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Zwei Choreografen, zwei Welten, eine visuelle Sprache

Die beiden Choreografen Kinsun Chan und Martin Zimmermann eröffnen mit ihrem ersten gemeinsamen Stück das Tanzfestival Steps. Ein Probenbesuch in St. Gallen erklärt, weshalb ein Kleidungsstück eine wichtige Rolle in «Wonderful World» spielen wird.

Agentur
sda
21.04.22 - 10:34 Uhr
Kultur
Die beiden Choreografen Kinsun Chan (links) und Martin Zimmermann haben erstmals gemeinsam ein Tanzstück erarbeitet. "Wonderful World" eröffnet am 28. April das Tanzfestival Steps.
Die beiden Choreografen Kinsun Chan (links) und Martin Zimmermann haben erstmals gemeinsam ein Tanzstück erarbeitet. "Wonderful World" eröffnet am 28. April das Tanzfestival Steps.
Keystone/GIAN EHRENZELLER

Ihre Arbeiten sind alles andere als konventionell und fallen oft aus dem Rahmen. Auch ihr Werdegang ist nicht geradlinig verlaufen. Kinsun Chan studierte in den USA Grafik und Design, bevor er sich dem Tanz widmete. Sein erster Tanzlehrer war ein Kellner im Restaurant seiner Eltern. Chan tanzte in Zürich unter Heinz Spoerli und später am Theater Basel unter Richard Wherlock.

Als Choreograf arbeitet er auch gerne für die Oper und entwirft Bühnen und Kostüme selber. Seit der Saison 2019/2020 leitet er die Tanzkompagnie am Theater St. Gallen.

Martin Zimmermann schloss nach der Lehre als Dekorationsgestalter 1995 in Paris eine Ausbildung an der Hochschule Centre National des Arts du Cirque (CNAC) ab. Mit seinem Diplomstück ging der Zürcher drei Jahre lang auf Welttournee.

Seit über zwei Jahrzehnten mischt er als Choreograf, Theaterregisseur, Bühnenbildner und Performer die internationale Theater- und Tanzszene auf. Drei seiner Bühnenbilder wurden mit einem Swiss Design Award ausgezeichnet. Sein neustes Stück «Danse Macabre» feierte 2021 am Theaterspektakel Premiere. Seither ist es auf Europatournee.

Ein weisses Stück Papier

Mit Zimmermann und Chan begegnen sich Vertreter zweier Welten. Der eine ist seit jeher in der freien Szene zuhause, der andere arbeitet fest an einem Theater. Beiden gemeinsam ist, dass jedes ihrer Stücke ein Neuerfindung ist. «Wir beginnen mit einem weissen Stück Papier, dass wir jedes Mal neu falten», sagt Kinsun Chan.

Auch das Verständnis für Bilder und die visuelle Kunst verbindet die beiden Choreografen. Für die 18. Ausgabe des Tanzfestivals Steps arbeiten Zimmermann und Chan zum ersten Mal zusammen. In ihrem Stück «Wonderful World» gehen sie der Frage nach was passiert, wenn die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gerät.

Wegen der Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine ist das Thema hochaktuell. «Wonderful World» sei trotzdem ein lebendiges, tragisch-komisches Stück voller Hoffnung, so Zimmermann. «Humor ist unsere Waffe», ergänzt Kinsun Chan.

In einem partizipativen Prozess erarbeiteten sie gemeinsam mit den 15 Tänzerinnen und Tänzern die einzelnen Figuren. Nach der Covid-Zeit sei das für die ganze Truppe eine grosse Entdeckung gewesen - wieder in Dialog treten, sich nahe kommen und sich wieder verbinden.

Seit vier Wochen wird in der St. Galler Lokremise geprobt. Das Stück beginnt in einem Club. Die Musik stammt von Daniel Steffen und Hans-Peter Pfammatter, zwei Schweizer Komponisten, die bereits für zahlreiche Bühnenformate komponiert haben.

In der Masse untertauchen

Die Tänzerinnen und Tänzer feiern eine riesengrosse Party bis die Situation zu kippen beginnt. «Die Individualität jedes einzelnen wird von der Globalisierung gefressen», sagt Chan. Im Spiel mit lebensgrossen Puppen tauchen die Ensemblemitglieder in der Masse unter.

Dreh- und Angelpunkt ist eine schwarze, instabile Bühne. «Sie ist der Hauptdarsteller und steht für unsere sich stets verändernde Welt», erklärt Martin Zimmermann, der in seinen Stücken das Spiel mit der Schwerkraft mit vollem Körpereinsatz auskostet - schwebend, purzelnd, balancierend, springend, tänzelnd.

Auch ein Kleidungsstück, auf das sich die gesamte Gesellschaft einigen konnte, bekommt eine tragende Rolle. «Der Hoodie ist zeitlos und gleichsam ein Symbol für Macht und Anarchie,» so Chan. Progressive Jugendkulturen trugen ihn zuerst, etwa in den 1980er- und 1990er-Jahren Protagonisten der noch jungen Hip-Hop-Bewegung.

Der Kapuzenpullover steht auch für die Anonymität, «sich verstecken, abkapseln». «Der Hoodie wird zum magischen Kleidungsstück, das sich zu bizarren Objekten verformen lässt», meint Martin Zimmermann.

«Wonderful World» feiert am 28. April in St. Gallen Premiere. Das Stück tourt nach einigen Vorstellungen in der Lokremise und im Verrucano in Mels durch die Schweiz und macht unter anderem in Basel, Bern, Delémont und Sierre Station.

www.steps.ch

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