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Grosse Geste und introvertiert: Niki de Saint Phalle im Kunsthaus

Niki de Saint Phalle (1930-2002) - bei diesem Namen treten sofort bunte opulente Frauenfiguren vor das innere Auge. Doch die Künstlerin war viel mehr als ihre «Nanas». Ihr vielfältiges Werk zeigt nun das Kunsthaus Zürich in einer Retrospektive.

Agentur
sda
02.09.22 - 08:45 Uhr
Kultur
"King Kong" von der französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle, ab dem 2. September in der Kunsthalle Zürich zu sehen.
"King Kong" von der französisch-schweizerischen Künstlerin Niki de Saint Phalle, ab dem 2. September in der Kunsthalle Zürich zu sehen.
Keystone/ENNIO LEANZA

Schlicht ist der Titel, den das Kunsthaus Zürich seiner Retrospektive gibt: «Niki de Saint Phalle». Mehr braucht es auch nicht, denn mit dem Namen der Künstlerin, die als eine der wichtigsten des 20. Jahrhunderts gilt, verbindet nahezu jede und jeder etwas - in der Schweiz vor allem die Millionen von Reisenden, die die Halle des Hauptbahnhofs in Zürich durchschreiten; seit 1997 beschützt sie de Saint Phalles Schutzengel «L'ange protecteur», der über ihnen schwebt.

Das Kunsthaus will nun zeigen, dass das Werk wie auch die Künstlerin selber facettenreicher sind, als die scheinbar unbekümmerte Fröhlichkeit, die ihre «Nanas» ausstrahlen. Die Retrospektive (2. September bis 8. Januar 2023) zeigt rund 100 Werke, die einen Bogen schlagen von den frühen Assemblagen, ihrer Aktionskunst und Grafik, ihrem «Tarotgarten» in der Toskana über ihre grossen Plastiken bis zu ihrem Schaffen in Theater, Film und Architektur. «Exzentrisch, emotional, düster und brutal, humorvoll, hintergründig und immer wieder herausfordernd» sei ihr Gesamtwerk, so das Kunsthaus in einer Mitteilung.

«Die grösste Hure der Welt»

1966 wurde Niki de Saint Phalle auf einen Schlag weltberühmt, als sie im Moderna Museet in Stockholm «die grösste Hure der Welt» schuf, wie sie sie mit mütterlicher Liebe nannte: Sechs Tonnen schwer, 27 Meter lang, und zwischen den Schenkeln ein klaffendes Loch, durch das über 100'000 Menschen in sie eindrangen. Die gewaltige Skulptur wurde die berühmteste der vielen «Nanas».

Doch bereits zuvor machte sie mit einer spektakulären Aktion von sich reden. 1961 schossen Sie und Galeriebesucher in Paris bei einem Happening auf Gipsreliefs, in die Farbbeutel eingearbeitet waren. Diese «Schiessbilder» öffneten ihr bedeutende Museen. Zu dieser Zeit gehörte sie zur Gruppe der Nouveaux Réalistes, als einzige Frau. Künstler wie der spanische Baumeister Antoni Gaudí, Jackson Pollock, Robert Rauschenberg, Jean Dubuffet, Yves Klein beeinflussten sie - und natürlich Jean Tinguely (1925-1991), den sie seit 1956 kannte und mit dem sie viele Projekte realisierte.

Kunst und Kommerz

Niki de Saint Phalle oder Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle war die Tochter einer Amerikanerin und eines französischen Aristokraten, geboren im vornehmen Neuilly-sur-Seine bei Paris. Ihre Jugend verbrachte sie in New York; in dieser Zeit legte sie sich den Vornamen Niki zu. Mit 18 Jahren heiratete die damalige Klosterschülerin den US-Schriftsteller Harry Mathews. Das Ehepaar trennte sich 1960.

Später heiratete sie Jean Tinguely, wodurch sie 1971 das Schweizer Bürgerrecht erhielt. Mit ihm verband sie vor allem eine lebenslange künstlerische Arbeitsgemeinschaft. Beispielsweise schmückten sie gemeinsam den Strawinsky-Brunnen vor dem Pompidou-Zentrum in Paris mit wasserspeienden Maschinen und grellbunten Monstern.

Für Nike de Saint Phalle sei die Kunst nach einer schwierigen Kindheit Therapie gewesen, schreibt das Kunsthaus und beschreibt sie auf ihrem Weg als «stets innovativ, mutig und unabhängig», ihre Kunst als «aggressiv und emotional». In ihrem Schaffen sei das traumatische Erlebnis der sexuellen Gewalt des eigenen Vaters verarbeitet, die belastete und problematische Bindung an die Mutter und ihr eigenes Rollenbild als Frau.

Präsent ist sie nicht nur an den traditionellen Orten der Kunst, sondern auch in Boutiquen und Papeterien - oder eben im Bahnhof. Den Weg zwischen Kunst und Kommerz habe sie wie keine Kunstschaffende vor ihr zu ihrem Vorteil beschritten. So hat sie ihr Lebenswerk beispielsweise mit einem von ihr kreierten Parfum finanziert, zu dem sie das mit zwei Schlangen geschmückte Fläschchen schuf. Es wurde allerdings bis anhin nicht wieder aufgelegt.

Auch die leisen Töne

Das Kunsthaus will nun «den Blick auch auf die leisen Töne im künstlerischen Gesamtwerk» richten. In dem grossen Ausstellungssaal sind halboffene Räume, innen teils dunkelblau, teils weiss ausgekleidet, frei auf der Fläche verteilt. Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher sollen sich dazwischen und um einen Platz herum bewegen, wie in einem Dorf. Grosse Fenster verbinden das Aussen mit dem Innen.

Gezeigt werden neben Werken der Künstlerin zahlreiche Fotografien auf denen Niki de Saint Phalle, die auch als Model gearbeitet hatte, dem Betrachtenden entgegen tritt. Gezeigt werden zudem Modelle und Fotos beispielsweise von ihrem «Tarotgarten», ein phantasievolles Grossprojekt mit von den 22 Karten des Spiels inspirierten Häuser-Skulpturen. Er entstand ab 1978 in Garavicchio, einem versteckten Ort in der Toscana.

«Niki de Saint Phalle» ist eine Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kuratiert wurde sie von Christoph Becker, der sich mit dieser Ausstellung vom Kunsthaus verabschiedet.

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