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Die unsichtbare Gefahr: Wie Littering die Landwirtschaft in Bedrängnis bringt

Noch immer werden haufenweise Abfälle achtlos weggeworfen – vieles kommt erst nach der Schneeschmelze zutage.

Bündner Woche
17.03.25 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Aludosen können für Kühe besonders gefährlich sein. Im Bild eine Weide in Untervaz.
Aludosen können für Kühe besonders gefährlich sein. Im Bild eine Weide in Untervaz.
Bild Olivia Aebli-Item

von Andri Dürst

Der Bauernhof – ein Ort der Idylle. Dort, wo die Natur noch Natur ist. So ist es auch auf dem Hof von Thomas Roffler im Gebiet Überlandquart, oberhalb von Grüsch. Schnee liegt hier keiner mehr, aber so richtig frühlingshaft ist es auch noch nicht. Aber auch das ist Natur. Doch die Idylle wird zuweilen getrübt. Dann nämlich, wenn Abfälle oder Hundekot auf den Weiden landen. Erst gerade heute Morgen habe er ein «Fötzali» auflesen müssen, sagt der Landwirt. Er ist zugleich Präsident des Bündner Bauernverbands und stellt sich an einem sonnigen Dienstagmorgen zu Hause den Fragen der «Büwo». 

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, zum Thema «Littering» gescheite Fragen zu stellen. Denn eigentlich sollte das korrekte Entsorgen von Müll eine Selbstverständlichkeit sein. Doch das ist es für viele Leute offenbar immer noch nicht. Am schlimmsten sei die Situation an den Hauptverkehrsachsen, etwa an der Prättigauerstrasse unten im Tal, meint Thomas Roffler. «Es ist wahnsinnig, was Autofahrer und -fahrerinnen alles wegwerfen.» So sei vom Karton über den Joghurtbecher bis hin zur Fast-Food-Verpackung vieles dabei. Am gefährlichsten seien aber Aludosen. «Für uns von der Landwirtschaft ist das Schlimmste. Wenn solche Dosen ins Mähwerk kommen, entstehen feine, scharfe Metallteile. Frisst nun eine Kuh Gras mit solchen Metallteilen, hat dies oft schlimme innere Verletzungen zur Folge.» Problematisch sei dies vor allem bei sogenannten Futtermischwagen, wo eine vollwertige Nahrung für das Vieh gemischt werde. «In solche Mischungen sieht man die Abfallteile dann gar nicht mehr», weiss der Bauernpräsident.

Abfall in der Natur – ein Problem mit Langzeitfolgen

Doch nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Böden hätten liegen gelassene Abfälle Konsequenzen. «Wenn zum Beispiel eine PET-Flasche auf einer Futterbau- oder Ackerfläche landet, hat das Konsequenzen: Diese Böden werden gepflegt und so etwa mit einem Pflug bearbeitet. Dadurch gelangen die Plastikteile dann in den Boden und bauen sich dort ab. Daraus entstehen dann klassische Altlasten-Probleme. Unter anderem gelangen so gesundheitsschädliche PFAS, also synthetische Industriechemikalien, in die Erde.» An sich seien weggeworfenes Papier und Karton weniger schlimm, weil diese Stoffe schneller verrotten würden. «Doch die Beschichtungen sind problematisch, wo wiederum viele Chemikalien drin stecken.»

Frühling bringt Schönes, wie diese Blümchen zutage, aber auch Unschönes, wie dieser Becher.
Frühling bringt Schönes, wie diese Blümchen zutage, aber auch Unschönes, wie dieser Becher.
Davoser Zeitung

Littering – also das achtlose Wegwerfen von Abfall – ist aus Sicht von Thomas Roffler im Winter häufiger anzutreffen als im Sommer. «Einerseits sind dann wegen des Tourismus deutlich mehr Leute im Kanton unterwegs als im Sommer. Andererseits ist wegen der kurzen Tage auch die Versuchung grösser, in der Dunkelheit etwas wegzuwerfen.» Doch wieso werfen Menschen Abfälle überhaupt einfach so in die Natur? «Wohl aus Leichtfertigkeit und aus Unüberlegtheit. Für viele gilt offenbar immer noch: ‹Aus den Augen, aus dem Sinn.› Einige sind sich wohl auch den Folgen nicht bewusst.» Damit die vorhin erwähnten Konsequenzen trotz liegen gelassenem Müll ausbleiben, dafür sorgen verschiedene Räumungsequipen. «An den Hauptstrassen ist vor allem das kantonale Tiefbauamt im Einsatz, um immer mal wieder Kehricht einzusammeln. Das ist eine sehr wichtige, aber auch gefährliche Aufgabe. Den Angestellten, die diese Arbeit machen, gebührt grosse Anerkennung.»

