Restauratorin des Domschatzmuseums: «Die Dinge müssen strahlen»
Ein Blick in das Atelier der Restauratorin Beatrice Pfeifer.
Ein Blick in das Atelier der Restauratorin Beatrice Pfeifer.
von Jasmin Klucker
Holz, das von den Jahren gezeichnet ist. Der Eingang ist mit zwei grossen Löwenköpfen geschmückt. Hinter dieser grossen Tür verbirgt sich einiges. Im Inneren des bischöflichen Hofes in Chur liegt eine breite Treppe, die in den oberen Stock des Gebäudes führt. Links abgebogen lenkt ein schmaler, unauffälliger Gang nach hinten. Dort befindet sich das kleine, aber feine Atelier von Beatrice Pfeifer. Seit 2018 arbeitet sie durchgehend im Domschatzmuseum in Chur. Davor hat sie jedoch bereits von 2006 bis 2008 bei der Konservierung der Ausstellungsobjekte mitgearbeitet. Das Strahlen der alten, wertvollen Schätze hat sie vor 40 Jahren dazu animiert, ihr fünfjähriges Studium in Restaurierung und Konservierung in Wien zu beginnen.
Nun ist Beatrice Pfeifer bereits seit 25 Jahren selbstständig. Der bisherige Weg in diesem Beruf hat ihr gezeigt, dass das Erscheinungsbild eines Kunstwerks, das zur Restaurierung und Konservierung übernommen wird, durch die Einmaligkeit der Künstlerin oder des Künstlers sowie durch die Vorgeschichte geprägt ist. Erst die Untersuchung des verarbeiteten Werkstoffs, seine Alterung und das Schadensbild oder die Veränderungen durch früher erfolgte Restaurierungsmassnahmen bilden den Ausgangspunkt für die notwendigen Konservierungsschritte. Diese betrachtet sie sorgfältig in ihrem kleinen Atelier.
Viel Tageslicht ist in diesem Raum nicht erwünscht, da Sonnenstrahlen den alten Gegenständen schaden könnten. Im spärlichen Licht, das hereinkommt, kann man beobachten, wie sich Ablagerungen auf dem Silber langsam am Wattestäbchen in den Händen von Beatrice Pfeifer festsetzen. Bei jedem einzelnen Gegenstand, der in die erfahrenen Hände von Beatrice Pfeifer gelangt, wird in verschiedenen Schritten gearbeitet. Die wertvollen Teile werden von ihr genau dokumentiert. Darauf folgt die Demontage und Reinigung.
«Wichtig ist, nicht gleich zu den stärksten Mitteln zu greifen. Ein verdünnter Alkohol oder eine Seifenlauge reichen für den Anfang», erzählt sie im gleichen Moment, in dem sie die feinen Muster auf dem silbernen Gegenstand reinigt. Wenn an dem Stück etwas fehlt, muss es ersetzt werden. Für all diese Arbeiten ist das Atelier im hinteren, versteckten Gang ausgerichtet. Auf einem aus Holz gefertigten Gestell liegt der Kopf eines Joseph, in einer anderen Ecke kann man Bilderrahmen sehen, die auf einen neuen Schutzanstrich warten. Wieder in einer anderen Ecke befinden sich kleine Gläser mit verschiedenen Inhalten, die man für den Erhalt alter, wertvoller Dinge benötigt.
Frau Pfeifer, welche Arten von Objekten haben Sie bisher restauriert?
Beatrice Pfeifer: Meine Spezialisierung liegt in der Konservierung von Metallobjekten, im Speziellen von liturgischen Geräten, zum Beispiel von Kelche oder Vortragekreuze. Dazu kommen viele architektonische Bauteile. Das sind Kirchenturmbekrönungen oder Gitter, Grabkreuze und Wirtshausschilder. Alle diese Teile sind jedoch nur ein Bruchteil von allem.
Wie gehen Sie mit verschiedenen Materialien und Kunststilen um?
