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Verzweifelt wach: Warum Stress den Schlaf raubt

Laut dem Bundesamt für Statistik nehmen Schlafstörungen in der Schweiz seit 25 Jahren zu. Rahul Gupta, Ärztlicher Direktor der Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Graubünden, ordnet ein.

Bündner Woche
19.01.26 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Wenn die Nacht zum Tag wird: Viele Menschen leiden darunter, nicht ein- oder durchschlafen zu können.
Wenn die Nacht zum Tag wird: Viele Menschen leiden darunter, nicht ein- oder durchschlafen zu können.
Bild: Archiv

Von Cindy Ziegler

Sich unruhig im Bett wälzen. Dauernd auf die Uhr schauen. Die Augen schliessen und doch nicht einschlafen können. Die Verzweiflung wird grösser. Jede Störung intensiver wahrgenommen. Und irgendwann ist die Nacht vorbei – endlich, will man sagen. Aber erholsam, das war sie nicht. Viele Menschen kennen diese Situation. Wenn man nicht einschlafen kann. Oder immer wieder aufwacht. Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung leiden unter Schlafstörungen, so das Ergebnis der 2022 zuletzt durchgeführten Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik (BFS). Seit 1997 habe sich der Anteil um fünf Prozentpunkte erhöht. Bei Frauen und jungen Menschen zwischen 15 und 39 Jahren war der Anstieg besonders markant. Grundsätzlich sind aber ältere Personen eher von Schlafstörungen betroffen. Dies geht aus einer Medienmitteilung des BFS vom Oktober 2024 hervor.

Viele Schlafgeschichten sind Leidensgeschichten

Rahul Gupta, Ärztlicher Direktor der Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR), sitzt in einem gemütlichen Behandlungszimmer im Ärztehaus der Klinik Beverin. Draussen ist es von Schnee und Sonne hell, obschon der Tag erst langsam erwacht.

Der Psychiater kennt viele Schlafgeschichten. Viele davon sind Leidensgeschichten. Der Schlaf ist bei der Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein wichtiges Thema – hinweisend oder auslösend. Rahul Gupta bestätigt die Statistik. «Schlafstörungen sind ein häufiges Problem. Selten ist die Schlafstörung aber ein eigenständiges Krankheitsbild», erklärt er und zählt auf. Hypersomnie, schlafbezogene Atemprobleme, Bewegungsstörungen, Parasomnien, Schlafrhythmusstörungen und die klassische Insomnie. Die Schlaflosigkeit. Diese wollen wir im Gespräch genauer beleuchten. Der Arzt spricht von Einschlaf- und Durchschlafproblemen. Als krankhaft gilt eine Insomnie dann, wenn jemand an wenigstens drei Nächten pro Woche und über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten über Symptome klagt. Als Symptom wird beispielsweise bezeichnet, wenn man länger als 30 Minuten braucht, um in den Schlaf zu finden, oder in der Nacht mehrfach aufwacht und dann nicht wieder einschlafen kann. Neben der eigenständigen Insomnie als Krankheitsbild wird die Schlaflosigkeit sowohl durch körperliche Erkrankungen wie häufig auch durch psychische Belastungen ausgelöst.

Rahul Gupta: «Schlafstörungen sind ein häufiges Problem.»
Rahul Gupta: «Schlafstörungen sind ein häufiges Problem.»
Bild: zVg

Eine verzerrte Wahrnehmung

«Wichtig zu wissen ist, dass Schlaf kein einheitlicher Zustand ist, sondern aus verschiedenen Stadien besteht, die sich in der Nacht mehrmals wiederholen», ordnet Rahul Gupta ein. Es ist ihm wichtig, zu betonen, was einen gesunden Schlaf ausmacht. Und dass dazu zum Beispiel auch Wachphasen gehören. «Viele Leute haben eine verzerrte Wahrnehmung von einem gesunden Schlaf. Das liegt auch am Schlaf selbst. Wenn wir schlafen, dann verändert sich unser Bewusstsein. So kann es zum Beispiel sein, dass wir das Gefühl haben, die ganze Nacht wach gelegen zu sein, obschon wir in Wahrheit doch geschlafen haben.» Grundsätzlich sollte Schlaf erholsam sein. Ist er das nicht, können vielfältige Probleme auftreten. «Schlaf ist für uns extrem wichtig. Schlafen wir schlecht, vor allem über eine längere Zeit, hat das einerseits körperliche Auswirkungen, wie eine Schwächung des Immunsystems, aber vor allem auch Einfluss auf unseren seelischen Zustand», so der Psychiater. Auch in der Medienmitteilung des BFS heisst es, dass Schlafbeeinträchtigungen schwerwiegende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit hätten. Und daher gar ein grosses Problem für die öffentliche Gesundheit darstellen würden.

