In Davos gibt es bald wieder ein Luxusbüfett für alle
Im Davoser Pop-up-Restaurant «4 Reasons» werden übrig gebliebene Mahlzeiten kredenzt. Nun feiert die Erfolgsgeschichte den fünften Geburtstag.
Im Davoser Pop-up-Restaurant «4 Reasons» werden übrig gebliebene Mahlzeiten kredenzt. Nun feiert die Erfolgsgeschichte den fünften Geburtstag.
Von Andri Dürst
Jeweils Ende Januar verwandelt sich Davos komplett, da dann bekanntlich das Jahrestreffen des World Economic Forum stattfindet. So sind nicht nur zahlreiche Übernachtungsgäste im Ort, auch diverse Sicherheitskräfte walten ihres Amtes. Geschäfte und Restaurants sind für das Fussvolk oftmals geschlossen, sie beherbergen dafür private Partys für Firmen, von denen man im Landwassertal aber noch nie etwas gehört hat. Das WEF, wie der Anlass im Ort kurz genannt wird, generiert gemäss einer Studie in Davos eine Wertschöpfung von 100 Millionen Franken. Doch die Veranstaltung bringt auch Schattenseiten mit sich. So etwa die Lebensmittelverschwendung. Oft werden Apéros oder Bankette organisiert, an denen viel weniger Teilnehmende erscheinen als vermutet. Übrig bleiben dabei hochwertige Leckereien, die noch einwandfrei essbar sind. Viele Jahre landeten diese Reste im Abfall oder in der Biogas-Anlage.
Essen wegwerfen tut weh
«Das muss nicht sein», sagten sich Stefan Pfister, evangelisch-methodistischer Pfarrer, und Cyrill Ackermann, Hoteldirektor im «Grischa». Zusammen brüteten sie eine Idee aus: Während des Jahrestreffens sollten die übrig gebliebenen Lebensmittel eingesammelt und an einem Ort abgegeben werden – Verwenden statt Verschwenden. «Die Leute wollen oft Essen im Überfluss haben – nur damit es ja nicht zu wenig hat», stellt Cyrill Ackermann fest. Der Hotelier nennt dabei ein krasses Beispiel, das er in seinem Betrieb einmal erlebt hat: «Wir wurden angefragt, ob wir für einen Anlass Fingerfood für 50 Personen liefern können. Kurz vor dem WEF erhöhten die Bestellenden die Zahl auf 100, um dann kurzfristig sogar auf 200 aufzustocken. Schlussendlich kamen nur 7 Menschen. Einerseits war es für unser Küchenteam ein enormer Aufwand, die vielen Häppchen zuzubereiten, andererseits schmerzte es auch, so viele Lebensmittel wegzuwerfen.» Seit dem WEF 2020 landen diese Speisen nun im Davoser Langlaufzentrum, wo im Bistro jeweils eine Art Pop-up-Restaurant unter dem Namen «4 Reasons» eingerichtet wird. Das Konzept: Ein Team von Freiwilligen fährt die teilnehmenden Betriebe ab, sammelt die übrig gebliebenen Lebensmittel ein, bringt sie zum Langlaufzentrum und wärmt sie dort gegebenenfalls auf. Jedermann und jedefrau kann sich dort dann gratis verpflegen und eine Spende nach eigenem Gutdünken dalassen.
Erfolg stellte sich schnell ein
Dieses Jahr findet die Aktion bereits zum fünften Mal statt. An die Vorbereitungen der ersten Austragung erinnert sich Cyrill Ackermann noch gut: «Wir fragten bei der Gemeinde Davos an, ob sie uns einen Raum zur Verfügung stellen kann. Landschreiber Michael Straub reagierte umgehend. Als er mich dann anrief und mitteilte, dass wir das Langlaufzentrum haben können, liess ich gleich einen Jubelschrei los.» Das Organisationskomitee sei anfangs noch ziemlich nervös gewesen. «Wir wussten nicht, ob überhaupt Gäste kommen werden.» Sie kamen – und wie. Rasch sprach sich im Ort herum, welch köstliche Sachen da auf hungrige Mäuler warteten. Immerhin kommen dort ab und an auch edle Häppchen aus Luxushotels auf den Tisch. Ebenso wurden verschiedene Medien auf das «4 Reasons» aufmerksam und berichteten in Funk und Fernsehen davon. Der Erfolg stellte sich rasch ein, und Einheimische, aber auch Limousinenfahrer und -fahrerinnen lernten, das Angebot zu schätzen.
