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Pariser Schriftsteller mit Schweizer Pass - Paul Nizon wird 90

Paul Nizon ist eine solitäre Gestalt in der Schweizer Literatur. Sein Werk ist ganz der Sprache verpflichtet, als Person pflegt er eine weltmännische Eleganz. Am 19. Dezember feiert er in Paris seinen 90. Geburtstag.

Agentur
sda
Mittwoch, 11. Dezember 2019, 10:51 Uhr Bern
Ein Berner Schriftsteller von weltmännischer Eleganz: Paul Nizon - hier im Jahr 2012 im Robert Walser Zentrum in Bern - feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag.
Ein Berner Schriftsteller von weltmännischer Eleganz: Paul Nizon - hier im Jahr 2012 im Robert Walser Zentrum in Bern - feiert am 19. Dezember seinen 90. Geburtstag.
Keystone/PETER SCHNEIDER

In der Vorrede zu einem Gespräch mit Philippe Derivière hielt Paul Nizon 2005 fest: «Ich selber verstehe mich als Pariser Schriftsteller deutscher Sprache mit Schweizer Pass» - um anzufügen: «Aber im Grunde gehöre ich einfach der Republik Nizon an.»

Seit mehr als vierzig Jahren wohnt Paul Nizon als Schriftsteller in Paris. Es war nicht nur die helvetische «Engnis der Enge», wie er sie 1970 im «Diskurs in der Enge» festhielt, die ihn 1977 in die Flucht trieb. Paris steht auch für den Versuch, Leben und Schreiben radikal miteinander zu verbinden.

Nizon kam 1929 als Sohn eines russischen Emigranten und einer Schweizerin in Bern zur Welt. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er Schriftsteller werden wollte. Ein Studium der Kunstgeschichte und die Arbeit als Kunstkritiker für die NZZ und die Weltwoche waren bloss Umwege, die ihm die Augen öffneten.

1963 schrieb Nizon zum Auftakt des Prosabands «Canto»: «Mir wird es zu eng». Und ein paar Seiten später antwortete der Erzähler auf die Frage, was er denn zu sagen habe, unumwunden: «Nichts, meines Wissens. Keine Meinung, kein Programm, kein Engagement, keine Geschichte, keine Fabel, keinen Faden.»

Diese Antwort und jenes Gefühl sind charakteristisch. Es geht Paul Nizon nicht um das beengende Was, sondern darum, wie einer schreibt. Allein die «Schreibpassion in den Fingern» sollen den Dichter hinein in den Rausch der Sprache verführen.

Fluchtbücher

Das erste Wort in «Canto» heisst allerdings «Vater». Es verrät einen zweiten Erzählkern. Das Buch ist auch der väterlichen Erinnerung gewidmet. «Das Nachsinnen über die Beunruhigung seines frühen Todes» hat Paul Nizon unlängst als eine der Quellen für sein Schreiben bezeichnet. Befreiung und Erinnerung bedingen einander.

Die frühen Bücher beschreiben Variationen der Flucht. Nebst «Canto» gehört das Reiseprotokoll «Untertauchen» von 1972 dazu oder drei Jahre später der Roman «Stolz». Darin beschreibt Nizon die Irrwege seines gleichnamigen Titelhelden durch den Spessart. Im Gepäck hat er eine Arbeit über van Gogh, über den Nizon 1957 promovierte.

Während Stolz vor den als beengend empfundenen Lebensumständen in den Kältetod flieht, lernte sein Erfinder Nizon «am Schreiben gehen», wie er 1985 seine Frankfurter Poetikvorlesungen betitelte.

Mit dem Roman «Das Jahr der Liebe» gelang ihm 1981 der Durchbruch – und sei es nur als ein Geheimtipp. Hartnäckig hält der Ich-Erzähler die Spannung zwischen der Isolation im Pariser «Schachtelzimmer» und dem pulsierenden Treiben draussen auf der Strasse aus. «Ich werfe mich ins Leben, wie ich mich ans Schreiben klammere.»

«Das Jahr der Liebe» ist sein schillerndstes, faszinierendstes Buch, das auch in Frankreich hoch geschätzt wird. Es ist eine Liebeserklärung an die Sprache und die «Zweitgeburt des Ich-Erzählers Paul Nizon», wie es Hermann Burger formulierte.

Die Engführung von Leben und Werk, von intimer Selbstbeobachtung und weit geöffneten Sinnen erhält 1989 in der Prosa «Im Bauch des Wals» eine neue Form: die des musikalischen Caprichos. Unter der Hand aber entfaltete sich schon seit den Sechzigerjahren sein vielleicht wichtigstes Werk: das Journal, dessen erster Band «Die Innenseite des Mantels» 1995 erschien.

«Autobiografiefiktionär»

Im Exerzitium der täglichen Aufzeichnung perfektioniert Nizon seinen autofiktionalen Schreibgestus. Er hat sich selbst einmal als «Autobiografiefiktionär» bezeichnet. Sein literarischer Stoff sei die Autobiografie, doch das Ziel des Schreibens sei die Fiktion. Paul Nizon ist stets beides: ganz sich selbst und ein «Drehbuch der Liebe», so der Titel eines anderen Journalbandes.

Wer sich derart hartnäckig seiner Existenz vergewissert, hat für Skepsis nicht zu sorgen. Seine elegantes Auftreten sowie die «gewisse Theatralik in meinem Lebenslauf», wie er jüngst in einem Gespräch sagte, haben immer wieder zu Missverständnissen geführt. Seine Selbstbeobachtung wird gerne als selbstgefällig abgetan. Was solls, mit 90 Jahren nimmt es Paul Nizon in Kauf.

Das erwähnte Gespräch mit Ulrich Weber ist gerade eben in einem «Quarto»-Band des Schweizerischen Literaturarchivs erschienen. Mit ihm wird das vertragliche Band bekräftigt, das zwischen dem Literaturarchiv und Paul Nizon seit 1996 besteht.

Rechtzeitig zum Geburtstag sind nun seine rund 30 Bücher (Prosa, Essays, Journale) mitsamt Varianten, Dokumenten, Briefen und Fotos in einem Inventar aufgearbeitet und online zugänglich gemacht worden. Die Preisgabe von literarischem Besitz falle ihm schwer, hält Nizon fest. Er tauscht dafür aber die Gewissheit ein, dass sein Werk Bestand haben wird.

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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