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Dieser Weg führt nach Rom

Projekt «Kirche mit* den Frauen» – Frauen verdienen mehr Anerkennung in der Kirche. Für dieses Anliegen pilgern Hildegard Aepli, Esther Rüthemann und Franz Mahli nach Rom.

Südostschweiz
17.04.16 - 16:26 Uhr

von Carmen Jenny

Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt (chinesisches Sprichwort). Am 2. Mai beginnt auch für eine Pilgergruppe aus der Region eine grosse Reise. Sie nimmt 1000 Kilometer Weg unter die Füsse – von St. Gallen nach Rom.

Nach der Segensfeier in der Kathe-drale St. Gallen startet die Pilgergruppe des Projekts mit der ersten Etappe nach Teufen. Die Pilger tragen ein grosses Anliegen in ihren Rucksäcken: Sie laufen für mehr Gleichheit in der Kirche. Den Frauen soll mehr Anerkennung geschenkt werden. Diesen Gedanken wollen sie Papst Franziskus höchstpersönlich überbringen.

Alles begann am 15. September 2013 mit einem Gedankenblitz von Hildegard Aepli, Mitarbeiterin des Bistums St. Gallen und Pastoralassistentin: Pilgern für mehr Gleichberechtigung in der Kirche. Ihre Freundin Esther Rüthemann, Pastoralassistentin der Seelsorgeeinheit Rapperswil-Jona, ist immer noch begeistert von der Idee. «Als mir Hildegard von ihrem Gedanken erzählte, habe ich sofort zugesagt, sie zu begleiten», so Rüthemann. Bereits vor fünf Jahren pilgerten sie zusammen mit Franz Mahli nach Jerusalem (die «Südostschweiz» berichtete).

Dem Papst um den Hals fallen

Nun haben die drei mit ihrem Projekt ein neues Ziel: Rom. Mit ihrer Pilgerreise wollen sie zu einem Umdenken in der Kirche anregen. Laut Rüthemann ist den Frauen in der Kirche vieles verwehrt. «Bei wichtigen Diskussionen und Entscheidungen werden wir ausgeschlossen. Das ist nicht fair, da ja doch die Hälfte der Katholiken Frauen sind. Zudem ist es sehr altmodisch.» Von dieser Ansicht wollen sie nun Papst Franziskus selbst überzeugen. «Wir bringen das als Anliegen mit, was heisst, wir sind offen und hoffen.»

Papst Franziskus weiss, dass die Pilgergruppe am 2. Juli auf dem Petersplatz eintreffen wird. Ob er sie empfangen kann, ist noch unklar. Eigentlich, so Rüthemann, verweile der Papst dann in seiner Sommerresidenz. Aber so wie sie und ihre Kollegen ihn einschätzen, «ist es ihm dort eh zu langweilig», denkt Rüthemann. So ist sie zuversichtlich, dass Papst Franziskus vor Ort sein wird. «Das wäre das Grösste, wenn wir mit ihm Eucharistie feiern könnten. Ich würde ihm wahrscheinlich gleich um den Hals fallen», strahlt die Seelsorgerin. Eine Bestätigung für einen Gottesdienst im Petersdom haben die Pilger aber bereits erhalten.

Unterstützung von Bischöfen

Das Projekt des «Pilgertrios» hat schnell Unterstützung gewonnen. Das Kernteam besteht heute neben den drei Freunden aus vier weiteren ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. Und zahlreiche Organisationen wie der Katholische Frauenbund St. Gallen und Appenzell sowie die Bistümer St. Gallen und Basel haben dem Projekt ihre Unterstützung zugesichert. Auch die Bischöfe Felix Gmür, Basel, und Markus Büchel, St. Gallen, helfen, das Vorhaben der Pilger zu verwirklichen.

Beachtlichen Beistand erhält das Projekt von Schwester Ruth Nussbaumer aus dem Kloster Eschenbach LU. Als sie davon erfuhr, schrieb sie sogleich einen Brief an Papst Franziskus. Nach kurzer Zeit wurde ihr dessen Kenntnisnahme bestätigt. Die Schwester, die auch eine hervorragende Künstlerin ist, fertigte zudem ein Tuch aus hundert Jahre altem Leinenstoff. Dieses ist beachtliche vier Meter lang. In der Mitte hat Schwester Ruth von Hand das Symbol für Christus und wichtige Daten des Projekts gestickt.

