Max' unerwartete Mission: ein Berner Sennenhund als Rettungshund
Nina Tromm und ihr Hund Max sind ein besonderes Team. In ihrer gemeinsamen Arbeit geht es um Geduld und Vertrauen.
Nina Tromm und ihr Hund Max sind ein besonderes Team. In ihrer gemeinsamen Arbeit geht es um Geduld und Vertrauen.
von Cindy Ziegler
Gutmütig, vertrauensvoll und leidenschaftlich. Nina Tromm fällt es nicht leicht, ihren Hund Max zu beschreiben. «Da kommen mir hundert Wörter in den Sinn», sagt sie, lacht und schaut zu dem Berner Sennenhund, der unter dem Tisch liegt und schläft. Gutmütig, vertrauensvoll und leidenschaftlich. Das sind die Worte, die sie findet. Worte für Eigenschaften, die auch zum Frauchen passen. Man sagt, dass sich Menschen und ihre Hunde ähneln. Bei Nina Tromm und Max ist das tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Dunkle Haare und dunkles Fell. Und dieselben warmen Augen. Max hebt seinen Kopf an, als die 34-Jährige beginnt, von ihrem gemeinsamen Leben zu erzählen. Und davon, wie sie schlussendlich zum Rettungshundeteam bei der Organisation Redog (siehe Box am Ende dieses Artikels) wurden.
So etwas wie Schicksal
Nina Tromm wollte schon länger einen eigenen Hund. Aufgewachsen mit Berner Sennenhunden hielt sie vielleicht insgeheim nach einem Begleiter dieser Rasse Ausschau. Was es auch immer war, ihr Blick blieb in einer schlaflosen Nacht an einem Inserat hängen. Das Bild des Hundes liess sie nicht mehr los und so reiste sie nur wenige Tage später nach Augsburg. Es wurde offensichtlich nicht gut auf den acht Monate alten Rüden geschaut. Und der Besitzer wollte ihn einfach nur loswerden. Nina Tromm begegnete einem Hund, der vor allem und vor allen Angst hatte. Irgendwas schien nicht in Ordnung zu sein. Zu Beginn dachte sie sogar, er habe ein körperliches Handicap. Nichtsdestotrotz. Sie konnte Max nicht da lassen und nahm ihn zu sich. «Ich weiss nicht, ob man das als Schicksal beschreiben kann. Aber ich hatte ganz tief in mir drinnen das Gefühl, dass es gut kommt und wir das schaffen.» Sie habe ihn verstanden. «Ich war als Kind genau gleich. Schüchtern und unsicher.»
Die beiden trainieren fleissig. Es braucht viel Geduld. «Zu Beginn konnte ich mit ihm nirgendwo hin, wo wir anderen Menschen oder Hunden begegnen würden. Und Max hatte keine Kondition. Ich war oft mit dem Leiterwagen unterwegs und musste ihn dort reinsetzen, wenn er nicht mehr gehen konnte.» Unvorstellbar, wenn man den aufgeweckten Hund heute kennenlernt. «Vor allem Männer machten ihm lange Angst. Mein Vater zum Beispiel brauchte über ein Jahr, bis er ihn streicheln konnte. Eines Tages meinte jemand zu mir, ich solle es mal mit Sucharbeit versuchen. Das stärke das Selbstbewusstsein», erzählt Nina Tromm. Gehört, getan. «Das erste Training war katastrophal. Er bellte alles und jeden an. Nahm nicht mal ein Würstchen. Aber der Ausbildungsverantwortliche von Redog und ich haben etwas in Max gesehen. Wir trainierten sehr viel. Und irgendwann hat es bei Max Klick gemacht. Das hat mich unheimlich gefreut.»
Leidenschaften verbinden
Nach drei Jahren Ausbildung und einigen Prüfungen wird Max zum einsatzfähigen Rettungshund bei Redog. Und Nina Tromm zur einsatzfähigen Hundeführerin. «Das verbindet unsere Leidenschaften. Die Berge und das Draussensein mit der sinnvollen Arbeit im Team.» Die Hundehalterin meint damit nicht nur das Team Mensch-Tier, sondern auch all die Menschen, die an einem Einsatz beteiligt sind. An ihren ersten erinnert sie sich übrigens noch gut. Eine junge Frau wurde vermisst. Max suchte über drei Stunden. Ein riesiges Gebiet. Der Hoffnungsfunken, die Frau noch lebend zu finden. Am Schluss fanden sie sie nicht. «Für Max bedeutete das, dass er lange leer suchte und keine Belohnung bekam. In solchen Situationen gibt er mir zurück, was ich ihm schenkte. Vertrauen. Er geht auch für mich und möchte mich stolz machen», sagt Nina Tromm und streichelt ihrem felligen Begleiter über den Kopf. Sie ist es, der der Stolz anzusehen ist.