Sie bestimmen die Auswahl der Konservierungsmaterialien und -techniken, um eine dem Kunstwerk angepasste Konservierung durchführen zu können.
Können Sie uns von einer speziellen Herausforderung bei einer Restaurierung erzählen und wie Sie diese bewältigt haben?
Das war die Blattvergoldung der Turmkugel von Son Gion in Domat/Ems: Die Vergoldung mit hauchdünnem Blattgold musste auf dem Turm durchgeführt werden. Dort weht fast ständig starker Wind, der die Goldblättchen mitreisst. Nur nach genauem Studium der Windverhältnisse und dem darauf abgestimmten Auftrag des Haftgrundes konnte die Vergoldung in mehreren Etappen durchgeführt werden.
Wie gehen Sie mit beschädigten Materialien um?
Wenn ein Kunstwerk restauriert werden soll, hat man es immer mit empfindlichen oder beschädigten Materialien zu tun. Dafür gibt es die speziellen Konservierungsmaterialien und -techniken, die einen schonenden, substanzerhaltenden Eingriff ermöglichen.
Inwiefern arbeiten Sie mit anderen Museumsteams zusammen, wie beispielsweise Kuratoren oder Konservatorinnen?
Teamarbeit ist sehr wichtig; grundsätzlich gibt es Rücksprachen bei der Durchführung und dem Ablauf von Restaurierungen und Konservierungen, insbesondere, wenn grössere Eingriffe notwendig werden. Auch die Planung der Einrichtung von Depots und die Lagerung von Objekten gehören dazu. Bei Vitrinenausstattungen wird auch oft Rücksprache gehalten.
Welche modernen Technologien oder Werkzeuge setzen Sie bei Ihrer Arbeit ein?
Die Anwendung von speziell auf die Konservierung abgestimmten Chemikaliensind sehr wichtig. Nur so kann man eine schonende Bearbeitung ermöglichen. Dazu kommt die Reinigung mit Laser oder anderen Geräten wie Ultraschallmeissel oder Feinstrahlgerät.
Auf was muss bei Ihrer Arbeit besonders geachtet werden?
Oberster Grundsatz: Kein Eingriff darf die originale Substanz des Kunstwerks verletzen.
Gibt es etwas, was besonders geblieben ist?
Durch meine Mitarbeit bei der Konservierung der Objekte des Domschatzmuseums und den Ausstellungsaufbau mit den konservierten Objekten konnte ich zu den einzelnen Kunstwerken eine besondere Beziehung aufbauen. Die Sammlung des Domschatzmuseums ist ein Juwel und beherbergt religiöse Kostbarkeiten, die im Alpenraum einzigartig und charakteristisch sind, dazu einen sehr grossen Zeitraum umfassen. Durch die Betreuung und Pflege der Sammlung des Domschatzmuseums fühle ich mich sehr verantwortlich für den Schutz und die Erhaltung dieser Kunstwerke.
Gibt es bestimmte Kunstwerke oder Materialien, die Sie besonders gerne restaurieren?
Jeder neue Auftrag ist spannend und eine neue Herausforderung, der ich mich mit ganzem Herzen widme. Wenn eine Konservierung gelungen ist, entlasse ich den behandelten «Patienten» schon mit einem gewissen Stolz.
Wie wird sich das Restaurieren und Konservieren von Gegenständen verändern?
Die Konservierung ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr wissenschaftlich geworden. Dadurch vergrössert sich der Abstand zwischen der Theorie und der im Alltag notwendigen, fachspezifischen und handwerklich fundierten Praxis in der Restaurierung. Neben den unbedingt notwendigen digitalen Errungenschaften vor allem in der Dokumentation dürfen die Vermittlung der handwerklichen Fähigkeiten und das Wissen um alte Techniken nicht geringer geschätzt werden. Aufgrund der komplexen Aufgaben wird keine künstliche Intelligenz in der Lage sein, eine fachgerechte, objektbezogene Restaurierung oder Konservierung durchzuführen.
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