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Tom Kummers neuer Roman: Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

Der Berner Schriftsteller Tom Kummer veröffentlicht die Fortsetzung von «Nina & Tom». «Von Schlechten Eltern» sei vermutlich sein letzter autofiktionaler Roman, sagt er. Und auch der letzte, in dem seine verstorbene Frau Nina namentlich auftaucht.

Agentur
sda
Mittwoch, 11. März 2020, 10:54 Uhr Bern
Der Berner Schriftsteller Tom Kummer veröffentlicht mit "Von Schlechten Eltern" einen faszinierenden Roman über Trauer. Unbeschreiblich grosse Trauer.
Der Berner Schriftsteller Tom Kummer veröffentlicht mit "Von Schlechten Eltern" einen faszinierenden Roman über Trauer. Unbeschreiblich grosse Trauer.
Keystone/ALESSANDRO DELLA VALLE

Von Tageslicht ist in Tom Kummers neuem Buch nur selten die Rede. Und wenn, dann fürchtet sich Tom, die Hauptfigur, davor. Er chauffiert nachts Geschäftsleute und Diplomaten durch die Schweiz und geht ins Bett, sobald sein Sohn in der Schule ist. Ist er wach, so denkt er an seine verstorbene Ehefrau Nina, die er in jedem Moment bei sich spürt und nicht loslassen will. Schläft er, so träumt er von ihr. Nicht selten beschreibt er seinen Zustand als irgendwas dazwischen.

«Von schlechten Eltern» handelt von Schmerz, der nie vorbeigehen soll. «Ich zelebriere den Trauerzustand», sagt Tom Kummer, der seine Frau Nina 2014 nach 30 gemeinsamen Jahren an den Krebs verloren hat, im Gespräch mit Keystone-SDA. Um dem Ausdruck zu verleihen, habe er mit «Tunnelblick» geschrieben. «Das Buch spielt in der Nacht, meistens ist es dunkel, damit die Hauptdarsteller isoliert sind und nichts davon ablenkt.» Es gehe um eine Melancholie, die der Tom im Buch zu geniessen anfange. Eine nicht ungefährliche Entwicklung, wie der echte Tom sagt.

Polarisierende Wirkung

Der neue autofiktionale Roman, wie Kummer seine offiziell deklarierte Mischung aus Realität und Erfindung nennt, soll ein Abschied sein. Ein Abschied von Nina, die in künftigen Büchern vermutlich nur noch in anderen Figuren auftauchen werde, aber auch ein Abschied von diesem Genre.

Obwohl der Autor, von dem kürzlich auch ein Buch mit Reportagen und Porträts aus 30 Jahren journalistischer Tätigkeit erschienen ist, nicht der erste Schriftsteller ist, der Erlebtes mit Fantasie verwebt, hat sein letzter Roman «Nina & Tom» für gemischte Gefühle gesorgt. Er habe zu viel Persönliches über seine Frau und seine beiden Söhne preisgegeben, lautete ein in den Medien aufgegriffener Vorwurf. Er habe seine Liebsten entblösst.

Und gleichzeitig war da diese grosse Faszination für ein Liebespaar, das stets bis an die Grenzen ging. Dessen Leben von Sex und Drogenrausch geprägt war, das irgendwann nach Los Angeles zog und dort eine Familie gründete. Da war diese Sogwirkung.

Autor und Vater - ein Unterschied

Tom Kummers Sprache ist sorgfältig unkompliziert und sehr direkt, sie beschönigt nichts und kennt keine Intimitätsgrenze. Sie polarisiert (vermutlich erneut). «Ich spiele mit der Boulevardsucht der Leute, indem ich die richtigen Namen brauche», erklärt er einen Aspekt.

Davon, dass er seinen Söhnen (die im neuen Buch andere Namen tragen) schade, distanziert er sich. «Sie kennen mich und sehen den Unterschied zwischen mir als Künstler, der ein Werk erschafft, und mir als Vater», sagt der 59-Jährige. «Ihnen ist klar, dass ich stilistische Methoden anwende.»

Tom Kummer, der einst mit gefälschten Interviews und Reportagen für einen Skandal sorgte, ist das Ästhetische nach eigenen Angaben wichtiger als das Ethische. Er wolle weder Lebensweisheiten breitschlagen, noch aufgeworfene Fragen beantworten, sagt er. «Ich will ein Lebensgefühl wiedergeben - das soll sich in der Sprache und auch in der Konstruktion des Buches zeigen.»

Vaterliebe - und umgekehrt

«Von Schlechten Eltern» - ein Titel übrigens, der schon feststand, als sich die Geschichte noch in eine ganz andere Richtung entwickelt hatte, und den Kummer heute trotzdem passend findet - ist zwar eine Fortsetzung von «Nina & Tom», aber dennoch ganz anders. Während der erste Teil bis zu Ninas Krankheit vom Leben am Limit handelte, dominieren im zweiten der Tod und die Sehnsucht danach. Das gefühlte Unzerstörbarsein ist längst verschwunden, jetzt geht es um Ängste und Verletzlichkeit.

Und dennoch gibt es nicht nur Finsternis. «Von Schlechten Eltern» führt die Lesenden in einen beeindruckenden Schwebezustand zwischen Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Letztere kommt etwa dann auf, wenn Tom seinen jüngeren Sohn beim Schlafen beobachtet, sich an ihn schmiegt, mit ihm Velo fährt oder wenn er mit dem älteren, in den USA lebenden Sohn telefoniert. Hoffnung liegt in seiner Vaterliebe und umgekehrt auch im Umgang der Söhne mit ihm. «Sie sind es, die mich immer wieder aufmuntern», so Kummer.

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