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Ein bisschen wie Töfffahren: Ein Davoser erklärt die Kunst des Rodelns

Sportrodeln, Rennrodeln, Schlitteln – ist das nicht alles das Gleiche? Und was davon ist olympisch? Roger Meisser, Präsident des Rodelclubs Davos, klärt auf

Bündner Woche
07.02.26 - 11:00 Uhr
Leben & Freizeit
Roger Meisser an der Europameisterschaft 2025 im Sportrodeln. Er konnte sich den 5. Platz in seiner Kategorie sichern. Warum er auf dem Bild eine kurze Jeans trägt, wird im Text erklärt. 
Roger Meisser an der Europameisterschaft 2025 im Sportrodeln. Er konnte sich den 5. Platz in seiner Kategorie sichern. Warum er auf dem Bild eine kurze Jeans trägt, wird im Text erklärt. 
Bild: zVg

von Maria-Catharina Lechmann

Wer rodeln hört, denkt wohl oft zuerst an gemütliches Schlitteln auf der Schlittelbahn mit der ganzen Familie. Dahinter steckt aber noch viel mehr – nämlich eine ganze Sportwelt mit unterschiedlichen Disziplinen, von denen eine sogar olympisch ist. Für einen Laien oder eine Laiin sind die Unterschiede zwischen Sport- und Rennrodeln sowie Naturbahn- und Kunstbahnrodeln aber gar nicht so einfach zu verstehen. Roger Meisser, Präsident des Rodelclub Davos, versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Geschichte

Der organisierte Schlittensport hat seine Wurzeln im späten 19. Jahrhundert, als aus einfachen Transport- und Arbeits-schlitten nach und nach Sportgeräte wurden. So kam es 1883 zum ersten internationalen Schlittelrennen in Davos und gleichzeitig zur Gründung des «Internationalen Schlittenclubs Davos», der später in «Rodelclub Davos» umbenannt wurde. Damit ist er einer der ältesten Clubs in Davos. 2010 stiess Roger Meisser dazu. «Ein Kollege von mir war bereits Mitglied und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, einmal mitzukommen. Es hat mich schnell gepackt», erzählt er. Der Beweis: Seit zehn Jahren ist Roger Meisser nun Präsident, hat für die Schweiz an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen und trägt auch einen Schweizer-Meister-Titel. Die Mitglieder des Rodelclubs Davos gehören alle zu den Sportrodlerinnen und -rodlern. «Zudem sind wir Naturbahnrodler», stellt Roger Meisser klar.

Die Fahrbahn

In der Rodelszene wird nämlich nicht nur zwischen Sport- und Rennrodeln unterschieden, sondern auch zwischen Naturbahn- und Kunstbahnrodeln. Beim Naturbahnrodeln fährt man auf Strecken, die entweder mit Schnee präpariert oder vereist sind. Die Bahnen werden teils auf bestehenden, teils aber auch auf eigens dafür geschaffenen Flächen errichtet. «Hier in der Schweiz fahren wir hauptsächlich auf Schnee, international eigentlich nur auf vereisten Strecken», erklärt der Präsident des Rodelclubs Davos. Naturbahnen sind üblicherweise zwischen 400 und 1200 Meter lang, die Kurven dürfen nicht überhöht werden. Anders bei Kunstbahnen. Damit ist ein Eiskanal mit künstlicher Kühlung und erhöhten Kurven ­gemeint. Die olympischen Rodelsportlerinnen und -sportler fahren auf solchen Kunstbahnen – gemeinsam mit den Bob- und Skeletonathletinnen und -athleten. Mehr zum olympischen Rodeln finden Sie in der Box. «Es gab auch immer mal wieder Bestreben, das Rennrodeln auf der Naturbahn olympisch zu machen. Diese Vorhaben sind bisher aber alle gescheitert», weiss Roger Meisser.

Der Fahrstil

Was kann man sich denn unter Sportrodeln vorstellen? Einfach den Hang runterfetzen, so wie beim Schlitteln? «Nein, man kann es ein bisschen mit Töfffahren vergleichen», sagt Roger Meisser und grinst. «Sowohl Motorradfahrerinnen als auch Sportrodler fahren eine Linie, haben Anbremspunkte, bremsen in die Kurve hinein und beschleunigen aus der Kurve wieder hinaus. Der Unterschied ist eigentlich nur, dass wir Sportrodler unsere Beine dafür brauchen, während Motorradfahrerinnen Motorkraft nutzen können», erklärt er. Gestartet wird im Sitzen, gesteuert wird mit den Beinen und Armen sowie mithilfe eines Lenkseiles. Bei Rennrodlerinnen und -rodlern (in der Kunstbahn) sieht die Fahrtechnik anders aus. Sie liegen viel flacher und tiefer auf dem Schlitten, steuern ihn fast ausschliesslich über fein dosierte Bein- und Schulterarbeit und bremsen im Idealfall nie. «Ich als Naturbahnrodler könnte nach einer Kurve bremsen und von meinem Schlitten absteigen und die Bahn verlassen. Das ist beim Kunstbahnrodeln nicht möglich», erklärt der Präsident.

