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Zu Besuch bei den Heuarbeiten in Obermutten

Pro Natura führt Arbeitswochen in Naturschutzgebieten durch – zu Besuch in Obermutten.

Bündner Woche
24.08.23 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Alle helfen mit, damit das Heu am Abend am Fusse des Hanges liegt.
Alle helfen mit, damit das Heu am Abend am Fusse des Hanges liegt.
Riccarda Hartmann

Von Riccarda Hartmann

Der Duft von geschnittenem Gras hängt noch in der Luft. Die Sonne kommt gerade hinter den Wolken hervor. Ihre Strahlen scheinen auf den südlichen Hang von Obermutten, wo Wiesen und Wälder sich abwechseln und nebeneinander existieren. Auch wegen den Menschen. Mit dem Rücken zum Beverin auf der anderen Seite des Tales beginnen die Teilnehmenden der Arbeitswoche von Pro Natura mit dem Heuen. Von oben nach unten wird das gestern erst geschnittene Gras zusammengerecht, mit langen Rechen mit hölzernen Stielen. Weiter unten dringt das Geräusch des Mähermotors hinauf, mit dem Jakob Moser, Bauer und Pächter des Gebietes, eine weitere Fläche mäht. Sein ältester Sohn hilft ihm dabei.

Für eine Vielfalt an Pflanzen und Insekten

Zehn Teilnehmende aus allen Teilen der Schweiz sind an dieser Arbeitswoche Mitte August dabei, um an diesem Hang in Graubünden, einem kleinen Flecken Erde, zu arbeiten. So auch Marcel Liner  von Pro Natura, der diese Woche betreut. Er erzählt auch gleich: «Es ist eigentlich ein Pflegeeinsatz». Die Wiese, auf der wir stehen, würde nicht mehr sein und Wald wäre an ihrer Stelle, wenn nicht jedes Jahr die Wiese gemäht und die kleinen Waldflächen entholzt würden. «Jetzt ist da eine wunderbare Landschaft mit Bäumen und Wiesen. Darin sind Blumen. Und mit den Blumen kommt die Insektenvielfalt», sagt er. Er erzählt weiter, dass die Gruppe am Tag zuvor womöglich eine rotflügelige Ödlandschrecke, eine seltene Heuschreckenart, gesehen hätten. «Und wenn hier Wald wäre, hätte man die ganze Vielfalt an Pflanzen und Insekten nicht», erklärt er. Auch für Rehe und Hirsche gibt es so viel zu fressen. Marcel Liner fasst seine Ansicht zur Arbeit am Hang und in der Natur zusammen: «Ich denke, es ist eine Dienstleistung an der Allgemeinheit. Dass man die Diversität, die man hier hat, so bewahren kann, wie sie ist.»

Am Hang: Nun in Grün und Braun wird die einst bunte Trockenwiese zusammengerecht. Bild Riccarda Hartmann
Am Hang: Nun in Grün und Braun wird die einst bunte Trockenwiese zusammengerecht. Bild Riccarda Hartmann

Bewegt man das Heu, bewegt es sich ebenfalls. Lauter Heuschrecken, die sich zwischen den langen Halmen verstecken, springen hinaus und suchen sich ein neues Plätzchen. Das Heu bewegt  sich von der Stelle und gleitet den Hang hinunter. «Diese Wiese hier – das ganze Gebiet – ist ein Hotspot für Biodiversität», sagt Marcel Liner voller Freude, den Rechen in der Hand. Was er damit meint?

Ein Hotspot für Biodiversität

Eine artenreiche Trockenwiese soll es sein. Unser ungeübtes Auge erkennt aber nur grüne Gräser in braunen Halmen. Vor einigen Wochen jedoch, bevor vieles verblühte, hätte es anders ausgesehen. Zumindest hätten wir die bunten Blüten der Blumen zwischen den grünen Gräsern gut erkannt. Auf 1860 Meter über Meer, in den Muttnerwiesen, sind neun verschiedene Orchideenarten zu Hause. Diese Artzusammensetzung macht sie zu einer einzigartigen Wiese in Graubünden. Zwischen all den Orchideen finden sich überall Blumen mit weissen, trichterförmigen Blüten. Ein Blumenparadies. Auch für die Paradieslilie. Eine seltene Lilienart. Und um das zu bewahren, diese Artendiversität der Pflanzen und mit ihnen auch die der Wildbienen, Schmetterlingen und weiteren Insekten, wird das rund 25 Hektaren grosse Gebiet gepflegt. So auch diesen Sommer. Das Wetter spielt mit und so wird das Heu weiter zusammengerecht. Auch die Kinder der Familie Moser helfen mit. Und der Hund hat eine riesige Freude, wenn ihm Heu zugeworfen wird. Er springt hoch und schnappt danach. Wedelt mit dem Schwanz.

Physische und psychische Erträge

«Erhöhte Biodiversität ist dort, wo der Nährstoffgehalt am geringsten ist», sagt Marcel Liner. Und so wird die Wiese auch nicht gedüngt. Wenn Dünger benutzt werden würde, würde sich die Vielfalt an Blumen zu Kräutern und Gräser verschieben. «So gäbe es mehr Ertrag, doch die Biodiversität würde verloren gehen», meint Marcel Liner.

Und was ist der Ertrag für die Menschen? «Der Mensch ist hier und macht die Arbeit. Und dadurch erhält man ein Zusammenspiel von Bäumen, Wiesen, Insekten und anderen Tieren. Den Wert für den Menschen muss man spüren und wahrnehmen. Über die Augen die Landschaft. Über die Nase die Gerüche der Wiese und des Waldes. Über die Ohren die Geräusche der Vögel und Grillen, die des Windes in den Ästen und Halmen», so sieht das Marcel Liner. Er blickt in die Weite. Nimmt die Natur auf.

Eine weitere Trockenwiese wird gemäht. Bild Riccarda Hartmann
Eine weitere Trockenwiese wird gemäht. Bild Riccarda Hartmann

Mit dem Mäher fährt der Bauer Jakob Moser unterhalb des Hanges, der gerade geheut wird, und nimmt sich eine weitere Wiese vor. «Das Ziel ist es, möglichst viele Nährstoffe wegzubringen und möglichst viel Licht auf den Boden zu bringen», erklärt er. Das sei ein Grund für die Arbeit, meint er. Ein weiterer für ihn sei auch die Erhaltung der Flächen, die seit Jahrhunderten genutzt werden: «Eine gewisse Wertschätzung und einen gewissen Respekt gegenüber den Leuten, die früher davon gelebt haben.»

Von oben ertönt ein mehrstimmiges Lachen. Es kommt näher. Der Blick hinauf zeigt die jüngsten Kinder, wie sie auf einem grossen Heuhaufen sitzen, der von der Mutter mit dem Rechen hinuntergestossen wird. Jakob Moser schaut vergnügt zu ihnen hinauf. Das hat auch Platz. In dieser Perle.

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