Geschichten aus dem Krankenwagen: Gion Bigliels 26 Jahre im Rettungsdienst
Blaulicht, Paris und Roger Moore – Gion Bigliel erzählt von seiner Zeit als Krankenwagenchauffeur
Blaulicht, Paris und Roger Moore – Gion Bigliel erzählt von seiner Zeit als Krankenwagenchauffeur
von Gianna Turra
26 Jahre lang fährt Gion Bigliel für das Kantonsspital Graubünden Rettungsfahrzeuge. 26 Jahre lang durchlebt er dabei schöne, aber auch schwere Momente. Vom Organtransport durch ein hektisches Zürich über die Badezimmergeburt eines Kindes bis hin zur persönlichen Rettungsjacke, die es unerwartet auf die grosse Leinwand schaffte – wer mit Gion Bigliel in seine Zeit als Krankenwagenchauffeur reist, staunt nicht schlecht. Höchste Zeit also, genau das zu tun.
«Ich bin ein Sammler»
Es ist ein regnerischer Mittwochmorgen in Chur. Gion Bigliel sitzt am eckigen Holztisch neben der Küche. Vor ihm liegen Fotoalben und ein Plakat. Geschichten. Und Geschichte. Etwas, das den Bündner auszumachen scheint, schliesslich sticht im Hause Bigliel so einiges an Geschichte ins Auge. Die Eisenbahnmodelle in der Vitrine, die RhB-Lampen auf der Treppe, das Taxischild auf der Kommode oder die alte Parkuhr hinter dem Esstisch verraten, was Gion Bigliel gleich zu Beginn über sich selbst preisgibt. «Ich bin ein Sammler», erzählt er, «und ich sammle vor allem diese Dinge gerne, die mit dem öffentlichen Verkehr zusammenhängen.» Doch, nicht nur. Bigliels Ansichtskarten-Sammlung von Spitälern wurde 2012 im Rahmen der Ausstellung «Spitäler im Wandel der Zeit» sogar im Kantonsspital Graubünden ausgestellt. Ausserdem besitzt er eine Sammlung an Miniatur-Ambulanzwagen, die über 800 kleine Ambulanzfahrzeuge zählt. Und dann gibt es da noch diese andere Sammlung Bigliels. Diese, die heute im Fokus steht. Eine sehr spezifische. Vielleicht die persönlichste von allen? Die Rede ist von seiner eindrücklichen Sammlung an Geschichten aus seiner Zeit als Transporthelfer.
«Krankenwagenchauffeur hiess das früher noch»
«Krankenwagenchauffeur hiess das früher noch», erklärt Gion Bigliel und legt seinen alten Ausweis mit eben jener Bezeichnung auf den Tisch. «Man brauchte den Samariterkurs, die Taxiprüfung und einen abgeschlossenen Kurs als Transporthelfer», führt er aus. Rettungssanitäter habe es damals – wir reden von den 90er-Jahren – noch nicht gegeben. Das sei dann erst später gekommen. Als Krankenwagenchauffeur bestand Bigliels Aufgabe darin, bei Notrufen auszurücken – mit Blaulicht nur dann, wenn Stufe 1 gefordert war, also beispielsweise bei einem Verkehrsunfall oder einem Herzinfarkt –, die abzuholenden Patientinnen oder Patienten transportfähig zu machen und sie dann ins Krankenhaus zu bringen. «Ausserdem musste ich Personen bei Verlegungen transportieren. Nach Zürich beispielsweise», erzählt er. «Und nicht nur Personen. Auch Organe haben wir transportiert.» Das konnte manchmal ganz schön adrenalingeladen werden. Doch dazu später mehr. Gion Bigliel erzählt weiter von seinen Aufgaben und erklärt, dass er als Krankenwagenchauffeur dem technischen Dienst angehörte und dadurch auch im Haus Arbeiten ausführte. «Wir sind da ganz bestimmt nicht einfach nur rumgesessen und haben auf den nächsten Einsatz gewartet. Wir haben den internen Transport gemacht. Kehricht, Wäsche, Essenswagen. Ausserdem gingen wir in der Nacht auf Rundgänge und wir haben uns um die Entsorgung von tonnenweisen Akten gekümmert.»
