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Er macht nicht nur Kunst, sondern betreibt auch Churs kleinste Galerie

Vor gut zehn Jahren hat sich Marco Piroddi als Künstler erfunden, nun gibt der Wahlbündner seine Monografie heraus. Warum denn das? «Ich denke, es ist an der Zeit», meint der Maler und Plastiker.

Carsten
Michels
11.02.26 - 19:00 Uhr
Kultur
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Atelierbesuch in Zizers: Der Bündner Künstler Marco Piroddi blickt auf sein Schaffen zurück, darunter eines seiner ersten Kunstwerke («III»), das in Bern entstanden ist.
Bild: Corinne Thöni

Am Ende unseres Gesprächs wirkt er plötzlich etwas besorgt. «Hoffentlich wird das jetzt nicht so ein Zeitungsartikel nach dem Motto ‹Vom Koch zum Künstler›», sagt Marco Piroddi, während wir die Jacken anziehen und den Wohnblock am Ortsrand von Zizers verlassen. Dabei wird genau andersherum ein Schuh daraus. Zwei Stunden lang haben wir ausgiebig über seine Kunst gesprochen, haben Bilder und Abbildungen betrachtet, biografische Stationen Revue passieren lassen, sogar in seinen Skizzenbüchern geblättert, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Und nun muss Piroddi auf den Bus Richtung Chur. Er fährt zur Arbeit. Als Koch und Küchenchef der Kulturbar «Werkstatt».

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Piroddi führt diese zwei Leben. Oder besser gesagt: ein Leben, das beides beinhaltet – produktive künstlerische Tätigkeit und den Broterwerb in der Gastronomie. Als er sich vor bald acht Jahren dauerhaft in Zizers niederliess, wo seine Frau, die Tanzpädagogin Nadja Piroddi, als Primarlehrerin arbeitet, hatte in der Bündner Kunstszene nun wirklich niemand auf ihn gewartet. Die Felder sind seit Langem abgesteckt zwischen Kunstmuseum und städtischen Galerien. Jeder kennt hier jede und jeden, der Neuzugang ist bestenfalls ein unliebsamer Konkurrent. Man muss schon ein dickes Fell mitbringen, wenn man in der Kantonshauptstadt Fuss fassen will. Oder grossformatige abstrakte Gemälde in leuchtenden Farben, die zu sagen scheinen: Hey, Leute, hier bin ich, und das ist es, was ich mache. Unter den Bildern, die Piroddi in seiner ersten Churer Ausstellung vor dreieinhalb Jahren in einer Pop-up-Galerie in Bahnhofsnähe zeigte, waren auch Arbeiten aus Bern. Seine allerersten, nachdem er sich dort als Künstler gefunden hatte.

Den Malkasten im Gepäck

Diese Berner Zeit, in der er sich mehr als ein Jahr ausschliesslich dem Malen widmete, nennt Piroddi heute ein «Deep Dive», also das tiefe Eintauchen in eine Welt, die ihm völlig neu war. Gemalt hatte er bereits davor hin und wieder. «Aber mit Kunst hatte das nicht viel zu tun», erinnert er sich selbstkritisch. Dass er seinen «Tauchversuch» in der Bundesstadt überhaupt unternehmen konnte, verdankte er seiner Kochtätigkeit in der gehobenen Gastronomie. «Ich hatte ein bisschen Geld zurückgelegt – was fehlte, waren Leinwand und Pinsel.» Einen Malkasten mit Ölfarben besass er schon, irgendwann mal in Zürich gekauft. Sein erstes Gemälde: ein weiblicher Akt. Gibts den heute noch? Piroddi grinst. «Nein, den habe ich später übermalt.» Fasziniert von Gerhard Richters Rakeltechnik, habe er sich in die Abstraktion gestürzt. «Das lag mir: die Körperlichkeit der Farbe, die räumliche Gestaltung in die Tiefe, das Dynamische der Formen.»

Kunststudium ja oder nein? Marco Piroddi hat sich gegen den akademischen Weg entschieden und sich sowohl praktisch als auch theoretisch mit der Kunst auseinandergesetzt.
Bild: Corinne Thöni

Woher nahm er damals den Mut, sich auf das Abenteuer eines Künstlerlebens einzulassen? «Keine Ahnung», sagt Piroddi, «ich wollte es einfach wissen.» Die Zeit in Bern habe durchaus etwas Übersteigertes gehabt, erklärt er im Rückblick. «Man könnte auch sagen: etwas Ungesundes. Dieses ‹Ganz oder gar nicht› kann einen schon an seine Grenzen bringen.» Zum Sowohl-als-auch fand er offenbar erst im Lauf der folgenden Jahre. Hat er nie daran gedacht, ein Kunststudium zu machen? «Doch, diesen Gedanken gab es.» Er habe sich tatsächlich an der ZHdK in Zürich umgesehen. «Aber neben dem fehlenden Abitur stand die Frage im Raum, ob ich diesen akademischen Rahmen denn brauche.» Letztlich seien das eigene Malen, philosophische Lektüre und die Auseinandersetzung mit Kunsttheorie seine Art von Studium gewesen.

«Vielleicht habe ich ein romantisierendes Bild im Kopf, geprägt vom Kulturleben grosser Städte wie New York, Paris, Berlin oder Mailand.»

