweck, sogar die grausamen und tyrannischen Vögte, die es in Rätien einmal gab. Mit dem Verweis auf Stellen in den alttestamentlichen Propheten habe ich ihre Funktion als Werkzeuge der göttlichen Vorsehung genau definiert: Ihnen oblag es, die etwas trägen Rätier zur Vertreibung der Vögte zu provozieren, der unabdingbaren Voraussetzung für den Empfang des göttlichen Geschenks der Freiheit. Leider liest man heute meine Erzählungen von diversen Scheusalen auf Bündens Burgen nur mehr als amüsante Storys, dabei sollten sie als bewusst eingestreute Texte, vielfach komponiert mit Motiven aus Bestsellern meiner Zeit, doch das Wirken der göttlichen Vorsehung illustrieren.

Mit der Abgeklärtheit eines 500-Jährigen rate ich: Beruhigt euch! Sollte der EGMR wirklich so des Teufels sein, wie es gewisse von euch behaupten, keine Bange, denn nach meiner alle Eventualitäten einbeziehenden Raum-Zeit-Ordnung steht sogar der Teufel im Dienste der göttlichen Macht.

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