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Vital: «Versuche, Zuschauer entscheiden zu lassen»

Für den Dokfilm «Valzeina – Life In Paradise» hat der Aroser Roman Vital das Ausreise­zentrum Flüeli besucht. Dabei sei es ihm nicht darum gegangen, Antworten zu liefern, sondern zur Reflexion anzuregen. Heute ist in Chur Premiere.

Südostschweiz
Freitag, 26. April 2013, 08:00 Uhr
Im Ausreisezentrum Flüeli werden Asylsuchende untergebracht, die nicht in der Schweiz bleiben dürfen.

Herr Vital, für Ihren Dokumentarfilm «Valzeina – Life In Paradise» haben Sie sich über einen Zeitraum von zwei Jahren mit dem Ausreisezentrum Flüeli in Valzeina beschäftigt. Was erwartet den Zuschauer? Roman Vital: Im Film geht es darum aufzuzeigen, wie wir in der Schweiz als Privilegierte der westlichen Welt mit Asylsuchenden umgehen.

In den Medien wurden Sie zitiert, Sie würden mit dem Film auch aufzeigen wollen, wie Demokratie funktioniere. Was meinen Sie damit? Ich habe immer abgestimmt – ein eher theoretischer, abstrakter Vorgang. Da habe ich mich gefragt: Wie sehen die Folgen in der Praxis aus? Was bedeutet das für dich und mich konkret?

Der Umgang mit abgewiesenen Asylsuchenden ist politisch ein heisses Eisen. Ist es da noch möglich, sich dem Thema unvoreingenommen zu nähern? Ich glaube schon. Als Dokumentarfilmer und Journalist muss ich alle Seiten anschauen und darf den Film nicht für eigene Aussagen benutzen. Würde der Film instrumentalisierend wirken, hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht.

Für eine Dokumentation über ein Zentrum für abgewiesene Asylbewerber in einer 140-Seelen-Gemeinde bieten sich unterschiedliche Perspektiven an. Für welche haben Sie sich entschieden? Ich habe mich bewusst für keine Perspektive entschieden. Man könnte sagen, dass der Film uns Schweizer mit unserer eigenen Asylpolitik konfrontiert. Aber nicht aus einer bestimmten Perspektive. Ich versuche eher, als extrem stiller Beobachter den mündigen Zuschauer selber entscheiden zu lassen. Es ist auch sehr spannend, sich in die Situation der jeweiligen Lager zu versetzen und deren Perspektive zu vermitteln. Damit soll aufgezeigt werden: Die Realität ist zu kompliziert für vorgefertigte Meinungen.

… auch das ein Anliegen des Films? Es nervt mich, dass die Migrations­diskussion sehr polarisierend geführt wird. Alles in Schwarz-Weiss. Für mich war klar: Wenn ich das Thema angehe und die Chance habe, dass sich alle Seiten den Film anschauen, darf ich mir keine tendenziöse Haltung erlauben. Ich habe auch schon einen Bericht über Valzeina gelesen, bei welchen bereits nach drei Zeilen klar war, dass der Autor aus der linken Ecke stammt. Bürgerlich eingestellte Leser kann man so nicht erreichen.

Was soll der Film vermitteln? Was der Film sagen will, ist: Es gibt keine einfachen Antworten, kein Schwarz oder Weiss. Es ging mir darum, Grautöne in die Diskussion einzubringen. Es geht um Menschen, da kann man nicht so tun, als liessen sich die Probleme mathematisch lösen.

... mathematisch lösen? Solange der Wohlstand hier so viel grösser ist als in den Herkunftsländern der Asylsuchenden werden die Menschen in die Schweiz kommen – da können wir noch so hohe Zäune errichten. Einfach zu denken, mit einer Gesetzesverschärfung hier und dort das Problem lösen zu können, ist ein komplett falscher Ansatz.

Asylsuchende, die ihr Land verlassen mussten, in einem Dorf, welchem das Ausreisezentrum vom Kanton aufgezwungen worden ist – das verspricht ein erhebliches Konfliktpotenzial. Da muss es schwierig gewesen sein, das Vertrauen aller Beteiligten zu gewinnen. Das war nicht immer einfach. Die Abgewiesenen dachten erst, ich arbeite für den Kanton, und in der Dorfbevölkerung hielt man mich zu Beginn für eine rote Socke. Im Gespräch konnte ich beiden Lagern verständlich machen, dass es mir darum geht, beide Seiten zu zeigen und nicht zu werten.

