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Urschweizerisches und weniger Einheimisches

Urschweizerisches und weniger Einheimisches

Am Edelweisshemd scheiden sich die Geister. Seit 150 Jahren wird es in der ländlichen Schweiz genäht und getragen. Die Konkurrenz schläft aber nicht.

Südostschweiz
vor 5 Jahren in
«Der Bankdirektor am Fest»: Marktfahrerlegende «Socka-Hitsch» Zwicky verkauft seine Edelweisshemden trotz Diskussionen am Churer Christkindlimarkt. Bild Olivia Item

von Olivier Berger

Christian Zwicky hat eine klare Meinung. «Eine Spinnerei» sei das Verbot an einer Schule im Zürcher Oberland, Edelweisshemden zu tragen (Ausgabe von gestern). Das sagt er, der die Hemden als «Socka-Hitsch» seit 20 Jahren feilbietet. Ein Thema ist das Hemdenverbot allerdings auch auf dem Churer Christkindlimarkt, wo Zwicky derzeit seinen Stand aufgeschlagen hat. «Mich haben sicher schon fünf Leute gefragt, wie es jetzt weitergeht», erzählt er.

Vor 150 Jahren im Emmental

Das meist hellblaue Hemd mit den eingewobenen Edelweissen ist ein Stück helvetisches Kulturgut – und zwar eines mit einer langen Geschichte. «Den Stoff gibt es vermutlich seit rund 150 Jahren», erklärt Therese Jenni, Mitinhaberin der Bieler Firma Jenni Hemden. «Produziert wurden die Hemden damals meist in Heimarbeit und vor allem im Emmental.»

Sie selber habe die Hemden eigentlich nicht gekannt, als sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Alfred vor 35 Jahren das sogenannte Märithüsli im Freilichtmuseum Ballenberg gegründet habe. «Wir haben dann aber Stoff gekauft und angefangen, selber Hemden zu produzieren», erzählt Therese Jenni. Die Hemden der Familie Jenni verkaufen sich gut – im Märithüsli und auf Märkten. Das Familienunternehmen betreibt in Meiringen eine eigene Schneiderei und beschäftigt heute rund 20 Personen.

Heute aus Glarus – und Kolumbien

Edelweisshemd ist allerdings nicht gleich Edelweisshemd. «Es gibt heute viel mehr Ware aus dem Ausland als früher», bestätigt Therese Jenni. «Socka-Hitsch» Zwicky erklärt die Unterschiede. «Edelweisshemden gibt es ab gut 20 Franken», sagt er. «Ein Hemd in guter Qualität kostet aber um die 80 Franken.» Die Preisdifferenz lässt sich an zwei Hemden problemlos erfühlen. «Das günstige Hemd ist aus viel dünnerem Stoff, und es wurde in Kolumbien produziert», erklärt Zwicky.

Mit Billigproduktion und Massenware hat die Firma Wenet im glarnerischen Mollis nichts am Hut. «Wir wollen ein sauberes, schönes und qualitativ hochstehendes Hemd produzieren», sagt Inhaber Fridolin Zentner-Roth. «Anders als mit Qualität haben wir am Markt keine Chance.» Aus diesem Grund werde im eigenen Atelier entworfen und verarbeitet.

Billighemden fürs Folklorefest

«Socka-Hitsch» Zwicky macht keinen Hehl daraus, welche Hemden sich besser verkaufen: die günstigen. Die Marktfahrerlegende hat aber ein bisschen Verständnis für die Kundschaft. «Wenn man ein solches Hemd nur für ein Fest mit Freunden kauft, dann leistet man sich vermutlich kaum ein teures Stück.» Überhaupt habe sich die Kundschaft gewandelt. «Früher trugen das nur Sennen und Schwinger», erklärt Zwicky, «heute der Bankdirektor, wenn er an ein Fest geht.»

Das erklärt auch, dass sich das Hemd seit einigen Jahren hervorragend verkauft. «Die Edelweisshemden laufen sehr gut», bestätigt Joachim Kirchler, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Landi Graubünden. Laut Wenet-Chef Zentner ist das Hemd ein Dauerbrenner. «Der Verkauf plätschert stetig vor sich hin; aber wenn besondere Anlässe wie ein Schwingfest oder 1. August ist, zieht es an.»

Aber auch in der Landwirtschaft bleibt das Hemd präsent, wie Thomas Roffler, Präsident des Bündner Bauernverbands, bestätigt. «Bei uns wird das Edelweisshemd vor allem auf Viehmärkten und beim Alpabzug getragen», sagt er. Daran ändere die aktuelle Debatte nichts. Zudem werde die Schweizer Landwirtschaft wohl auch weiterhin mit Promis im Edelweisslook werben; «das kommt gut an».

Für «Socka-Hitsch» ist die ganze Verbotsdebatte ohnehin ein Sturm im Wasserglas, «ein Furz einzelner Lehrer», wie er sagt. Gleich verhalte es sich mit der Debatte um Kopftücher in der Schule. «Die Leute sollen doch anziehen, was sie wollen», findet er. «Wir sollten endlich aufhören, immer so bünzlig zu tun.»

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