×

Wenn einem das Heimweh die Kehle zuschnürt

Die aus Tschappina stammende Christina Schumacher hat ein Buch über ein Auswandererschicksal im 19. Jahrhundert verfasst. Ein sehr berührendes Debüt.

Christian
Ruch
27.01.20 - 04:30 Uhr
Kultur
Christina Schumacher hat sich in ihrem ersten Buch mit Bündner Auswanderern befasst.
Christina Schumacher hat sich in ihrem ersten Buch mit Bündner Auswanderern befasst.
PRESSEBILD

In Zeiten aufgeregter Debatten über Migration und Flüchtlinge schadet es nicht, einen Blick ins Graubünden des 19. Jahrhunderts zu werfen. Damals verliessen zahllose Menschen ihre Täler, um in Amerika ihr Glück zu finden. Darunter viele Walser, deren Vorfahren im Mittelalter ebenfalls ihre Heimat hinter sich gelassen hatten und über die Berge nach Rätien gekommen waren. Den Auswanderern im 19. Jahrhundert boten die USA zwar viel Platz und Chancen, doch war es beileibe nicht so, dass die Habenichtse aus Graubünden oder auch Glarus immer mit offenen Armen empfangen worden wären.

Ein besonders beeindruckendes und auch berührendes Auswandererschicksal hat nun die Pflegefachfrau Christina Schumacher aufgezeichnet. Sie stammt aus Tschappina und ist ebenfalls «ausgewandert», wenn auch nur in den Kanton Bern. Früh schon erwachte ihr Interesse an Ahnenforschung, und da in ihrer Familie die Geschichten über ihre Vorfahren stets allgegenwärtig waren, lag es nahe, sich intensiver mit ihnen zu befassen.

In ihrem Debütwerk «Das wahre Heimweh ist sprachlos» zeichnet Schumacher vor allem aufgrund von Briefen, aber auch angereichert durch fiktionale Elemente das Schicksal von Christina Finschi aus Tschappina nach, die für und mit ihrem Liebsten, dem Wieland Bandli, den Heinzenberg gen Amerika verlässt. Denn nur so können sie zusammenbleiben – denken sie jedenfalls. Doch der Entschluss erweist sich als ebenso fataler wie tragischer Fehler, wobei mehr hier nicht verraten werden soll.

Brücke in die Vergangenheit

Schumacher gelingt es, durch eine äusserst prägnante und schöne Sprache zu verdeutlichen, was es im 19. Jahrhundert hiess auszuwandern: Es waren Abschiede für immer, denn in den meisten Fällen gab es kein Zurück und damit auch kein Wiedersehen – unvorstellbar in Zeiten von Shopping-Trips nach New York und «Miles & More». Doch die Autorin baut eine tragfähige Brücke in die Vergangenheit, indem sie eine Freundschaft zwischen ihr selbst, der Nachgeborenen, und der Ahnin konstruiert. So ermöglicht sie ihren Lesern eine Dimension des Miterlebens und Mitfühlens, ja sogar des Mitleidens mit Menschen einer Zeit, die uns doch sehr fremd ist. Das wiederum schafft vielleicht die Grundlage für einen etwas empathischeren Blick auf jene, die heutzutage ihre Heimat verlassen. Dass dies in den allermeisten Fällen nicht leichtfertig geschieht, weil nämlich Heimweh Menschen leiden lässt, ist eine Wahrheit, die für Heinzenberger im Wisconsin des 19. Jahrhunderts genauso gilt wie für Flüchtlinge in Lagern auf Lesbos heute.

Gleichzeitig hat Schumacher einen wichtigen Beitrag für die Geschichte Graubündens und der Walser geleistet, und so kann man der Walservereinigung Graubünden nur dankbar sein, dass sie dieses Werk ermöglicht hat. Der Autorin möchte man wünschen, dass das gelungene Resultat sie zu weiteren Publikationen ermuntert.

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Kultur MEHR