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Leserbrief

Woran werden wir in 30 Jahren gedenken?

Philippe Recher,
21. November 2018, 10:32:22

Nun ist er eingeweiht, der Ort der Erinnerung; gut und wichtig! Ich werde beizeiten hingehen und schweigen und nachdenken! Und wenn ich dann dort sitze hoch über Chur, das junge Rheintal vor Augen, werde ich mich fragen: Woran müssen wir in dreissig Jahren gedenken? Was müssen wir uns vorwerfen lassen? Uns, der Gesellschaft, der Politik, den Behörden, den Psychologen, den Eltern und Pädagogen…?
Werden sie, die Kinder, sagen: „Euer Streben nach noch mehr Wohlstand und Reichtum hat uns Nähe, Liebe, Zeit und Klarheit gekostet? Ihr habt halbherzig erzogen; doch für welchen Preis!?“ Werden sie sich fragen, weshalb Psychologen, Ärzte, Politiker den Begriff Kindeswohl derart lasch und unkonkret formulierten und ihr Tun danach gerichtet hatten? Werden Sie sich fragen, warum das Pendel derart in eine andere Richtung ausschlagen musste, und die Behörden jeden, wenn auch noch so sinnvollen „Fremdplatzierungs-Entscheid“ hinauszögerten (ihn nicht treffen wollten, konnten, durften…) und warum betroffene Eltern weder unterstützt noch wirklich konfrontiert wurden (zum Wohle des Kindes!) sodass sie, nachdem sich während Jahren die Familiensituation verschlechterte und viele Muster entstanden, zu einem völlig ungünstigen Zeitpunkt (Pubertät, Ablösephase etc.) in einer sozialpädagogischen Institution platziert wurden? Warum die verantwortlichen Behörden sich zwar mit den Ursachen der Probleme auseinandersetzten nicht aber frühzeitig entscheiden konnten oder wollten? Werden sie sich fragen, warum so viele Leute eine „Fremdplatzierung“ per se ablehnten? Werden sie sich fragen, warum so viele Politiker kaum zwischen Ursachen und Wirkungen unterscheiden konnten?
Ich weiss es nicht, habe aber stark den Eindruck, dass dies bei einigen Menschen Realität werden könnte. Dass viele Menschen sich tatsächlich mehr Hilfe (klare Entscheide!) gewünscht oder gebraucht hätten, zum Beispiel in Form einer Platzierung. Wobei der Begriff Platzierung einer guten pädagogischen Betreuung nicht gerecht wird. Es geht ja nicht um das einfache Platzieren, es geht um das Sein an einem sicheren Ort, verbunden mit guten Lern- und Lebensfeldern; begleitet durch präsente, empathische und wohlwollende Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Das meint der Begriff Platzierung. Er könnte ersetzt werden mit Massnahme zum Kindeswohl.
Wir sollten uns sowohl Erinnern und besinnen (ja auch trauern!) als auch Ausblick halten und weise Entscheiden (nicht nur mit Blick auf die Finanzen!): Denn es geht und ging immer um Menschenleben um individuelle Geschichten!

Zum Artikel: https://www.suedostschweiz.ch/ereignisse/2018-11-09/ort-der-erinnerung-…

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Ja Herr Recher, Sie bringen es auf den Punkt. Ich spreche aus Erfahrung, denn mein Vater starb, 1947 und da war ich neun Jahre alt. Meiner Mutter wurde von Amtes wegen ein Beistand gestellt und zwar durch die Amtsvormundschaft. Als sie 1954 wieder heiratete, wurde entschieden, dass ich in eine Anstalt für schwer erziehbare eingewiesen werden sollte, was zum Glück von einer Tante verhindert werden konnte. Ein Attest des Institutes für angewandte Psychologie bestätigte, dass ich keinesfalls schwer erziehbar sei und so wurde ich für das letzte Schuljahr in der 3. Sekundarschul-Klasse in eine Familie platziert.
Aber schon in der Auswahl der Lehrstellen war der Begriff Amtsvormundschaft ein grosses Hindernis. Immer wieder erhielt ich Absagen. Als ich mich erdreistete, selbst eine KV-Lehrstelle zu suchen und innert kürzester Zeit Erfolg hatte, wurde ich vom Amtsvormund bös zusammen gestaucht, wie ich dazu käme, selbst etwas zu suchen, das falle in seine Zuständigkeit. .
Ich schloss die KV-Lehre 1958 mit der Note 1.7 ( 1 war die Bestnote) in St. Gallen ab und bewarb mich bei den SBB um eine Lehrstelle als Stationsbeamter. Ich bestand aber die Aufnahmeprüfung nicht. 1970 wurde ich in die GD der SBB gewählt. Da forschte ich ein bisschen nach und musste auch da feststellen, dass die Amtsvormundschaft als vorgeschriebene Referenzstelle nicht unbedingt von Vorteil war.Vor ein paar Jahren kam die Angelegenheit der Verdingkinder ans Tageslicht, als ersichtlich wurde, mit welcher Willkür die Behörden damals vorgingen. Da bin ich noch "mit einem blauen Auge" davon gekommen dachte ich mir.
Ich frage mich aber auch, was unsere Nachkommen in 30 Jahren über unsere Generation denken. Noch haben wir die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was "Recht und billig" ist. Vielleicht bald nicht mehr.