Aufklärung, Verhaltenstherapie und Medikamente

An was liegt es denn, dass die moderne Gesellschaft so schlecht schläft? Stress habe wohl den grössten Einfluss auf unseren Schlaf, meint Rahul Gupta. Tatsächlich erkläre das beispielsweise den Anstieg der pathologischen Schlafstörungen bei jungen Frauen. Seit der Coronapandemie sei zu beobachten, dass diese Bevölkerungsgruppe besonders stark psychisch belastet sei, so der Experte. Im Internet wird zudem die 24-Stunden-Gesellschaft, also, dass wir ständig erreichbar sind, als schlafstörend bezeichnet. Natürlich gibt es darüber hinaus viele individuelle Faktoren, die den Schlaf stören können. Ausschlaggebend für einen gesunden Schlaf sei gemäss Rahul Gupta deshalb, sich Gedanken um eine gute Schlafhygiene zu machen. «Ausserdem ist es wichtig, über einen gesunden Schlaf aufzuklären. Die sogenannte Psychoedukation, sprich das Zur-Verfügung-Stellen von Informationen über Erkrankungen, ist auch beim Thema Insomnie zentral.»

Kurzfristig könnten auch Medikamente helfen, in den Schlaf zu finden. Da gebe es eine ganze Bandbreite, von pflanzlichen Präparaten, Antidepressiva und Allergiemitteln, die nicht abhängig machen, bis zu den klassischen Schlafmitteln. Letztere wirken schnell entlastend, jedoch sollten diese nur für einen begrenzten Zeitraum und unter ärztlicher Beobachtung eingenommen werden. Längerfristig helfe ein gesunder Umgang mit Stress und Belastungen im Sinne einer klassischen Verhaltenstherapie. Ein möglicher Schritt dieser? «Wir machen meist eine gründliche Anamnese und dokumentieren gemeinsam mit Patientinnen und Patienten ihren Schlaf. Das kann dazu führen, dass wir dann gemeinsam die Bettzeit, in der die Betroffenen im Bett liegen, verkürzen. Wenn man nicht einschlafen kann, hilft es manchmal, wieder aufzustehen und etwas zu tun, was einem guttut», führt Rahul Gupta aus.

Kein unveränderbarer Zustand

Wie auch immer man zu einem gesunden Schlaf findet, er ist überaus wichtig. Laut Rahul Gupta zeige die Forschung, dass lange Schlaflosigkeit längerfristig gravierende Folgen habe. Extremer Schlafentzug könne sogar zum Tode führen. Nicht ohne Grund werde Schlafentzug auch als Folterinstrument eingesetzt. Aber auch eine akute Schlaflosigkeit wird häufig als sehr belastend empfunden. Man fühlt sich körperlich und psychisch erschöpft. Ist nicht gleich leistungsfähig. Laut BFS erhöhe sich beispielsweise auch das Burn-out-Risiko signifikant. Der Ärztliche Direktor Erwachsenenpsychiatrie ist dennoch zuversichtlich. Denn es gibt vieles, was helfen kann, in einen erholsamen Schlaf zu finden. In erster Linie das Bewusstsein, dass Schlafen – oder eben Nicht-Schlafen – kein unveränderbarer Zustand ist.

Auf www.buendnerwoche.ch ist ein Merkblatt der Lungenliga mit Tipps zur Schlafhygiene abgelegt, die auch Rahul Gupta empfiehlt.

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