Bergbahnbetreiber reagieren vorbildlich 

Was der Landwirt ebenfalls schätzt, ist der Einsatz der Bergbahnen. «Im Frühling – nach der Schneeschmelze – ist das für die Skiliftbetreiberinnen jeweils ein grosses Thema, und viele haben ganze Equipen, mit denen sie die Alpweiden räumen. Sie sind sich also der Problematik bewusst und reagieren entsprechend.»

Doch eigentlich müsste das gar nicht sein, würden alle Leute ihre Abfälle korrekt entsorgen. Deshalb ist Littering auch immer wieder Thema an Schulen. Und auch beim Bündner Bauernverband sei man kampagnenmässig aktiv, so Thomas Roffler. «Eine Kampagne nützt aber nur, wenn sie auffällt», gibt er zu bedenken. In Sachen Littering sieht er aber in erster Linie die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern den korrekten Umgang mit Kehricht beizubringen. 

Thomas Roffler spricht als Präsident des Bündner Bauernverbands stellvertrendend für alle Landwirtschaftsbetriebe über das Ärgernis «Littering».
Thomas Roffler spricht als Präsident des Bündner Bauernverbands stellvertrendend für alle Landwirtschaftsbetriebe über das Ärgernis «Littering».
Olivia Aebli-Item

Es ist jedoch nicht nur Abfall, der der Landwirtschaft Sorge bereitet. Auch liegen gelassener Hundekot kann üble Folgen mit sich ziehen. «Zuerst muss man wissen, dass der Kot von Pflanzenfressern und Fleischfressern ganz etwas anderes ist. Sprich, wenn auf einer Wiese ein Kuhfladen liegt, heisst das nicht, dass man das Häufchen des Hundes auch liegen lassen kann.» Würden pflanzenfressende Tiere Hundekot fressen, habe dies starke Reaktionen im Verdauungstrakt zur Folge. «Hundekot enthält auch oft krank machende Bakterien. Das kann dann beim Vieh zu Durchfallerkrankungen, Vergiftungserscheinungen und im schlimmsten Fall zum Tod führen.» 

Auch Hundekot kann verheerende Folgen haben

Wie gross die Problematik von liegen gelassenem Hundekot sei, hänge stark von der Anzahl Robidogs-Abfallkübel in der Umgebung ab, so die Einschätzung des Bauernpräsidenten. «Hier sehe ich auch die Gemeinden in der Pflicht, dass sie mitdenken und ihre Robidogs optimal platzieren, die Behälter regelmässig leeren und die Säckchen immer wieder auffüllen.» In der Region funktioniere dies aber grundsätzlich gut, ergänzt er. Die Hundehalter und -halterinnen hätten eine hohe Disziplin. Dennoch: «Es kommt auf meinem Betrieb rund ein bis zweimal pro Jahr vor, dass Hundekot in Siloballen gelangen. Die Exkremente gären dann dort drin. Öffnet man dann den Siloball, ist das ‹wahnsinnig grusig›. Solche Ballen müssen wir dann auch sofort entsorgen.» Im besten Falle sehe man den Hundekot aber während des Mähens und könne ihn selber noch entfernen. 

In erster Linie bestehe das Problem auch an Strassen und Wegen, und nur selten mitten in der Wiese. «In landwirtschaftlichen Gebieten bestehen ja die sogenannten ‹geschlossene Zeiten›. Hier in Grüsch beispielsweise ist das Betreten von Wiesen und Weiden vom April bis Oktober Unberechtigten untersagt. Und daran halten sich auch die allermeisten.» Doch auch wenn man im Winter auf Feldern Gassi gehe, müsse man das Häufchen des Hundes entsorgen. «Die Annahme, dass Hundekot im Schnee verrottet, ist falsch. Der Kot gefriert und der Verrottungsprozess tritt nicht ein.» Man sieht: Der Schnee bringt alles zutage. Schönes und Unschönes.

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