Psychiatrie im Wandel der Zeit
Es war ein langer Weg, bis die Psychiatrie zu dem wurde, was sie heute ist: eine Wissenschaft, die den Menschen und seine Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt.
Es war ein langer Weg, bis die Psychiatrie zu dem wurde, was sie heute ist: eine Wissenschaft, die den Menschen und seine Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt.
Das war nicht immer so. Der Blick in die Psychiatriegeschichte öffnet so manches dunkle Kapitel. Doch die Errungenschaften medizinischen Fortschritts sind enorm und haben die Grundhaltung in der Behandlung vollständig umgekrempelt. Dank umfassender und fundierter Forschung betreuen und begleiten wir Menschen heute individuell und ganzheitlich.
Das ist doch selbstverständlich? Lange Zeit war es das leider nicht.
Spätestens seit der Aufarbeitung der Bündner Psychiatriegeschichte, welche 2021 veröffentlicht wurde, wissen wir: Die Anfänge der Psychiatrie stehen im starken Kontrast zu der Grundhaltung, wie wir sie heute auch bei den PDGR aus Überzeugung leben.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Menschen, die «irre» waren, erstmals in sogenannten Korrekturanstalten verwahrt. Weil psychische Erkrankungen noch unerforscht waren, hielt man die Betroffenen für arbeitsscheu und störend, sie galten als Belastung für die Gesellschaft. Noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden sie weggesperrt und ohne ihre Einwilligung behandelt, unter teils unmenschlichen Bedingungen. Riskante Insulinkuren, entwürdigende Wannenbäder, Zwangssterilisationen und Elektroschocktherapien bei vollem Bewusstsein – niemand mag sich derartige Behandlungsmethoden heute noch vorstellen. Sie alle gehören der Geschichte an, eine Zeitenwende ist längst vollzogen.
Die Grundhaltung hat sich um 180 Grad gedreht. Mit Erfolg.
Heute stehen psychisch kranke Menschen im Mittelpunkt der Psychiatrie: Welche Ursache liegt ihrem Leiden zugrunde? Wie können wir ihre Symptome mildern, die Krankheit heilen und ihre Lebensqualität verbessern? Ziel ist nicht der Ausschluss aus der Gesellschaft, sondern eine selbstbestimmte Teilhabe am Leben.
Einzelne «Gamechanger» haben diese Entwicklung vorangetrieben und die Psychiatrie bis heute stark geprägt. Mit der Psychoanalyse nach Sigmund Freud beginnt aus methodischer Sicht die Entwicklung der Psychotherapie. Die Verhaltenstherapie, welche sich als Gegenbewegung zur Psychoanalyse Mitte des 20. Jahrhunderts etablierte, orientierte sich erstmals an den individuellen Bedürfnissen eines Menschen. Und schliesslich deckte die Neurobiologie immer neue und komplexere Zusammenhänge im menschlichen Gehirn auf.
Die Entwicklung von Psychopharmaka brachte ebenfalls ein wichtiges «Update» für den nachhaltigen Behandlungserfolg. Die Medikamente wirken heute, in der mittlerweile vierten Generation, sehr differenziert und zielgerichtet, sie können fein dosiert und hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen optimal abgestimmt werden. Nebenwirkungen, die ihr Image anfänglich negativ geprägt haben, konnten auf ein Minimum reduziert oder teils vollständig eliminiert werden.
Ärzte und Therapeutinnen greifen mittlerweile auf verschiedene Ansätze zurück, je nach Diagnose, Verlauf und Ausprägungsgrad der Krankheit. Unsere Behandlungen werden individuell und ganzheitlich konzipiert und finden in interprofessionellen Teams statt. Wir verstehen individuelle Ausprägungen immer besser und können die Behandlungsmethoden entsprechend differenzieren.
Vom Irrenhaus zur individuellen Therapie – die Psychiatrie hat eine bewegte Geschichte. Heute ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Psychiatrie unterstützt nicht nur Menschen auf ihrem individuellen Weg der Genesung, Heilung oder der Wiedereingliederung. Sondern sie stützt auch eine Gesellschaft, die sich dem Wert psychischer Gesundheit immer bewusster wird. Unsere Behandlungen sind für alle zugänglich, sie geschehen freiwillig und immer auf Augenhöhe. Autonomie, Respekt, Vertrauen und Transparenz sind tragende Fundamente. Eine Errungenschaft, die allen zugutekommt.