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Ballettavantgarde: William Forsythe, der Vorherseher in Zürich

Das Opernhaus Zürich eröffnet das Jahrzehnt mit einem amerikanischen Jahrhundertchoreografen: «Forsythe». Drei Stücke kommen zur Schweizer Erstaufführung. William Forsythe begleitet das Ballett Zürich bis über die Premiere hinaus.

Agentur
sda
Freitag, 10. Januar 2020, 15:37 Uhr Zürich
Eine Szene aus "The Second Detail" von William Forsythe - einem von drei Stücken des amerikanischen Choreografen, die das Zürcher Opernhaus als Schweizer Erstaufführungen zeigt.
Eine Szene aus "The Second Detail" von William Forsythe - einem von drei Stücken des amerikanischen Choreografen, die das Zürcher Opernhaus als Schweizer Erstaufführungen zeigt.
Gregory Batardon

Gute Stimmung an der Matinee zur Einführung vor der Premiere. Dramaturg Michael Küster jubelt Choreograf William Forsythe mit aktuellen Zitaten zum 70. Geburtstag hoch, den dieser am 30. Dezember gefeiert hat: «Grösster lebender Avantgardist der Tanzwelt» («Frankfurter Allgemeine»), «Forsythe, der Revolutionär, der das Traditionsballett geschleift und dessen Fragmente in radikal zeitgenössischen Körperarchitekturen verbaut hat» («Süddeutsche Zeitung»). Forsythe selbst zitiert seine Mutter: Wenn sie ein Stück gesehen habe, frage sie ihn, «um Gottes willen, weshalb hast du das gemacht?»

Turnschuhe, Jeans, Gilet über dem Hemd - so sitzt William Forsythe auf der Couch. Das Geheimnis seiner Jugendlichkeit? Als Choreograf müsse er viel länger tanzen als ein Tänzer. Natürlich würden sich die Gelenke, die Muskelfasern melden. Doch er finde das Alter befreiend. «Old people, yeah!», kokettiert er gegenüber dem Publikum. Man kennt sich.

Zehn Mal in Zürich

Zwischen 1985 und 2020 stehen im Opernhaus Zürich zehn Forsythe’s auf dem Programm, darunter eines seiner bekanntesten Ballette, «In the Middle Somewhat Elevated». Dieses bestellte Tanzlegende Rudolf Nurejew damals bei ihm - für die Opéra National in Paris, für Sylvie Guillem und Laurent Hilaire in der Hauptrolle. Für die Uraufführung 1987 in Paris war erst das Paar goldener Kirschen fertig. So hängte man dieses etwas erhöht in die Mitte des leeren Bühnenraums. Das Stück elektrisierte die Tanzwelt: Spitzentanz in Abstraktion, Höhepunkt um Höhepunkt, vollkommen ohne Schnörkel dazwischen. Jede Dehnung, jede Drehung, jeder Sprung schwang für einen Augenblick noch etwas weiter, als es physisch möglich schien. Wichtige Impulse gingen von der Tonstruktur aus. Sie wurde vom Elektrokomponisten Thom Willems entwickelt, der mit William Forsythe seither zusammenarbeitet.

Inspiration war immer auch George Balanchine. Zum Studentenpreis von einem Dollar konnte der junge Forsythe in der Heimatstadt New York so viele Balanchine-Choreografien sehen, wie er wollte. 1973 folgte er der Einladung von John Cranko ans Stuttgarter Ballett. Dort trieb er neben der Tänzer- auch die Choreografenkarriere voran. 1984 übernahm er das Frankfurter Ballett, welches er in vier Jahren radikal umgestaltete. «Wir lösten uns vom Abo. Ich bekam Briefe: schade um meine Frisur, schade um mein Kleid, schade um meine Handtasche!», erzählt der Erneuerer. 1987, bei der ersten Fassung des schön verstörenden «The Loss of Small Detail» schrien Zuschauer so stark, dass Forsythe unterbrach und beruhigte, es handle sich ja nur um ein Ballett.

Gleiche Stücke immer anders

Christian Spuck, damals Tänzer in Stuttgart und heute Direktor des Zürcher Balletts, wurde neugierig. Denn es gab Gerüchte, dass Tänzer erst kurz vor der Vorstellung genau wussten, was sie machen sollten. «Einmal sass ich in der letzten Reihe - zwei Plätze neben William Forsythe mit Mikroports. Während der ganzen Vorstellung gab er Anweisungen auf die Bühne», erinnert sich Spuck - diesmal neben Forsythe an der Einführungsmatinee in Zürich. Er erlebte auch, wie ein gleiches Stück jeden Tag anders erscheinen konnte. Für die Tänzer und Tänzerinnen kein Problem, sagt Forsythe, er vertraue ihnen, sie seien so gut eingestellt - Und wohl darauf programmiert, dass etwas bis zur Vorstellung flexibel bleiben kann.

Auf den «Forsythe»-Plakaten, die derzeit in Zürich für die Ballettabende werben, ist eine grosse Mücke abgebildet. Das Insekt mit bestechenden Bewegungsmöglichkeiten. Drei Choreografien aus verschiedenen Epochen kommen auf die Bühne; getanzt werden können sie von einem grossen Ensemble. «Busy Dancers are happy Dancers», sagt Forsythe. Die älteste Choreographie auf dem Programm, «The Second Detail» entstand 1991 nach «The Loss of Small Detail» und fordert «äusserste Musikalität». «Approximate Sonata 2016» erscheint in derselben Fassung wie an der Opéra National in Paris. Dazu hat Thom Willems eine noch «spannungsgeladere Musikversion» geschaffen.

Bei «One Flat Thing, reproduced» soll die Musik nur anregen. Inspiration war die Südpol-Expedition von Robert Scott: 20 gleiche Tische - scharfe Kanten, kaltes Material - sind auf der Bühne angeordnet. Sie symbolisieren Eisberge. 14 Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich dazwischen. Jeder unkonzentrierte Moment kann Folgen haben. Doch die Bewegungsvirtuosen kennen die Spielregeln und eröffnen sich und den Betrachtern überraschende Perspektiven. Forsythe rät: «Watch them watching!»

«Meine Choreografien sind nicht ein für alle Mal fixiert, es gibt von den meisten Stücken keine endgültige Fassung», sagt er im Opernhaus-Magazin. Die Suche nach der jeweils perfekten Position in Zeit und Raum treibt Forsythe beständig an. Längst hat der Künstler weitere Ausdrucksformen etabliert. Mit seinen «Choreographic Objects» erobert er Museen und öffentliche Räume. Bereits 2014 schuf er «Black Flags», eine raumgreifende Installation mit zwei schwarz gekleideten Industrierobotern, die präzise Fahnen aus Seide bewegen.

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