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«Diese Spielzeit ist eine Katastrophe»

Die Churer Theatersaison hätte Höhepunkt und Abschied zugleich werden sollen. Nun betätigt sich Direktorin Ute Haferburg eher als Trümmerfrau.

Südostschweiz
Montag, 27. April 2020, 04:30 Uhr
Rollende Planung ist angesagt: Theaterdirektorin Ute Haferburg rechnet zurzeit mit allen Eventualitäten.
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Von Maya Höneisen und Carsten Michels

Ute Haferburg hatte für ihre letzte Spielzeit am Theater Chur eine glanzvolle Saison geplant – mit dem Schweizer Theatertreffen als einem der Höhepunkte. Stattdessen prägten Absagen und Verschiebungen den Spielplan. Seit Ende Februar steht der Betrieb still.

Frau Haferburg, im Mai sollte Alain Berset als Kulturminister nach Chur ans Schweizer Theatertreffen kommen. Nun war er schon vergangene Woche da, allerdings in Cazis …

Ute Haferburg: Ja, und auch nicht als Kultur-, sondern als Gesundheitsminister. «Die Zeit ist aus den Fugen», wie es in Shake-speares «Hamlet» heisst.

Das Theater Chur steht still, Ihre letzte Spielzeit endet im Nichts. Sind Sie – um nun Brecht zu zitieren – «enttäuscht und seh’n betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen»?

Enttäuscht bin ich schon, aber mehr noch betroffen von der Situation, in der wir uns alle befinden. Die verordneten Massnahmen haben jeden kalt erwischt. Für ein Theater ist das besonders absurd: Es lebt ja vom Live-Erlebnis, vom unmittelbaren Dialog der Künstlerinnen und Künstler mit dem Publikum. Social Distancing ist praktisch das Gegenteil von Kulturleben.

Dennoch werden Sie ab 8. Juni beides unter einen Hut bringen müssen. Geht denn das?

Die Massnahmen des Bundes zur Schliessung der Kulturinstitutionen gelten vorerst bis 7. Juni. Ob wir ab 8. Juni wieder spielen dürften, wird man sehen. Definitive Regelungen stehen zurzeit noch aus.

Mit der Absage des Schweizer Theatertreffens fällt auch der Abschied von Ihnen als Theaterdirektorin ins Wasser. Wie ist das für Sie?

Die Absage des Theatertreffens macht mich persönlich traurig. Schliesslich haben wir zusammen mit dem TaK Liechtenstein und der Churer Postremise zwei Jahre darauf hingearbeitet. Es wäre ein grossartiger Anlass geworden und auch wichtig für den Theaterplatz Chur. Das Treffen ausrichten zu dürfen inklusive Verleihung des Schweizer Theaterpreises durch Kulturminister Berset, ist eine grosse Ehre. Beides hätte erstmals in Graubünden stattgefunden. Was meinen Abschied betrifft, hoffen wir, Mitte Juni noch ein Abschlussfest durchführen zu können. Verbunden mit der Vernissage unserer Buchpublikation «Pro Specie Rara – eine Dramaturgie der Peripherie, Theater Chur 2006–2020».

Ihr Vermächtnis an Chur nach zehn Jahren Direktionsarbeit?

(lacht) Das klingt ja grauenhaft. Nein, es ist eher eine Bilanz, auch eine Wegmarke, wenn Sie so wollen. Das Buch thematisiert in verschiedenen Beiträgen die spezifischen Herausforderungen, aktuelles Theater für ein vielfältiges Publikum in einer sogenannten Randregion zu programmieren – am Beispiel des Theater Chur und seiner Entwicklung vom reinen Gastspielhaus zu einem koproduzierenden Theater. Deshalb würdigen wir explizit auch die Ära von Markus Luchsinger, die wegen seines frühen Todes im August 2009 abrupt endete.

Was, wenn die Buchvernissage erneut verschoben werden muss?

Sollten Vernissage und Fest entgegen jetziger Pläne nicht im Juni stattfinden können, hat mir mein Nachfolger Roman Weishaupt kollegial die Hand gereicht. Er hat uns für den Beginn nächster Saison einen Nachholtermin angeboten.

Absagen, Verschiebungen, Ersatztermine unter Vorbehalt – behalten Sie da den Überblick?

Die Krisenzeit zwingt uns zur rollenden Planung. Taskforce-Sitzungen und mehrgleisige Organisation gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Die Herausforderung besteht vor allem darin, das Wichtige zur richtigen Zeit zu kommunizieren. Es genügt nicht, dass wir den Überblick haben, unser Publikum braucht ihn ja ebenfalls.

Die letzte Theaterveranstaltung fand am 21. Februar vor den Sportferien statt. Lässt sich schon abschätzen, wie sich die Krise finanziell auswirkt?

Wir haben eine erste Zusammenstellung gemacht und kommen auf einen Einnahmenausfall bei Ticketing und Vermietungen in Höhe von rund 160 000 Franken. Dazu stehen noch etwa 40 000 Franken Koproduktionsbeiträge im Raum und rund 70 000 Franken Gagenausfälle für abgesagte Vorstellungen. Ohne die angekündigte Finanzhilfe durch die öffentliche Hand sähe es sehr düster aus. Gespräche mit Kanton und Stadt laufen aber, um möglichst zu verhindern, dass das Theater Chur nicht in ein heftiges Defizit rutscht. Da geht es uns wie vielen Theatern. Für alle Theaterschaffenden ist diese Spielzeit eine Katastrophe. Gerade die freischaffenden Künstler und die freien Compagnien haben unter dem Totalausfall der Gagen zu leiden. Ein finanzieller Auffangschirm von Bund und Kantonen ist deshalb sehr wichtig für sie.

Das Buch «Pro Specie Rara» ist eine Bilanz, sagen Sie. Wie blicken Sie selber auf Ihre zehn Jahre am Theater Chur zurück?

Sehr berührend war zunächst, wie offen ich in der Bündner Hauptstadt empfangen wurde. Die schönsten Theatermomente für mich sind, wenn ein kollektives Knistern zu spüren ist. Wenn während der Vorstellung alle in höchster Konzentration sind, Darsteller und Publikum sozusagen eins werden – und wenn es uns Zuschauende zum Schluss einer faszinierenden Vorstellung sozusagen von den Sitzen reisst.

Mit Standing Ovations?

Im besten Fall, ja. Aber lautstarke Reaktionen sind nicht unbedingt ein Gradmesser für gutes Theater. Während meiner zehnjährigen Tätigkeit gab es rückblickend einige echte Highlights, die ich auf keinen Fall missen möchte. Da konnte es auch mal ganz still werden.

Stiller als jetzt war es im Theater nie.

Das ändert sich hoffentlich bald.

Saisonende auf Raten
Bis 7. Juni bleibt das Theater Chur behördlich geschlossen, alle Vorstellungen sind bis dahin abgesagt – einschliesslich «Monologe» und «Besuch der alten Dame». Die Lesung mit Claus Peymann am 12. Juni entfällt ebenfalls (aus Risikogründen für den 83-Jäh-rigen). Geplant ist die Buchvernissage «Pro Specie Rara» am 13. Juni (Ausweichtermin: 8. Oktober). Was das Konzert des Klassik Forums am 19. Juni betrifft, steht ein Entscheid der Veranstalter zurzeit noch aus. (cmi)

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