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Die Last der Geschichte

C. F. Elvetico aus Glarus erzählt die Geschichte einer geschiedenen Deutschen in seinem Erstlingsroman.

Fridolin
Rast
Donnerstag, 07. Mai 2020, 18:58 Uhr Buchtipp
C. F. Elvetico aus Glarus erzählt die Geschichte einer geschiedenen Deutschen in seinem Erstlingsroman.
SYMBOLBILD FREE-PHOTOS PIXABAY

Helen Schneider aus Mainz, allein seit ihrer Scheidung, muss endlich wieder unter die Leute kommen. Sonst stünde sie wohl nicht eines Tages am Flughafen Frankfurt in der Warteschlange und müsste sich über die Unbill der Pauschaltouristenreise ärgern, zu der sie sich von ihrer Freundin Jutta überreden liess. Und noch vor der Ankunft im «Alpha Beach Hotel» auch über gewisse Touristen in der Gruppe.

C. F. Elvetico aus Glarus erzählt die Geschichte der attraktiven Deutschen in seinem Erstlingsroman. Mit bürgerlichem Namen Christian Felix Gross, ist er nicht nur im Klöntal zu Hause, sondern dank einem Ferienhaus – und ursprünglich dank der Griechischkenntnisse seiner Frau – auch auf der griechischen Insel Kreta.

Helen wird nicht nur klar, dass sie nicht die ganzen Ferien mit ihrer Reisegruppe verbringen kann und will, sondern auch, wie wenig sie von der kretischen Geschichte weiss. Und wie schief das Bild ist, das ihre deutschen Landsleute von Griechenland, von Kretern und von sich selbst haben. Bald einmal lernt sie nicht nur den überaus netten Oberkellner Michalis kennen, sondern erkundet Dörfer und Berge im ursprünglichen Kreta. Michalis gibt ihr Tipps, sie treffen sich zum späten Nachtessen und verlieben sich.

Schwierigkeiten mit den Eltern

Michalis bleibt kein Fremder, auch weil er sich dank eines zweijährigen Deutschlandaufenthalts mehr als nur mit Helen verständigen kann. Ihr oder Eleni, der «Leuchtenden», wird Deutschland fremder und fremder. Sie setzt auf eine Zukunft mit ihrer grossen Liebe und lernt während weiteren Kreta-Aufenthalten mehr vom Land und Leuten kennen. Und von deren Geschichte, die seit dem Zweiten Weltkrieg von Kriegsgräueln der deutschen Wehrmacht gegen die ganze Bevölkerung immer noch belastet ist.

Schwierig wird es, als Eleni mit Michalis dessen Familie besucht. Sein alter Vater war selber Partisan, er verstösst Michalis, weil er – ausgerechnet – mit einer Deutschen eine Zukunft aufbauen will.

Elvetico alias Gross versichert, dass sich die Geschichte und die Geschichten rund um Eleni und Michalis auf Erzählungen und Tatsachen stützen, die der Autor und seine Frau auf Kreta erfahren haben. Immer erst, nachdem sich die Erzählerinnen und Erzähler vergewissert hätten, dass sie Elvetiki sind und keine Deutschen. Elveticos Erstling mag gewisse sprachliche und dramaturgische Schwächen haben, doch er entwickelt sich zusehends spannender. Er gibt Einblicke in die belastete Geschichte zwischen Deutschen und Griechen und geht auf ein Ende mit tragischen Dimensionen zu. (fra)

Buchtipp

C. F. Elvetico: «Die deutsche Touristin», Utzverlag, 316 Seiten, 27.90 Franken.

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