Die Anhänger pilgern in erster Linie für die Anerkennung der Frauen in der Kirche. «Das Sternchen in unserem Logo ist ein Platzhalter. Es bedeutet, dass andere Gruppierungen wie Geschiedene, Flüchtlinge oder Kinder mit dazugehören. So kann der Pilgerweg für jeden Teilnehmer einen individuellen Stellenwert haben», so Rüthemann.

«Natürlich ist uns bewusst, dass sich nicht jeder zwei Monate Zeit nehmen kann, um nach Rom zu laufen.» Deshalb kann etappenweise mitgewandert werden. Auf www.kirche-mit.ch ist die Route abrufbar. Es lohnt sich übrigens so oder so, jetzt schon dort vorbeizuschauen. Jeden Tag wird ein Impuls aufgeschaltet.

Die Pilgergruppe wandert täglich zwischen 20 und 30 Kilometer. Gestartet wird jeden Morgen mit einem Gebet. Um ihren Gedanken Kraft zu schenken, pilgern sie täglich eine Stunde im Schweigen. «Natürlich freuen wir uns über alle, die uns für eine Zeit lang begleiten», sagt Rüthemann.

Obwohl «Kirche mit* den Frauen» ein revolutionäres Projekt ist, stellt es für die Pilger keine kämpferische Angelegenheit dar. «Wir sind nicht verbissen», sagt Rüthemann. Vielmehr wollen sie ihre Energie für den spirituellen Glauben nutzen. «Uns ist auch bewusst, dass in einem halben Jahr nicht alles anders sein wird. Aber wenn wir einen Stein ins Rollen bringen können, ist das schon ein grosser Schritt.»

Die Vorfreude ist gross

Von ihrer ersten Pilgerreise nach Jerusalem weiss Rüthemann, dass es nicht immer einfach werden wird. «Man hat auf dem Weg wenig Privatraum und muss sich ein Stück weit der Gruppe anpassen können.» Die schönen Erfahrungen werden aber überwiegen, ist sie sicher. Am meisten freut sie sich auf die Bewegung in der freien Natur.«Ich werde die Zeit geniessen und sie dafür nutzen, um mit Gott im Gebet zu sein.» Im Alltag sei hierfür oft zu wenig Zeit, so Rüthemann. «Für mich ist diese Art Freiheit ein Luxus.» Zudem freut sie sich schon jetzt auf die Begegnungen während ihrer Wanderung. «Wenn du jemandem sagst, du läufst gerade nach Rom, gibt es bestimmt lustige Reaktionen», freut sie sich.

Am 2. Mai bekommt die Pilgergruppe in der Kathedrale St. Gallen ihren Segen. Dann soll ihrem Vorhaben nichts mehr im Weg stehen. «Wir hoffen, dass am ersten Tag 1000 Leute mitpilgern werden», sagt Rüthemann. Die Optimistin hat eine grosse Vision für ihre Ankunft in Rom. «Es wäre das Grösste, am 2. Juli 100 000 Leute auf dem Petersplatz zusammenzuhaben. Hemmungen, vor so vielen Leuten den Papst zu umarmen, habe ich bestimmt keine», verspricht sie und lacht.
 

Exklusiv: das Tagebuch der Pilgerinnen

Die «Südostschweiz» berichtet exklusiv über die Pilgerreise nach Rom. Die Initiantinnen des Projekts «Kirche mit* den Frauen» werden wöchentlich über ihre Erlebnisse berichten. Persönliche Eindrücke von der Reise, Interviews mit spannenden Menschen, denen sie unterwegs begegnen, oder auch Erfahrungen von Mitpilgern. Sie werden über die unvergesslichen oder die schwierigen Momente berichten – und natürlich von der Ankunft in Rom am 2. Juli. Wird Papst Franziskus die Pilgerinnen auf dem Petersplatz persönlich empfangen? Im «Südostschweiz»-Dossier «Kirche mit* den Frauen» sowie in der Printausgabe ist dies alles zu erfahren. (snu)

Weitere Infos auch unter: kirche-mit.ch

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