Ehrengäste bei der Heilsarmee Chur: Ein Ort der Würde und Wärme
Von der Suppenküche zum Angebot «Open Heart»: Wie die Heilsarmee Chur feines Essen für alle zubereitet.
Von der Suppenküche zum Angebot «Open Heart»: Wie die Heilsarmee Chur feines Essen für alle zubereitet.
von Andri Dürst
Es zischt und dampft in der kleinen Küche an der Gäuggelistrasse 63 in Chur. In einem grossen Topf blubbert eine Gerstensuppe. In zwei Bratpfannen brutzeln Fischstäbchen. Im Backofen werden gerade Blumenkohlröschen gratiniert, während in einem grossen Kochtopf Salzkartoffeln fertig garen. «Heute hatten wir ein kleines Winter-Comeback, deshalb kochen wir auch ein winterliches Menü», erklärt der Herr hinter dem Herd. Er heisst Markus Bächler. Doch er ist nicht nur Koch. «Ich bin gleich für drei ‹K› zuständig: Koch, Kellner und Kirche.» Zumindest zwei dieser Tätigkeiten hat er auch effektiv gelernt: Er hat nicht nur eine Ausbildung als Koch absolviert, sondern sich auch theologisches Wissen angeeignet. Seit anderthalb Jahren ist er Pastor bei der Heilsarmee Chur.
Wenn Fischstäbchen auf Nächstenliebe treffen
Doch für wen kocht er heute? «Für alle, die kommen wollen», lautet die einfache Antwort. Kalkuliert habe er mit 18 Personen. «Manchmal kommen mehr, manchmal weniger.» Konkret geht es um das Angebot, das früher als Suppenküche bekannt war. Randständige wurden damals so mit Essen versorgt. Doch beide Begriffe sind nicht mehr im Einsatz. «Open Heart» heisst das donnerstägliche Abendessen mittlerweile. Und von Randständigen spricht man auch nicht mehr. Es ist vielmehr eine bunte Schar von verschiedensten Menschen. Die einen sind eher einsam, andere drogenabhängig. Aber es sind auch Menschen dabei, die ganz normal im Leben stehen. Was zählt, ist die Gemeinschaft und das gemeinsame Essen. So sieht es auch Markus Bächler. «Ich sage immer, alle sind meine Ehrengäste», erzählt er, während er die Fischstäbchen wendet.
Die Bewirtung ist eine Herzensangelegenheit. Nicht nur für ihn, auch für die anderen Freiwilligen, die Donnerstag für Donnerstag in der Küche stehen. Eine von ihnen ist Barbara. «Für mich hat sich ein Traum verwirklicht, seitdem ich bei ‹Open Heart› mithelfen darf», sagt sie im Gespräch. Sie habe ein Herz für Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Auch wenn es ihr anfangs schwergefallen sei, Drogenabhängige im Park anzusprechen, gelinge ihr das mittlerweile gut. «Ich gehe jeweils donnerstags nach der Arbeit in den Stadtpark und lade die Leute ein, zu uns essen zu kommen. Einige nehmen das Angebot an, andere nicht.» Wie Markus Bächler erklärt, koste das Essen grundsätzlich fünf Franken. Falls jemand aber gar kein Geld habe, solle die Verpflegung nicht daran scheitern.
Während das Küchenteam fleissig das Essen und die Getränke vorbereitet, füllt sich der angrenzende Saal langsam mit Menschen. Es gibt zwei Tische: Am einen sitzen nur Männer, die lautstark miteinander diskutieren. Am anderen ist die Gesellschaft durchmischter. Alte und Junge. Frauen und Männer. Einige herausgeputzt, andere etwas ungepflegt. Doch verurteilt wird hier niemand.
Mit Würde begegnen
Ohnehin wird es sowieso erst einmal ruhig. Denn der erste Gang – also die Gerstensuppe – wird serviert. Das Mahl schmeckt offenbar. Einige loben das Essen. Wer noch Nachschlag möchte, bekommt ihn auch. Dass genug Brot auf den Tischen steht, ist dem Küchenteam ebenfalls wichtig. Als alle ihre Suppe ausgelöffelt haben, räumt Barbara zusammen mit ihrer Kollegin die Teller ab. Nach ein paar Minuten folgt dann auch schon der zweite Gang. Erneut wird deutlich, dass die Anwesenden als Ehrengäste behandelt werden. Beim Anrichten der Teller wird acht gegeben, dass die Speisen schön präsentiert werden. Kleckse werden mit einem Tuch weggewischt. Einige Gäste wissen das zu schätzen und loben das Küchenteam für seine Arbeit.
Nun hat auch Markus Bächler Zeit, um zu essen. Die Bechamelsauce beim Blumenkohl sei ihm nicht ganz so gut gelungen, meint er selbstkritisch. Wir reden aber nicht nur über das Essen, sondern auch über Gott und die Welt. Besonders der Glauben spielt in der Heilsarmee eine wichtige Rolle. Markus Bächler sieht sich dabei aber nicht als Theologe, der von der Kanzel predigt. Vielmehr bezeichnet er sich als Herzensbildner. «Das Leben ist oftmals unfair, ungerecht. Ich möchte nicht, dass dabei das Herz eines Menschen verkümmert. Es soll aufblühen, Freude empfangen!» Er selber habe eine grosse Freude am Leben und dies möchte er gerne anderen weitergeben.
Offenbarungen – über und unter Wasser
In der Küche wird bereits abgewaschen und sauber gemacht. Einige der Gäste holen sich währenddessen einen Tee, andere rauchen draussen eine Zigarette. Dann finden nochmals alle im Saal zusammen. Ein «Input» steht auf dem Programm. Markus Bächler richtet sich mit ein paar besinnlichen Worten an die Gemeinschaft. Die Offenbarung ist heute Thema. Der Pastor schlägt den Bogen zu seinen Tauchferien, wo er einige Meter unter dem Meeresspiegel eine andere Welt entdeckt. «Das war eine Offenbarung für mich.» Als Nächstes stehe noch eine Offenbarung an: das Dessert. Vermicelles mit Meringues und Rahm. Wer das Marroni-Püree nicht mag, kann auch ein Teller ohne bestellen. Wichtig ist, dass es allen schmeckt.
Einige der Gäste verschwinden nach dem Verspeisen des Desserts schnell wieder. Andere bleiben sitzen und plaudern noch ein wenig. Eine der Damen sucht das Gespräch mit der «Büwo». Sie sei aktuell als kurzfristig Obdachlose in der Heilsarmee einquartiert. «Ich habe meinen Job und dadurch auch mein Zimmer verloren», so die 56-Jährige. Sie sei nun sehr dankbar für die Möglichkeit, in der Heilsarmee unterzukommen. Doch nicht nur sie ist dankbar, auch Markus Bächler bedankt sich bei ihr. «Merci, dass du heute kurzfristig zum Kartoffelschälen eingesprungen bist.» Es zeigt sich, dass ein Bibelzitat offenbar wirklich seine Berechtigung hat: «Wer anderen Gutes tut, dem geht es selber gut; wer anderen hilft, dem wird geholfen.»
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