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Wie aus Krisen unvergessliche Musik entstehen kann

Musik erzählt – manchmal schmerzvolle – Geschichten des Lebens. Das war eindrücklich zu erleben in den Kammerkonzerten der aktuellen Musikwoche Braunwald.

Südostschweiz
09.09.21 - 04:30 Uhr
Kultur & Musik
Das Stradivari-Streichquartett am Montagabend ist einer der Höhepunkte: Im voll besetzten Saal sind echte Meisterinstrumente zu sehen und zu hören.
Das Stradivari-Streichquartett am Montagabend ist einer der Höhepunkte: Im voll besetzten Saal sind echte Meisterinstrumente zu sehen und zu hören.
BILD SWANTJE KAMMERECKER

von Swantje Kammerecker

Musik als blosse Unterhaltung wäre wohl ein Missverständnis. Oft wächst sie gerade dort über sich und ihre Komponisten hinaus, wenn sie sich mit dem Leben auseinandersetzt. Und in der Kammermusik als intimem Konzertformat, das in der Musik­woche Braunwald vorherrscht, ist zuweilen Musik zu hören, die mit Trauer, mit persönlichen Krisen oder mit Kämpfen der Komponierenden zu tun hat. Manchmal kann das auch verstörend sein – in ihrer Ehrlichkeit und Direktheit.

Das brillante Duo Ravels für Violine und Violoncello etwa, welches Anna Gebert und Anita Leuzinger am Sonntag als Finalstück in der Dorfkirche spielten, wurde als Trauermusik für seinen verstorbenen Kollegen Debussy geschrieben und räumte auf mit linearer Melodieführung und den bekannten Harmonien. Es zeigt sich auch einmal schrill und abrupt mit extremen Empfindungen zwischen tiefer Melancholie und wildem Tanz.

Einige Zeitgenossen fanden es sogar zu komplex und anspruchsvoll; «ein Massaker an Solisten». Aber alle Hörenden sind gefordert – im positiven Sinne, wie das Publikum in Braunwald findet.

Stradivaris sorgen in Braunwald für grossartige Klangnuancen

Am Montagabend war mit dem Konzert des Stradivari-Streichquartetts ein Höhepunkt angekündigt – und der Saal voll besetzt. Im seit 2007 bestehenden, international erfolgreichen Quartett sind zwei «Strads» im Einsatz, die Violine Aurea des ersten Geigers Xiaoming Wang und das Cello Suggia von Maja Weber (beide vor rund 300 Jahren gebaut).

Die zweite Geigerin Maya Kadosh spielt eine Guadagnini von 1767 und der Bratschist Lech Antonio Uszynski eine Willems-Viola von 1690. Sie sind also lange vor den spät- oder nach­romantischen Kompositionen des gespielten Programms gebaut, aber passen auch da ganz ausgezeichnet. Echte Meisterinstrumente verfügen eben über grossartige Klangnuancen und tragen klanglich weit, ohne aufdringlich zu sein.

Eindringlich dafür die Musik: Als Felix Mendelssohn 18-jährig sein Streichquartett a-Moll schrieb, war er schwer verliebt und warb erfolglos um seine Angebetete. Er packte nicht nur all seine schon ausgereifte Kompositionskunst und Leidenschaft dort hinein, sondern wird auch im letzten Satz sehr persönlich; in einem einminütigen Solo trägt die erste Violine ihre Melodie vor.

Dazu hat das Werk viele versteckte Bezüge: Die langsame Einleitung des Quartetts, die am Ende wiederkehrt, greift ein Motiv aus Beethovens Klaviersonate Les Adieux auf, der kurz vorher verstorben war. Zudem ist es auch ein Selbstzitat Mendelssohns aus seinem Lied «Frage», in dem es anfangs heisst: «Ist es wahr?», wobei es um Liebe und Treue geht). Das Unausgesprochene – Michael Eidenbenz erwähnte in seinem Einführungsreferat dessen Kraft – hält das Stück in Spannung – wie das Leben.

Eine Ode ans Leben, trotz dessen Zumutungen

«Aus meinem Leben», so hat Friedrich Smetana (1824 bis 1884) sein Streichquartett Nr. 1, e-Moll betitelt. Als er realisiert, dass er unweigerlich ertaubt, packt er diese für ihn essenzielle Arbeit an. Eine der Kunst zugeneigte Kindheit, eine ausgelassene Jugend, die Liebe, welche zur Ehe führt, später das Leiden an einer durch Syphilis ausgelösten Hörschädigung mit einem störenden Ohrton, der sogar ins Stück komponiert ist: alles sehr programmatisch, durchdrungen von Lebensenergie – eine Ode ans Leben, trotz dessen Zumutungen. Und unglaublich intensiv musiziert, in jedem Moment, wie es nur live und mit bester Interpretation voll zur Entfaltung kommt.

Schweres hatte auch Erwin Schulhoff (1894 bis 1942) zu erleiden. Als Jude und Kommunist wurde er von den Nazis verhaftet und starb in Gefangenschaft an Tuberkulose. Doch welche übermütigen und ideenreichen Tanzweisen und Miniaturen schuf er 1923 mit seinen fünf Stücken für Streichquartett! Sie kontrastierten im Programm die gewichtigen Rahmenwerke ebenso wie zwei Zugaben des Tango-Königs Astor Piazzolla. Doch auch da nicht ohne Wermutstropfen: Mit «Adios Nonino», das seinen Durchbruch begründete, beklagte er den Tod seines geliebten Vaters.

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