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Die unendliche Schönheit hat viel zu viele Risse

«Des Gletschers Kern» von Martin Stützle und Fridolin Walcher wird am Samstag eröffnet. Die Ausstellung über die Schönheit des ewigen Eises, Gletscherschwund und Klimawandel hier wie in Grönland lässt niemanden kalt.

Claudia
Kock Marti
Donnerstag, 09. Januar 2020, 04:30 Uhr Eis, Gletscherschwund und Klimawandel
Fridolin Walcher hängt das Bild eines morschen Eisberges im Oberlichtsaal auf.
SASI SUBRAMANIAM

Im Treppenhaus des Kunsthauses hängt ein grossformatiges Foto eines mäandernden blau-violett-weissen Gletscherflusses. Er zieht die Besucher direkt in den Oberlichtsaal, in dem der Glarner Fotograf Fridolin Walcher gerade mit Einrichten respektive dem Aufhängen seiner grossformatigen Fotografien beschäftigt ist. Der Glarner Künstler Martin Stützle arbeitet derweilen gerade daran, an einer Wand im Schneelisaal eine riesige, von Rissen durchzogene Eisoberfläche anzubringen. Stützles «Sammlung» an Eisberg-Radierungen hängt bereits.

Nachdem die Glarner Künstler Martin Stützle und Fridolin Walcher im Mai 2018 auf Einladung von Schweizer Wissenschaftlern in Grönland weilten, können sie nun ihre künstlerische Sicht auf die Eiswelt der Öffentlichkeit zeigen. Es sind Werke, die aufgrund ihrer Recherchen und Eindrücke in den beiden arktischen Forschungsstationen der Schweiz oder beim Überfliegen des Humboldt- und Petermanngletschers nördlich der Zivilisationsgrenze entstanden sind, oder von Begegnungen mit den Menschen in Grönland inspiriert wurden.

Die unendlichen Weiten des Eises

Der Schweiss rinnt trotz der eisigen Fotosujets oder Druckgrafiken. Was letztlich in «Des Gletschers Kern» alles gezeigt wird, wird trotz langer Vorarbeit auch noch vor Ort entschieden und miteinander entwickelt. Da werden noch Sujets reduziert, dort wird noch erwogen, ein weiteres Bild zu zeigen. Wobei der Oberlichtsaal von Fridolin Walcher, der Schneelisaal von Martin Stützle und der Seitenlichtsaal von beiden gemeinsam bespielt wird.

Er wolle die Besucher die Weite des Polareises spüren lassen, sagt Fridolin Walcher. Und das gelingt ihm mit betörenden Fotografien, die die unendliche Weite des Eises zeigen. Fasziniert betrachtet man zugleich morsche oder traurige Eisberge, die den Fotografen besonders reizten, weil man ihnen schier zugucken kann, wie sie auseinanderfallen.

Fotografiert hat Walcher unzählige Eisberge. Vom Inlandeis, über das er 1000 Kilometer hinwegflog, wird er indes nur ein einziges Bild zeigen. Dann gibt es Bilder vom Humboldgletscher, der grössten Gletschermündung der Welt, oder vom eindrücklichen Petermanngletscher, der über 70 Kilometer lang auf dem Meer schwimmt.

Mit einer Schublade voller Konzeptideen ist Walcher 2018 nach Grönland gereist, um zu schauen, was möglich ist, wie er erzählt. «Wir hatten auch Glück. Es war die einzige Woche des Winters, in der das Wetter schön war.»

Gletscherschmelze geht alle an

Warum die Grönlandbilder von Walcher wie auch die Eisberg-Grafiken von Stützle bewusst mit zerfurchten Gletscherzungen aus dem Glarnerland konfrontiert werden, ist schnell erklärt: Die Gletscherschmelze in Grönland und in Glarnerland gehe uns alle an, so die beiden Künstler. Risse im Eis gebe es zwar immer, so Stützle. Aufgrund des Klimawandels gibt es aber viel zu viele, schmilzt das Eis rasant.

Die Veränderungen seiner Heimat sind von jeher Walchers Thema. Schwindende Gletscher fotografiert er schon seit einigen Jahren. Als kleiner Bub habe er mit grossem Interesse über Expeditionen in der Arktis gelesen, wobei er gedacht habe, dass das niemals etwas für ihn sein könnte, wie er sagt. Die Ausstellung über Grönland und der interessante Austausch mit den Eis- und Klimaforschern seien ihm sozusagen «zugeflogen».

Gespannt sein darf man, was zuletzt noch im Seitenlichtsaal kurz vor der Vernissage im Entstehungsprozess ist. Auf der textilen Grundstruktur oder fünf von Martin Stützle entworfenen Eisbergen aus Baumwolle wird Fridolin Walcher kleine Fotoarbeiten installieren. Neben Motiven aus dem Alltag der Inuit werden dies auch Fotos von Glarner Bauern und von Fischern aus Kerala in Indien sein. Die indischen Fischer, deren Häuser von Flutkatastrophen weggespült werden, versuchten, ihre Dörfer mit Dämmen zu schützen. Auch die Glarner würden künftig weitere Verbauungen anlegen müssen, um sich vor Lawinen, Steinschlag oder Murgängen zu schützen, so Walcher.

Die Ausstellung «Des Gletschers Kern» eröffnet das neue Jahr im Kunsthaus fulminant. Gespannt sein darf man darüber hinaus auf diverse Begleitveranstaltungen sowie das Buch zur Ausstellung.

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