Hauptaufgabe sei aber dennoch das Fahren des Krankenwagens und die Betreuung der Patientin oder des Patienten gewesen – etwas, das manchmal weit übers Fahren hin-ausging. Gion Bigliel schwelgt in Erinnerungen. «Einmal», beginnt er, «als ich im Engadin ausgeholfen habe, musste ich mit einem Patienten bis nach Paris.» Er lacht. «Da bin ich mit dem Ambulanzwagen und dem Patienten an den Zürcher Flughafen gefahren und dann mit ihm nach Paris geflogen. In Paris wurden wir von einer Ambulanz abgeholt und bis zum Spital gebracht.» Die Zeit im Engadin sei sowieso sehr aufregend gewesen. Immer wieder fuhr er nach Mailand oder München. Und einmal reiste er sogar nach Hollywood. Zumindest indirekt. Bei den Dreharbeiten des Films «Feuer, Eis & Dynamit» mit Roger Moore und Steffi Graf durfte Gion Bigliel Verbände für gewisse Schauspielende machen. Und nicht nur das. Bigliels persönliche Rettungsjacke schaffte es sogar in den Film: «Ich habe meine Rettungsjacke fürs Filmen ausgeliehen und dafür als Pfand eine schöne Bogner-Jacke bekommen. Wäre auch in Ordnung gewesen, hätten sie die Jacken nicht mehr zurückgetauscht», sagt Gion Bigliel verschmitzt.
«Stress pur»
Doch Paris und Hollywood bei Seite und zurück nach Chur. «Einmal, das weiss ich noch genau, haben wir bei einem Einsatz in Chur einer Frau dabei geholfen, ihr Kind auf die Welt zu bringen», erzählt Gion Bigliel stolz. «Als der Arzt kam, meinte er nur, wir haben alles richtig gemacht und er wisse gar nicht, weshalb man ihn gerufen habe», fährt er lachend fort. Neben solchen schönen Momenten seien im Alltag als Krankenwagenchauffeur aber auch die actionreichen und adrenalingeladenen Erfahrungen definitiv nicht zu kurz gekommen. Gion Bigliel berichtet von seinem Auftrag, ein Organ von Chur über Zürich bis nach Bern ins Inselspital zu fahren. «Das war Stress pur», unterstreicht er. Der Zürcher Polizei in einem unfassbaren Tempo mit Blaulicht durch die Stadt Zürich zu folgen, sei ein Augen-zu-und-durch-Moment gewesen.
«Traurige Schicksale»
Dass Gion Bigliel zahlreiche Geschichten aus seiner Zeit als Krankenwagenchauffeur erzählen kann, ist spätestens jetzt klar. Stundenlang könnte man den gesammelten Ein-drücken und Geschichten von ihm lauschen. Natürlich sind es dabei vor allem die herz-erwärmenden Momente, von denen man gerne hört. In seinen 26 Jahren als Krankenwagenchauffeur und Transporthelfer hat Gion Bigliel jedoch nicht nur Schönes erlebt. Er hält ein altes Foto in den Händen, welches seine Arbeitskollegen und ihn mit den Ambulanzfahrzeugen zeigt. «Natürlich gab es auch viele tragische Momente», führt er aus. «Traurige Schicksale, schlimme Anblicke. An manchen Tagen hatte man nicht mal Zeit, um etwas zu essen. Und schon gar nicht, um das Gesehene zu verarbeiten», betont er. «Die schönen Momente überwiegen aber», fährt Gion Bigliel anschliessend fort. Momente, in denen er Patientinnen oder Patienten nach Hause fahren, ihnen eine Freude machen und schliesslich auch helfen konnte. Es seien diese Momente, für die man einen solchen Beruf mache.
Ein Experte des Bewahrens
Und sowieso: Zum Sammeln gehören eben mehrere Seiten – nicht nur die einfachen. Das weiss Gion Bigliel nur zu gut, schliesslich ist er ein Experte im Sammeln und Bewahren von Dingen. Ob Eisenbahnmodelle, RhB-Lampen, Miniatur-Ambulanzwagen oder Erinnerungen an die Zeit als Krankenwagenchauffeur. Ob in Vitrinen, auf der Treppe oder in Form von Erzählungen – bei Gion Bigliel wird Gesammeltes sorgfältig aufbewahrt und wiedergegeben. Und die Erinnerungen an die Zeit als Krankenwagenchauffeur auf eine so lebendige Art, als wäre der Sammler noch heute mit Blaulicht unterwegs.
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