Streckenkontrollen bei der Rhätischen Bahn: feines Gespür für grobes Geschütz
Damit die Strecken der Rhätischen Bahn sicher bleiben, führt der Bahndienst regelmässig Streckenkontrollen durch – ein Spaziergang mit Stolpersteinen.
Damit die Strecken der Rhätischen Bahn sicher bleiben, führt der Bahndienst regelmässig Streckenkontrollen durch – ein Spaziergang mit Stolpersteinen.
von Andri Dürst
«Guten Morgen, hier ist Jonas aus Thusis. Ich würde mich gerne anmelden für die Streckenkontrolle.» Mit diesem Telefonat beginnt die heutige Geschichte. Der Anrufer: Jonas Krummenacher, 27, gelernter Gleisbauer, nun beim Bahndienst Albula tätig. Der Empfänger: Ein Mitarbeiter beim Stellwerk in Landquart, den Jonas Krummenacher heute noch einige Male anrufen wird. «Ich habe nun in Landquart Bescheid gegeben, dass ich jetzt die Strecke bis Reichenau kontrollieren werde. Falls den Leuten dort bereits Mängel gemeldet worden wären, könnte ich mir diese gleich anschauen. Das ist aber heute nicht der Fall.» Und so beginnen wir, die Strecke abzumarschieren.
Gestartet wird beim Bahnhof Thusis auf Gleis 1, wo bis vor wenigen Minuten noch eine S-Bahn stand. Weit kommen wir aber nicht, ehe Jonas Krummenacher die erste Sache entdeckt. Am Ende des Mittelperrons leuchtet ein sogenanntes Zwergsignal nicht mehr richtig. «Hier müssen wir eine Lampe auswechseln. Ich schaue mal, ob es gleich noch eine Reservelampe hier hat.» Es hat eine. Und der Bahndienstmitarbeiter tauscht die Lampe aus. Nun leuchtet das Signal, das dem Rangierbetrieb dient, wieder korrekt.
Sicherheit wird grossgeschrieben
Ehe wir weiter gehen, ruft er aber nochmals in Landquart an. «Damit wir den nächsten Streckenabschnitt sicher begehen können, werden wir das Teilstück sperren lassen. Der Grund dafür ist, dass von der nahe gelegenen Strasse zu viel Lärm kommt und wir einen heranfahrenden Zug nicht hören würden.» Gesagt, getan. Der Stellwerkmitarbeiter teilt ihm mit, dass die Strecke nun gesperrt sei. Jonas Krummenacher trägt diese Meldung in ein Journal ein. «Das muss alles protokollarisch festgehalten werden. Schlussendlich dient dies ja unserer Sicherheit.»
Auf der nun gesperrten Strecke spazieren wir weiter. Zu Beginn waren einige Schwellen noch gefroren, deshalb mussten wir besonders vorsichtig über den Schotter gehen. Wieso aber nimmt man für solche Arbeiten nicht ein Schienenvelo oder eine Draisine, wie man sie aus Filmen kennt? «Die gab es früher tatsächlich mal. Aber heute sind sie nicht mehr zugelassen.» So gehen wir zu Fuss weiter. Es ist aber zu sagen, dass die Streckenkontrollen «per pedes» nur alle zwei Wochen durchgeführt werden müssen.
Neue Schuhe
Auf was achtet der Gleisspezialist nun genau? «Auf alles», meint er schnell. «In erster Linie aber auf die Fahrbahn. Falls wir aber an einer Fahrleitung oder an einer Barriere einen Mangel entdecken würden, würden wir das natürlich auch melden, auch wenn diese Installationen nicht in unserem Verantwortungsgebiet liegen.» Wir gehen weiter. Etwas beschwerlich ist dieser Weg schon – alle, die schon einmal einen Wanderweg auf einer Schutthalde beschritten haben, können sich vorstellen, wie sich das anfühlt, durch die losen Steine zu trampeln. «Deshalb müssen bei uns die älteren Mitarbeitenden auch keine Streckenkontrollen mehr machen», erklärt Jonas Krummenacher. Für ihn ist das Marschieren auf dem Schotter kein Problem. Er fügt aber an: «Ein Paar Schuhe pro Jahr reicht nicht – die gehen bei uns vorher kaputt.» Zum Glück bezahlt die RhB das neue Schuhwerk.