Für das Foto holt Nina Tromm einen grossen Rucksack hervor. Max steht auf, sobald er merkt, dass sie sein oranges Suchgeschirr in die Hand nimmt. Als sein Frauchen ihm die Schabracke anlegt und den Bringsel an seinem Halsband befestigt, den er in den Mund nimmt, sobald er auf einer Suche einen menschlichen Geruch wahrnimmt, wirkt er für alles bereit. Die Ohren aufgestellt, die Augen wachsam. Die 34-Jährige lässt ihn in den Garten. Als sie die Rettungsausrüstung – Seil, Gstältli, Helm und Notfallapotheke – ins Gras legt, legt sich Max daneben. Als ob er sagen wollen würde: Wann gehts los? Nina Tromm lacht und streichelt ihm über den grossen Kopf.
Der «Underdog»
Interessanterweise wäre Max eigentlich so gar nicht prädestiniert für die anspruchsvolle Sucharbeit im umwegsamen Gelände. Zu gemütlich und zu langsam seien Berner Sennenhunde in der Regel. «Das ist, wie wenn Armon Orlik sich im OL-Laufen versuchen will.» Anders Max. Er blüht auf, wenn er suchen darf. «Er ist als einziger einsatzfähiger Berner Sennenhund bei Redog eigentlich immer der ‹Underdog›», meint Nina Tromm und nickt ihrem Hund zu. Umso überraschter seien die Leute dann, wenn Max leichtfüssig und flink loslegt. Sie habe immer davon geträumt, einmal mit einem Hund arbeiten zu können. Dass es mit einem Berner Sennenhund als Geländesuchhund klappt, hätte sie sich aber nie erträumen können. Vor allem nicht mit Max, dem Angsthund. «Bei uns ist es nicht einfach von Anfang an gelaufen. Auf unserem Weg haben wir vieles nur gemeinsam gemacht. Max und ich zusammen, aber auch mit der Unterstützung von vielen Menschen bei Redog, die auch an uns geglaubt haben», sagt Nina Tromm zum Schluss. Ein besonderes Team mit Gutmütigkeit, Leidenschaft und Vertrauen sind die beiden.
Redog Geländesuchhunde
Max ist ein Geländesuchhund bei Redog. Redog – eine Tochter des Schweizerischen Roten Kreuzes – ist eine Rettungsorganisation. Laut Website werden bei Redog unter anderem solche Geländesuchhunde-Teams eingesetzt, um vermisste Menschen in schwer zugänglichem, unübersichtlichem Gelände wie Wald, Uferzonen und voralpinem Gebiet zu suchen. Sehr dichter Bewuchs oder steiles Gelände stellen kein Hindernis dar. Der Hund suche den Geruch eines Menschen oder eines Gegenstandes. Weiter heisst es: «Er arbeitet weitgehend selbstständig in grösserer Distanz und meist ausser Sicht des Hundeführers oder der Hundeführerin. So ist es möglich, grosse Gebiete in verhältnismässig kurzer Zeit abzusuchen.» Redog arbeitet eng mit der Polizei und anderen Rettungsorganisationen zusammen. Grundsätzlich können alle Personen über die Telefonnummer 0844 441 144 einen Alarm in der Notrufzentrale von Redog auslösen. Die Einsatzleitung bietet dann Teams von Einsatzleiterinnen, Hundeführern und Geländesuchhunden, Search- und-Rescue-Helferinnen und eventuell Drohnenpiloten auf. Die Suche ist für Angehörige einer vermissten Person kostenlos. Die Organisation ist auf Spenderinnen und Spender angewiesen, die mit ihrer Unterstützung die Aus- und Weiterbildung von Rettungshundeteams und den Suchfonds für vermisste Menschen unterstützen. Mehr zum Thema gibt es hier.
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