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Konstante Metamorphosen

Bis am 18. Juni widmet das Animationsfilmfestival im französischen Annecy dem Schweizer Animationsfilmschaffen einen Schwerpunkt – mit 14 Spezialprogrammen und über 100 Filmen. Ein Gespräch mit zwei Künstlerinnen, die anwesend sind.

Agentur
sda
14.06.22 - 16:15 Uhr
Kultur & Musik
Maja Gehrig, Co-Präsidentin Berufsverband des Schweizer Animationsfilmschaffens: "Das wir Gastland in Annecy sind, kommt nicht von ungefähr."
Maja Gehrig, Co-Präsidentin Berufsverband des Schweizer Animationsfilmschaffens: "Das wir Gastland in Annecy sind, kommt nicht von ungefähr."
zvg

«Das ist eine super Gelegenheit», sagt die Animationsfilmerin Michaela Müller. Disney und alle würden da sein, um nach interessanten Leuten Ausschau zu halten. Aber auch die Indieszene, die sich nach zwei Jahren Pandemie endlich wieder treffen und austauschen könne. «Der Fokus auf die Schweiz mit zahlreichen Retrospektiven ist auch eine perfekte Möglichkeit, die Entwicklung des Animationsfilmschaffens in der Schweiz seit den 1960ern nachzuvollziehen.» Müller ist eine der Künstlerinnen, deren Werk in Annecy gezeigt wird.

Ihre beiden Filme «Miramare» (2009) und «Airport» (2017) sind kurze Ortsporträts, in denen ein touristischer Sandstrand beziehungsweise ein Flughafen mittels animierter Glasmalerei poetisch zu einem tanzartigen Leben erweckt werden. Darauf, ob für sie selbst der künstlerische oder dokumentarische Aspekt im Vordergrund steht, will sich Müller nicht festlegen: «Mich interessiert die Verschmelzung, die konstante Metamorphose.» Was sie am (kurzen) Animationsfilmformat besonders fasziniere, sei überdies die Tatsache, dass er im Gegensatz zum fotografischen Film unabhängig von der Wirklichkeit ist: «Nichts ist vorgegeben, alles ist bestimmt durch die Kreation.»

«Ich will Dinge ausprobieren»

In «Average Happiness» (2019) entwickelt eine Präsentation voller Diagramme und Statistiken ein Eigenleben und beginnt buchstäblich zu tanzen, während sich in «Amourette» (2009) ein Paar aus Holzpuppen beim Liebesspiel auf Schmirgelpapier ins Nichts reibt. Zwei enorm unterschiedliche Filme, aber beide hat Maja Gehrig gemacht, der ein Freund einmal gesagt hat, dass er alle ihre Filme unabhängig von Form oder Inhalt irgendwie immer als die ihren erkennt.

An ihrem Medium, dem in der Schweiz dominierenden kurzen Animationsfilm, schätze sie die Offenheit, die in längeren Werken nicht möglich wäre: «Dafür bin ich einfach zu wild. Ich will Dinge ausprobieren, die zwischen Stuhl und Bank liegen. Zum Beispiel ein statistisches Diagramm zu einem sexuellen Körper umzuformen. Das würde in einer langen Erzählung nicht gehen.»

Ausser Vorzeigewerken wie «Ma vie de courgette» (2016) von Claude Barras oder «Chris the Swiss» (2018) von Anja Kofmehl gibt es nicht viele Beispiele für längere, erzählende Schweizer Animationsfilme. Wäre es wünschenswert, dass diese mehr gefördert werden? Gehrig, die neben ihrem künstlerischen Schaffen, Auftragsarbeiten für Museen und Kultureinrichtung, ihrer Lehrtätigkeit beim Animationsstudiengang an der Hochschule Luzern auch «nicht wenig Politik» macht, differenziert zwischen ihren Haltungen als Künstlerin, die im kurzen Format zuhause ist, und ihrer Rolle als Co-Präsidentin des Berufsverbands des Schweizer Animationsfilmschaffens.

«Das wir jetzt Gastland in Annecy sind, kommt nicht von ungefähr.» Der kurze Schweizer Animationsfilm habe international ein enormes Renommee und auch Erfolg. Der animierte Kurzfilm sei im Gegensatz zu Kurzspielfilmen nicht nur Nachwuchsförderung, «sondern der Nährboden des Ganzen, der erhalten bleiben muss». Zudem schaffe der kurze Animationsfilm, dessen finanzieller Aufwand etwa dem eines langen Dokumentarfilm entspreche, auch zahlreiche Arbeitsplätze.

In ihrer Rolle als Verbandspräsidentin hingegen fände Maja Gehrig es aber wichtig, dass Abgängerinnen und Abgänger der etablierten Schweizer Animationsschulen nicht darauf angewiesen sind, ins Ausland abzuwandern – dazu bräuchte es eine hier ansässige Industrie, die auch auf lange Formate oder serielle Produktionen setze. Das würde sich auf die Filmförderung auswirken: «Es sollte nicht jedes Mal sieben Zangengeburten brauchen, bis man einen Film oder eine Serie produzieren kann», sagt sie weiter.

«Alle haben irgendwann diesen Flash»

Michaela Müller und Maja Gehrig können von ihrem Beruf leben, auch wenn beide die notwendige Flexibilität betonen, die ihre Kunst ihnen abverlangt – sowohl finanziell als auch zeitlich. Gehrig, die etwa 80 Prozent arbeitet und daneben ihren siebenjährigen Sohn aufzieht, beschreibt das so: «Wenn man davon leben will, ist das Netzwerk etwas vom Wichtigsten. Dazu muss man auf Festivals gehen, oder etwa eine kurzfristige Juryeinladung annehmen können.»

Und weil es in der Schweiz zwar viele Animationsfilmschaffende, aber keine Industrie gebe, werde man auch immer wieder spontan gefragt, ob man nicht einen kleinen Job übernehmen könne. Man müsse zwar in jedem künstlerischen Schaffen immer flexibel bleiben, «aber gleichzeitig», fügt sie wieder in ihrer Rolle als Filmpolitikerin an, «muss man das auch irgendwie strukturell lösen können».

Wie man in Annecy sieht, lohnt sich die Mühe: Der kurze Schweizer Animationsfilm gehört zu den erfolgreichsten der Welt. Aber es gibt auch andere Werte. Gehrig beschreibt ihre Faszination für das Animieren so: «Alle, die mit animierten Einzelbildern arbeiten, haben irgendeinmal diesen Flash. Man drückt auf Play, und die Bilder, die du erstellt hast, bewegen sich plötzlich.» Das sei eine Form von Kontrolle, die man im Realfilm so nie habe. Man könne alle seine Interessen miteinander verknüpfen – «durch Choreografie, Szenografie, Objekte, Kamera, Licht und Ton. Alles ist drin in dieser Welt und alles kommt aus dir heraus.»

*Dieser Text von Dominic Schmid, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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