Gab es beim Dreh sonstige Herausforderungen oder auch Überraschungen? Da gab es eine syrische Familie im Zentrum, zu der wir bereits Kontakt aufgebaut hatten und die sich für den Film zur Verfügung stellte. Zwei Tage bevor wir mit dem Kamerateam in Valzeina drehen wollten, wurde die Familie samt Kinder ausgeschafft – darüber wurde in den Medien auch ausführlich berichtet. Überrascht hat mich in gewissen Momenten die extreme Betroffenheit im Dorf, wenn ??ein Bewohner des Ausreisezentrums ausgeschafft wurde. Zwar ist die Bevölkerung angehalten, keine Beziehung zu den Menschen im Zentrum aufzubauen. Aber ab einer gewissen Nähe lässt sich das nicht verhindern – ob man will oder nicht. Schliesslich gibt es solche, die bereits seit über fünf Jahren im Ausreisezentrum leben.

Bei früheren Projekten wie etwa dem Dokfilm «Arosa isch besser» über den Werdegang des EHC Arosa war Ihr persönlicher Bezug offenkundig. Wie sieht das bei «Valzeina – Life In Paradise» aus? Meine Grosseltern sind einst aus Italien eingewandert und liessen sich in Luzein nieder. Dort verbrachte ich als Kind viel Zeit, habe auf Spaziergängen das Prättigau erkundet, war auch auf dem Aussichtspunkt bei Valzeina. Auch lebte ich gut fünf Jahre in Deutschland und konnte aus der Aussenperspektive mitverfolgen, wie sich die Debatte im Asylbereich entwickelte. 2006 kam dann das verschärfte Asylgesetz – und zu der Zeit habe ich von meinen Grosseltern erfahren, dass in Valzeina das Ausreisezentrum entstehen soll.

2006 gab die Bündner Regierung ihre Pläne für Valzeina bekannt, knapp zwei Jahre später nahm das Ausreisezentrum den Betrieb auf. Ist das Thema noch aktuell? Selbst wenn das Ausreisezentrum in fünf Jahren nicht mehr stehen sollte – das Thema ist zeitlos. So auch der Film. Aber die Diskussion um solche Standorte ist mehr eine Metapher dafür, was es heisst, wenn ein kleines Dorf mit der grossen Welt konfrontiert wird. Und das gilt auch für viele andere Dörfer, die sich heute oder morgen in derselben Situation wiederfinden. In meinem Film zeige ich, was in dem kleinen Dorf passiert ist, wo zu Beginn grosse Angst vorherrschte vor dem, was das Zentrum bringen wird.

Was soll, was kann der Film zur Diskussion um Einwanderung beitragen? Ich wünsche mir, dass sich alle Lager den Film anschauen und dabei einen besseren Bezug zur Realität gewinnen, dass Links und Rechts sich zusammensetzen und das Thema etwas entspannter angehen, als dies heute der Fall ist. Aber ich bin auch genug Realist, um einzusehen, dass diese Vorstellung eher utopisch ist. Aber man braucht Utopien, um zu überleben. Wenn auch nur ein paar Wenige den Film anschauen und das Thema aus einem neuen Winkel sehen, wäre das schon ein Erfolg. Dafür macht man es.

Wer soll sich den Film anschauen – und wer nicht? Der Film erzählt nicht eine Geschichte, bei der der Zuschauer an der Hand genommen wird und sich zurücklehnen kann. Ich hoffe im Gegenteil, dass er viel mehr auf sich selbst zurückgeworfen wird und seine eigene Meinung reflektiert. Letztlich ist der Film für alle gedacht, die in der Schweiz Verantwortung übernehmen wollen. Aber nicht nur. Ein nigerianischer Pfarrer aus dem Unterland, der als Übersetzer am Projekt mitgearbeitet hat, ist vom Film begeistert und will ihn auch in Nigeria aufführen, um den Leuten zu zeigen, wie das Leben im vermeintlichen Paradies wirklich ist.

Und wie ist es mit Ihnen? Hat die Arbeit am Film auch Ihre eigene Sichtweise zum Thema verändert? Verändert in dem Sinne nicht. Aber ich sehe die Dinge auf jeden Fall differenzierter als zuvor. Wo es um Menschen geht, wird es sehr kompliziert. Denn jede Geschichte ist für sich einzigartig. Da lassen sich keine Raster anwenden. Wenn einer sein Land verlassen muss, hierher kommt und dann abgewiesen wird, befindet er sich im Ausnahmezustand. Da kann es auch mal schwierig werden, nicht zu resignieren, keinen Frust zu entwickeln. Der Film zeigt Facetten auf, die der Zuschauer nicht kennt. Vielleicht kann der Film so dazu beitragen, dass Positionen überdacht, vorgefertigte Meinungen überprüft werden. Wenn das gelänge, wäre es super. Und das ist mit diesem Film auch möglich. Man muss es aber auch wollen.

Die Premiere von «Valzeina – Life In Paradise» findet am Freitag um 18 Uhr im Kino Apollo in Chur statt.

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