Marco Piroddi, Kunstschaffender

Körperlichen Ausgleich zur Kopfarbeit fand er damals im Bouldern. Piroddi bezeichnet sich als begeisterten Kletterer, auch wenn er heute nur noch selten in den Felsen herumkraxelt. Als Vater muss er Prioritäten setzen.

Fremde Sprache, mieses Wetter

Wenn er erzählt – von seiner Kunst, den verschiedenen Arbeitsorten, von seiner Frau und dem gemeinsamen fünfjährigen Sohn –, fällt schnell etwas auf: Piroddi spricht ein fast lupenreines Schriftdeutsch, aber mit südlichem Singsang. Manchmal sucht er nach einem Wort, um dann ein besonders treffendes zu finden oder eine überraschend bildhafte Umschreibung. «Reden kann ich», sagt er lachend. Bis er 16 war, sprach er allerdings ausschliesslich Italienisch. Und ein paar Brocken Sardisch. 1984 geboren, wuchs er in Muravera auf, einem Dorf im Süden Sardiniens mit damals gut 4000 Seelen. Den «Kontinent», wie das italienische Festland auf der Insel genannt wird, kannte er nur aus mündlichen Schilderungen und dem Fernsehen.

Statement im Korridor seiner Wohnung: Marco Piroddi steht neben dem Kunstwerk «Il mio riflessoIl», das einen Grossteil der Flurwand einnimmt.
Bild: Corinne Thöni

Als sich seine Eltern trennten, zog er mit seiner Mutter, die aus Deutschland stammt, ins niedersächsische Meppen. «Fremde Sprache, mieses Wetter, ein Kulturschock», fasst Piroddi den Bruch in seinem Teenagerleben zusammen. «Schule war nicht so meins, die Kochlehre dann schon eher.» Er habe Glück gehabt. Sein Ausbildungsbetrieb ermöglichte ihm, Erfahrungen in Küchen der Spitzengastronomie zu sammeln. Nach der Lehre kochte er bald einmal im gehobenen Segment – in Deutschland, in Frankreich und der Schweiz. Mit nur 27 Jahren wurde er Küchenchef in einem St. Moritzer 4-Stern-Hotel. «Das klingt jetzt beeindruckender, als es war», sagt er. «Vor allem war es viel Arbeit.»

Mehr Diskurs, gern auch Streit

Mittlerweile ist Piroddi 41-jährig und betreibt in der Churer «Werkstatt» nicht nur die dortige Küche, sondern auch den kleinsten Ausstellungsraum der Stadt. Genau vier Quadratmeter misst der schmale Flur, den er Kunstschaffenden und Experimentierfreudigen zur Verfügung stellt. Gedacht ist das Ganze als eine fortlaufende Reihe künstlerischer Interventionen, zu denen die Teilnehmenden jeweils eingeladen werden. Das Kuratieren gefällt ihm, der Austausch über Kunst sowieso. Von Letzterem gebe es, findet Piroddi, ohnehin zu wenig. «Vielleicht habe ich ein romantisierendes Bild im Kopf», mutmasst er, «geprägt vom Kulturleben grosser Städte wie New York, Paris, Berlin oder Mailand.» Er jedenfalls wünsche sich auch im kleinen Chur mehr Gespräche unter den Kulturschaffenden, weniger gegenseitiges Desinteresse und stattdessen mehr Diskussionen – «gerne auch Streit, warum nicht?»

Angekommen: Nach Jahren des Herumwanderns hat Marco Piroddi in Graubünden eine neue Heimat gefunden – beruflich, familiär und künstlerisch.
Bild: Corinne Thöni

Vielleicht nicht unbedingt Streit, aber durchaus schräge Blicke und hämische Bemerkungen könnte Piroddis neuestes Projekt auslösen: die Veröffentlichung seiner Monografie. 185 Seiten hochwertiger Kunstdruck und damit ein Überblick über sein bisheriges Schaffen, das ein knappes Jahrzehnt umfasst. Auf dem Einband in sonnengelbem Leinen prangt in grossen Lettern sein Name. Ist das nun frech oder mutig? «Nein, weder noch», sagt der Künstler und überlegt einen Moment. «Nennen wir es eine Bestandsaufnahme und die Wegbeschreibung dorthin.» Künstlermonografien seien einfach ein Ausdrucksmittel, das sowohl eine Selbstreflexion als auch die Betrachtung von aussen erlaube. «Ich bin ja nicht der Erste, der so etwas macht.»

Buchvernissage: Donnerstag, 12. Februar, 19 Uhr, Labor am Pfisterplatz, Chur.

«Marco Piroddi – Monograph»: Limitierte Erstausgabe. 185 Seiten. 200 nummerierte und signierte Exemplare. 2026. ISBN 978–3–033–11741–9
Pressebild

Carsten Michels ist Kulturredaktor bei Südostschweiz Print/Online. Er berichtet über das Kulturleben im Kanton Graubünden. Die Schwerpunkte seiner Berichterstattung liegen in den Bereichen Musik, Theater und Bildende Kunst. Carsten Michels ist in Berlin aufgewachsen und zog 2002 in die Schweiz. Seit Januar 2003 ist er – mit dreijähriger Unterbrechung – für die Medienfamilie Südostschweiz tätig. Mehr Infos

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