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Das St. Galler Kriminalmuseum – klein aber faszinierend

Dieser Estrich im St. Galler Regierungsgebäude liesse Sherlock Holmes vor Neid erblassen: Im Kriminalmuseum der Kantonspolizei sind ungewöhnliche Fälle aus den letzten 150 Jahren dokumentiert. Die kleine, aber faszinierende Sammlung ist wenig bekannt.

Südostschweiz
20.07.12 - 13:00 Uhr

St. Gallen. – Kein Wegweiser, keine Tafel mit Öffnungzeiten, nur eine unscheinbare Tür gegenüber der Medientribüne des Kantonsratssaals. Dahinter verbirgt sich auf 100 Quadratmetern ein buntes Sammelsurium: Vitrinen voller Pistolen, Drogenutensilien, falsche Tausendernoten, Einbruchs-Werkzeuge, ein aufgeschweisster Tresor.

An den Wänden hängen Jagd-Trophäen von Wilderern, grausige Fotos von Verbrechens-Tatorten, die Teufelsmaske, die sich ein Bankräuber während der Fasnacht aufsetzte, Fahndungsbilder, präparierte Finger- und Fussabdrücke. So vielfältig wie die Exponate sind auch die Geschichten, die sich darum herum ranken.

Tod durch das Fallbeil

Wenn Polizeisprecher und «Museumswärter» Hans Peter Eugster erzählt, kommt Leben in die Kriminalfälle. Zum Beispiel die Geschichte des dreifachen Mörders Paul Irniger, der im Kanton St. Gallen zum Tod verurteilt und am 25. August 1939 in Zug geköpft wurde. Es sei die zweitletzte Hinrichtung durch das Fallbeil in der Schweiz gewesen, berichtet Eugster. St. Gallen gehörte zu den letzten acht Kantonen, welche die Todesstrafe noch kannten, ehe diese 1942 im ganzen Land abgeschafft wurde.

In den 1960er-Jahren narrte ein Tresorknacker die St. Galler Polizei. Der Mann trug bei seiner «Arbeit» Schuhe mit aufgeklebten kleinen Sohlen. Die Spuren führten die Ermittler in die Irre. Doch die Polizei kam dem Tresorknacker auf die Schliche. Die doppelten Sohlen können heute im Museum bestaunt werden.

Stürms falsches Nummernschild

Nicht ohne Stolz zeigt Eugster ein gefälschtes Nummernschild des Ausbrecherkönigs Walter Stürm (1942–1999). Das Corpus Delicti stammt aus dem Jahr 1963. Stürm war damals 21 Jahre alt und handelte mit gestohlenen Sportwagen.

Von Einfallsreichtum zeugt der Tauchsieder, den ein Häftling aus Jogurtdeckeln fertigte und mit einer Plastikhülle isolierte. Das Gerät steckte der Häftling in seiner Zelle direkt in die Steckdose und kochte sich Tee. «Der Mann erlitt weder einen Stromstoss, noch gab es einen Kurzschluss», erzählt Eugster.

Gut dokumentiert ist die Polizeiarbeit aus früheren Jahrhunderten. Bevor etwa um 1865 Fotografien aufkamen, wurde mit Hilfe von Bleistiftzeichnungen nach Tätern gefahndet. Zu sehen sind auch historische Uniformen – vom dunkelgrün gekleideten Ländjäger im 19. Jahrhundert bis zur orangen Polizei-Jacke von heute.

Cessna-Nase entsorgt

Entsorgt hat Eugster die Wrackteile jener Cessna, die 1994 in den Bodensee abstürzte. Die Vermutung, an Bord des Flugzeugs habe sich radioaktives Cäsium befunden, erwies sich als falsch. Der Absturz war kein Kriminalfall – und die Flugzeugnase brauchte im Museum einfach zu viel Platz.

In den kommenden Monaten wird das Museum erneuert. Die 16 000 Franken aus dem Lotteriefonds, die der Kantonsrat bewilligte, reichen für einen neuen Anstrich und eine einheitliche Präsentation der Fotografien. Die Vitrinen wurden mit Unterstützung einer Szenografin bereits erneuert.

Skimming: Betrug am Bancomat

Neu können sich Museumsbesucher an einem Bancomaten das betrügerische «Skimming» demonstrieren lassen. Die Kamera, die die Eingabe des Codes filmt, ist so klein wie ein Stecknadelkopf. Haben die Betrüger die Kartendaten und den Code eimal in der Hand, dauert es laut Eugster nur vier Stunden, bis mit einer illegalen Zweitkarte in den USA oder in Südamerika Geld abgehoben wird.

Führungen durch das 1966 gegründete St. Galler Kriminalmuseum gibt es nur für Gruppen und auf Anfrage. Personen unter 18 Jahren haben jedoch keinen Zutritt. Die Kantonspolizei will vermeiden, «dass die Ausstellung die kriminelle Fantasie zu sehr anregt». (sda)

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