Mittlerweile haben wir den gesperrten Bereich verlassen. Zwar hören wir ein wenig das Rauschen der Autobahn, doch da wir uns auf einem weiten Feld befinden, sind die Sichtverhältnisse gut. Einen Zug würden wir von Weitem sehen. Doch es kommt keiner. «Das ist seltsam», meint der 27-Jährige. Er ruft deshalb nochmals in Landquart an. Nach einem kurzen Gespräch wird klar: Wegen eines Gleisschadens in Felsberg fallen bis am Mittag alle Regioexpress-Züge von Chur nach Thusis aus. Will heissen: Wir müssen nun ein paar Mal weniger aus dem Gleis gehen. Dennoch wird die Strecke von den übrigen Zügen rege befahren. Im Laufe des Vormittags begegnen wir mehreren Interregios, S-Bahnen, einem Glacier- und einem Bernina-Express sowie einigen Güterzügen. Wann die Züge fahren, hat Jonas Krummenacher mittlerweile im Kopf. Zusätzlich hat er ein Büchlein dabei, in dem alle An- und Abfahrtszeiten bei allen Stationen eingetragen sind. Verspätungen oder Zusatzzüge sind dort aber nicht vermerkt. Deshalb vertraut er nicht alleine diesem Büchlein. Auch technische Hilfsmittel sind nicht das Allerheilmittel. «Wenn ich sicher sein will, wo sich ein Zug befindet, rufe ich in Landquart an.» Und so telefoniert er später nochmals – er will wissen, ob der Gleisschaden in Felsberg noch zu Verspätungen führte oder ob wieder alles nach Plan fährt.
Augen und Ohren offenhalten
Ob ein Zug im Anmarsch ist, erkennt der Bahndienstmitarbeiter an verschiedenen Indikatoren. Er liest die Signale. Schaut, ob die Bahnschranken geschlossen oder offen sind. Blickt auf die Stellung der Weichen. Und horcht. «Hörst du, nun summen die Schienen ein wenig.» Tatsächlich, ein leises Summen ertönt. Und wenig später sehen wir den Zug kommen. Dieser ist jedoch äusserst geräuscharm. «Das war ein Vorteil der alten Loks: Diese hörte man schon von Weitem.» Moderne Triebfahrzeuge seien oft leise unterwegs. Umso wichtiger ist deshalb, achtsam auf der Strecke zu sein und sie lieber einmal zu früh statt zu spät zu verlassen. Sobald sich der Zug in Sichtweite befindet, gibt Jonas Krummenacher den Lokführern ein Handzeichen. Diese erwidern dieses oder betätigen die Lichthupe. «So weiss ich, dass sie mich gesehen haben.»
Jonas Krummenacher kennt den Bahnbetrieb bestens. Bereits seine Lehre absolvierte er bei der RhB. Seither ist er nun dort angestellt. Er ist mittlerweile nicht nur Bahndienstmitarbeiter und Streckenwärter mit siebenjähriger Erfahrung, sondern auch Lokführer von Spezialfahrzeugen, vornehmlich Dieselloks. «Grosse Bauzüge zu fahren, das macht Spass!», sagt er grinsend. Doch auch die Streckenkontrollen seien – sofern gutes Wetter herrscht – eine schöne Abwechslung zum Alltag. Dabei sind er und seine Kollegen vom Bahndienst in Thusis auch für die Strecke Thusis–Preda zuständig. Besonders der Abschnitt Bergün–Filisur gefalle ihm gut. «Dort hat man seinen Frieden.» Bei der Albulastrecke dauere eine Streckenkontrolle wegen der vielen Tunnels aber oft länger. «Da es in den Tunnels keine Fluchtwege gibt, müssen wir jedes Mal vor dem Begehen eine Streckensperrung veranlassen. Je nach Fahrplan der Züge kann dies zu längeren Wartezeiten für den zuständigen Streckenwärter führen.» Ganz anders ist es nun auf der Strecke Thusis–Reichenau: Hier gibt es keinen einzigen Tunnel und kaum Brücken.
Ein Handwerker, durch und durch
Dennoch gilt es, auf Kleinigkeiten zu achten. Kurz nach dem Bahnhof Cazis zeigt er auf eine Schiene. «Hier hat es einen kleinen Gleisschaden. Dieser wurde aber bereits gemeldet.» Wahrscheinlich habe eine Lok an der betroffenen Stelle Probleme mit Anfahren gehabt und habe gespult. «Für den Betrieb ist das kein Problem, dennoch werden wir hier das Gleis wohl bald mal ersetzen.» Apropos ersetzen: Der gelernte Gleisbauer kann genau sagen, welcher Gleisabschnitt wie alt ist, und kennt jede Besonderheit. An einigen Stellen hat er auch schon selber Hand angelegt, wenn er als Lokführer oder Bahndienstmitarbeiter die Gleisbaufirma unterstützte. «Das ist schon toll, wenn man die fertige Arbeit, bei der man selber mitgewirkt hat, auch Jahre später noch sieht.»
Unterdessen haben wir bereits den Bahnhof Rodels-Realta passiert. Eine unübersichtliche Kurve wartet vor uns. Jonas Krummenacher muss wieder eine Streckensperrung verlangen. Doch für die «Büwo» endet der Spaziergang hier. Eindrücke wurden wahrlich genug eingefangen. Und trotz der vielen Stolpersteine kamen wir nie ins Straucheln.
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