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Tilda Swinton: «Ich bin keine Schauspielerin»

Am Dienstagabend hat Schauspielerin, Regisseurin, Produzentin und Oscarpreisträgerin Tilda Swinton das Zürcher Filmpodium besucht. Wobei, eine Schauspielerin sei sie ja gar nicht, behauptete die Schottin in dem Gespräch.

Agentur
sda
01.06.22 - 13:23 Uhr
Kultur
Vor wenigen Tagen noch am Filmfestival in Cannes, am Dienstagabend zu Besuch im Filmpodium Zürich: die schottische Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Tilda Swinton.
Vor wenigen Tagen noch am Filmfestival in Cannes, am Dienstagabend zu Besuch im Filmpodium Zürich: die schottische Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin Tilda Swinton.
Keystone/EPA/GUILLAUME HORCAJUELO

Wann und auf welchem Weg Tilda Swinton das Filmpodium betreten würde, werde keinesfalls bekanntgegeben, instruierte eine Filmpodium-Mitarbeiterin ihren Kollegen – weder den Fans noch den Medienschaffenden. Und als im Saal auch noch das Filmen und Fotografieren verboten wurde, schien es vorerst, als würde man von diesem Abend nichts als die blosse Erinnerung an einen einmaligen Moment mit nach Hause nehmen.

Als der Stargast des Abends an der Hand von Filmpodiumsleiterin Nicole Reinhard den Kinosaal betrat, wurde denn auch schnell klar: Es wäre unmöglich, diesen Menschen in all seiner Präsenz in einem Handyfilmchen festzuhalten. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch sprach sehr passend von «Swintonism», als sie sich gegenüber der Schauspielerin als langjähriger Fan outete und diese für ihre Eigenschaft lobte, «jede Gelegenheit dafür zu nutzen, noch mehr Freiheit zu erreichen». Der Moderator des anschliessenden Gesprächs, WOZ-Kulturredaktor Florian Keller, einigte sich mit Swinton anschliessend auf den Begriff «Swintonians» für alle Anwesenden.

Die bewundernden Worte, diese kollektive Verehrung ihrer Person, schienen Tilda Swinton ehrlich zu freuen. Und sie gab die Zuneigung zurück, indem sie den Moderator in ihren Antworten mit Namen ansprach und sich am Anschluss an das Gespräch sehr viel Zeit für Autogramme, Selfies und persönliche Worte nahm. Für zwei Filmstudentinnen beispielsweise, die sie ermunterte, mit ihrer Kunst nie aufzuhören. Oder für eine Frau, der sie die Geschichte zu einem Foto in einer offenbar speziellen Ausgabe des Romans «Orlando» erzählte, die sie signieren sollte.

Die ewige Besucherin

Tilda Swinton, die 1986 in Derek Jarmans «Caravaggio» debütierte und seither mit Filmemachenden wie Sally Potter, Spike Jonze, Jim Jarmusch oder Pedro Almodóvar arbeitete, kam an diesem Abend also nicht wie ein Star rüber. Sie sei nicht einmal eine Schauspielerin, sagte die 61-Jährige im Verlauf des Gesprächs. «Ich weiss nichts über die Schauspielerei und möchte ehrlich gesagt auch nichts darüber wissen.» Die Arbeit würde ihr keinen Spass mehr machen, wenn sie zuviel über Regeln und Techniken wüsste.

Und damit spielte sie indirekt auf die Aussage von Corine Mauch an. Auf die Freiheit, die sie sich seit jeher in allem nahm, nur das zu tun, worauf sie Lust habe. Daran seien schon viele Leute verzweifelt. Insbesondere diejenigen, die Swinton vergeblich für ihre Filmprojekte engagieren wollten. Eine Casting-Agentin habe einmal wetternd gefragt, «ob denn diese Tilda Swinton jemals ausnahmsweise irgendetwas tun würde, was sie nicht tun will», erzählte die Schauspielerin. Auf diese Anekdote sei sie stolz. «Das ist es, was beim Film verlangt wird: Etwas zu tun, was man nicht will.»

Nein, sie sehe sich definitiv nicht als Teil der Industrie, sagte sie weiter. «Ich sehe mich vielmehr als konstante Besucherin der Filmwelt.» Verbunden sei sie mit ihrer Familie, ihrem Garten und ihren Bäumen, nicht aber mit dem Filmgeschäft. Obwohl sie darin in fast allen möglichen Funktionen tätig war und am Filmfestival in Cannes «abgesehen von der Teppichreinigung so ziemlich alles» gemacht hat.

Auf ein Wiedersehen

Die Oscarpreisträgerin sprach auch über einzelne Filme, ihre Rollenwahl und wie es war, die Figuren zu spielen. Allem voran «Orlando» (1992 / Regie: Sally Potter), mit dem man sie heute mehr denn je in Verbindung setzt. In der Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf basiert, geht es um den Edelmann Orlando, der niemals altert und dessen Geschlecht sich wandelt.

Tilda Swinton glaubt jedoch, dass es auch in diesem Film mehr um die von ihr so geliebte Freiheit denn um die Genderthematik geht, die heute von so grosser Aktualität ist. Es sei der Autorin also weniger um die Unterscheidung zwischen Mann und Frau, sondern um die Beständigkeit, das ewige Leben von Orlando gegangen.

Unter dem Titel «Orlando - nach einem Roman von Virginia Woolf» war im Fotomuseum Winterthur in diesem Frühjahr eine von Tilda Swinton kuratierte Ausstellung zu sehen. Dass sie nicht dabei sein konnte, bereue sie, so die Schauspielerin. Dafür versprach sie zum Abschluss des «Abends mit Tilda Swinton», bei der nächsten Gelegenheit ins Filmpodium zurückzukehren.

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