Roger Meissers Sportrodel, den er nach seinen Vorlieben personalisiert hat.
Roger Meissers Sportrodel, den er nach seinen Vorlieben personalisiert hat.
Bild: Maria-Catharina Lechmann

Die Bauweise

Bei einem gewöhnlichen Schlitten, den viele vielleicht im Keller stehen haben, liegen die Schienen auf einer angewinkelten Holzkufe. Anders bei einem Sportrodel: Dort liegen die Kufen auf einer Kante auf dem Untergrund. Zudem sind die Schienen in der Längsrichtung innen mit einem sogenannten Grat versehen, um eine bessere Spur zu halten. Doch auch innerhalb der Bauweise von Rodeln gibt es Unterschiede – sie sind auch der Grund, weshalb zwischen Sport- und Rennrodeln unterschieden wird. Im Prinzip funktionieren die beiden Sportgeräte gleich, unterschieden sich aber in einigen technischen Details. Die Kufen von Sportrodeln dürfen beispielsweise maximal eine Neigung von 25 Grad haben und der Rodel wird aus Holz gebaut. Anders die Rennrodel. Diese sind deutlich tiefer gebaut, liegen also nur wenige Zentimeter über der Rodelbahn und haben eine Kufenneigung von 45 Grad. Durch die Bauweise ist der Schlitten deutlich schneller, braucht dafür aber einen harten, glatten Untergrund.

Roger Meisser zeigt auf seinen Rennrodel: «Ich habe diesen zwar fertig gekauft, aber gleich wieder auseinandergenommen und personalisiert. Jeder Sportler und jede Sportlerin hat eigene Vorlieben und Tricks, noch schneller zu fahren – immer im Rahmen des Regelwerks, selbstverständlich», erklärt der Davoser und schmunzelt.

Die Ausrüstung

Damit auch alle heil im Ziel ankommen, braucht es eine passende Ausrüstung. «Das Tragen eines Helmes ist vorgeschrieben. Wer zusätzlich einen Rückenpanzer oder andere Protektoren tragen möchte, darf das auch. Zudem tragen wir Sportrodler einen Rennanzug, Handschuhe und Rennschuhe mit Bremsspikes», beschreibt Roger Meisser. Er hat einen besonderen Trick: «Ich trage über meinem Rennanzug eine kurze Jeanshose. Vor dem Rennen setze ich mich damit in den Schnee, um besseren Halt auf dem Sitz meines Rodels zu haben», sagt er und lacht. Beim Rennrodeln sind die Spikes an den Handschuhen befestigt. Damit kann beim Start schnell Geschwindigkeit aufgebaut werden. Auch Athletinnen und Athleten dieser Sportart tragen einen Rennanzug und Helm mit Visier.

Der Aufruf

«Viele unterschätzen das Rodeln», so der Präsident. «Es ist eben nicht nur einfach eine Bahn hinunterschlitteln. Beim Rodeln braucht man Kraft, Kondition und Technik, um eine Bahn schnell und sicher zu fahren.» Und fügt an: «Interessierte können gerne an einem Kurs unserer Rodelschule teilnehmen und es selbst einmal ausprobieren. Wer einmal mit einem Sportrodel gefahren ist, möchte nicht mehr aufhören.» Roger Meisser spricht wohl aus Erfahrung.

Mittels Gewichtsverlagerung, seiner Hände und des Lenkriemens kann Roger Meisser die Kurve meistern.
Mittels Gewichtsverlagerung, seiner Hände und des Lenkriemens kann Roger Meisser die Kurve meistern.
Bild: zVg

Rennrodeln auf der Kunstbahn – die olympische Sportart

Rodeln feierte bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck 1964 Debüt. Damals fand ein Wettkampf im Einsitzer der Männer und Frauen sowie im Doppelsitzer statt. 2014 wurde in Sotschi erstmals die Team-Staffel eingeführt.

Einzelwettkampf: Die Athletinnen und Athleten treten auf derselben Bahn an, wobei jeweils vier Läufe über zwei Tage absolviert werden. Die Zeiten werden auf die Tausendstelsekunde genau gemessen und addiert. Wer die schnellste Gesamtzeit hat, gewinnt.

Doppelsitzer: Der Doppelwettbewerb wird an einem einzigen Tag ausgetragen. Jedes Duo absolviert zwei Läufe und die Zeiten werden addiert. Das Paar mit der schnellsten Gesamtzeit gewinnt Gold.

Team-Staffel: Die Staffel besteht aus vier Rennen: Einzel der Frauen, Einzel der Männer, Doppelsitzer der Frauen und Doppelsitzer der Männer. Zunächst starten die Rodlerinnen im Einzel. Am Ende der Bahn müssen sie mit der Hand eine hängende Kontaktplatte berühren, wodurch das Starttor für den nächsten Schlitten (Männer-Einzel) geöffnet wird. Die Doppelteams bilden den Abschluss. Sobald alle vier Schlitten im Ziel sind, gewinnt das Team mit der schnellsten Gesamtzeit.

Technik: Der Athlet oder die Athletin liegt rücklings auf dem Rodel. Gelenkt wird durch Beindruck, Verlagerung des Oberkörpers und durch Ziehen der Griffe mit den Händen. Die ideale Fahrweise ist dabei, sich so flach wie möglich auf dem Rodel zu halten. Das Beschleunigen beim Start erfolgt durch beidhändigen Zug und Abstoss von den Bügeln (dies ist der sogenannte Startabzug) und anschliessend durch kurze Schläge mit den Händen, den Paddelschlägen, auf das Eis.
In den Kurven sind die Athletinnen und Athleten Kräften von bis zu 6G ausgesetzt – vergleichbar mit einer intensiven Achterbahnfahrt. Mit einem Tempo von über 150 km/h ist Rodeln die schnellste Disziplin der Olympischen Winterspiele. Die Disziplin wird auf der gleichen vereisten Bahn wie Skeleton und Bob ausgeübt.

Natalie Maag wird die Schweiz in Cortina als einzige Rodlerin an den diesjährigen Olympischen Winterspielen vertreten.

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