Sandwiches statt Kartoffelgratin
Das OK wäre eigentlich 2021 bereit gewesen für eine zweite Austragung – das WEF wurde damals aber pandemiebedingt abgesagt. 2022 fand der Grossanlass wieder statt – jedoch im Mai statt im Januar. Für das «4 Reasons» ein echter Glücksfall. Das warme Frühlingswetter lud dazu ein, auch auf der Terrasse Platz zu nehmen – so konnten die Platzprobleme im Langlaufzentrum massiv entschärft werden. Denn die Kapazitätsengpässe nennt Cyrill Ackermann als grösste Herausforderung des Anlasses. «Wir machen uns laufend Gedanken, wie wir diese mildern können.» In den letzten Jahren erlebte man aber nicht nur, dass zu viele Gäste kommen wollten – es gab auch einzelne Tage, an denen zu wenig Essen da war. «Das Küchenteam musste kurzerhand improvisieren und produzierte ein paar Sandwiches.» Dass die Hotels, Restaurants und Cateringunternehmen nur wenig oder keine übrig gebliebenen Lebensmittel liefern würden, sei aber an sich ja ein gutes Zeichen, findet der «Grischa»-Direktor. «Wir merken, dass die Küchenchefs inzwischen viel besser für das Thema Foodwaste sensibilisiert sind.» Und oftmals würden auch Angestellte in den Betrieben mit übrig gebliebenem Essen verpflegt – das sei natürlich auch gut, befindet Cyrill Ackermann.
Einwandfrei geniessen
Ein Problem, das man inzwischen auch lösen konnte, sind Diskussionen mit der Lebensmittelkontrolle. Dabei seien die Speisen, die bei «4 Reasons» angeboten werden, einwandfrei, betont der Hotelier. «Es handelt sich dabei nur um Lebensmittel, die noch nicht vor dem Gast waren. Sie werden direkt aus den Küchen zu uns geliefert.» Mit der Lebensmittelkontrolle konnte man aber anfängliche Unstimmigkeiten beseitigen und pflegt nun ein gutes Miteinander. Ein gutes Miteinander – ohne das würde «4 Reasons» nicht existieren. Unterstützt wird das Projekt einerseits von vielen Freiwilligen. «Dieses Jahr haben wir besonders Glück und knapp 40 Helferinnen und Helfer stehen uns während der gesamten Zeit zur Verfügung. Das ist ein Traum für jeden Hotelier!», freut sich Cyrill Ackermann. Und auch zu den teilnehmenden Betrieben kann er erfreuliche Nachrichten verkünden: «Wir führten letztes Jahr viele Gespräche mit diversen Cateringunternehmen. Von denen konnten wir viele für unsere Idee begeistern.» Neu verfüge man auch über zwei statt ein Kühlfahrzeug, was den Transport zusätzlich erleichtere – auch die beiden Vehikel würden von Sponsoringunternehmen zur Verfügung gestellt. Unterstützung erfahre man nicht zuletzt bei der WEF-Organisation selbst. So ist es dem Verein, der hinter «4 Reasons» steckt, möglich, andere Projekte zu unterstützen. Zusammen mit den im Pop-up-Restaurant gesammelten Spendengeldern konnten schon tolle Sachen auf die Beine gestellt werden. «Im einen Jahr haben wir allen Primarschülerinnen und -schülern der Gemeinde Davos zwei Rodelbahnfahrten auf der Schatzalp geschenkt. Und bereits zweimal haben wir einen Gratis-Sporttag samt Mittagessen für alle Kinder und Jugendliche in der Davoser Sporthalle organisiert.» Wer also ins «4 Reasons» essen geht, tut gleich zweimal etwas Gutes: Man unternimmt etwas gegen die Lebensmittelverschwendung und setzt sich gleichzeitig für Jugendprojekte ein. Dadurch dürfte das WEF nun eine Schattenseite weniger, dafür eine Sonnenseite mehr haben.
«4 Reasons» 2025
Wo? Im Erdgeschoss des Langlauf- zentrums an der Hertistrasse 4a in Davos Platz
Wann? Vom 20. bis 24. Januar jeweils von 11.30 Uhr bis 21 Uhr
Was? Hauptmahlzeiten, Apéro-Brötli, Gebäck, Davoser Wasser,Mineral wasser, Süssgetränke zum selber festgelegten Preis (freiwillige Spende)
Kaffee, Tee, Bier: gegen Bezahlung an der Bistro-Theke
Das Speisenangebot wird aus Frischegründen laufend ergänzt und erneuert, auch mit vegetarischen Speisen.
Am Samstag, 25. Januar, also am Ende der Woche, wird zwecks Auflösung des Restaurants zwischen 9 Uhr und 12 Uhr ein Take-away-Betrieb mit allen noch übrigen Lebensmitteln durchgeführt werden. Bitte eigene Küchengefässe mitbringen.
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