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Das leidvolle Leben eines Orchesterbeamten

Das Theater Muntanellas hat zur Premiere des Monologs «Der Kontrabass» in die Klinik Beverin in Cazis geladen.

Südostschweiz
Sonntag, 03. November 2019, 04:30 Uhr Theater Muntanellas
Zwischen Liebe und Hass: Martin Schulthess vom Theater Muntanellas spielt in Cazis den Kontrabassisten.
OLIVIE AEBLI-ITEM

von Maya Höneisen

Sorgfältig legt er eine Schallplatte auf den Plattenspieler. Ein Konzert von Brahms. Vergnügt summt er mit. «Moment, gleicht kommts. Jetzt. Hören Sie es? Die Kontrabässe, das bin ich. Ich meine, das bin ich mit meinen Kollegen. Da waren wir zu sechst. Ohne uns, da geht gar nichts.» Er fixiert das vor ihm sitzende Publikum und fährt nach einer Pause fort: «Was ich sagen will, ist, dass der Kontrabass das wichtigste Instrument eines Orchesters überhaupt ist. Bass ist das zentrale Orchesterinstrument, bloss gibt das keiner zu.»

Er, das ist im Stück «Der Kontrabass» des deutschen Autors Patrick Süskind ein namenloser Kontrabassist im Orchester der Staatsoper. Am Donnerstag lud das Theater Muntanellas zur Premiere der Inszenierung in die Klinik Beverin in Cazis. Für die Regie zeichnet Lina Frei verantwortlich, Martin Schulthess ist in der Rolle des Kontrabassisten zu sehen. Die Aufführungen finden im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums der Klinik Beverin statt.

Warten auf den Einsatz

Das Stück hat es in sich. Im mit Eierkartons schallisolierten Wohnzimmer (Bühnenbild: Christof Bühler) steht ein Kasten Bier auf dem Boden, am Kleiderständer hängt der Anzug bereit (Kostüm: Lilo Kuhn), der Kontrabass wartet auf seinen Einsatz im Orchester. An diesem Abend soll Richard Wagners Oper «Rheingold» aufgeführt werden.

Während der Vorbereitungen macht sich der Musiker so seine Gedanken, über sich, sein Instrument, die Musik, das Leben, die Liebe, die Welt und zu grossen Komponisten. Beethoven habe mehrere Klaviere zusammengeschlagen, aber nie einen Kontrabass. Beethoven habe sowieso kein Streichinstrument gespielt, bloss Klavier. Das gehe heute gerne vergessen, meint er lakonisch. Auch nicht viel besser wegkommt Wagners Werk «Tristan und Isolde». Der Kontrabassist seziert es geradezu – psychoanalytisch. Mozart bedauert er als Kinderarbeiter, der gezwungen worden sei zum Komponieren. Gleich darauf lässt er sich über seine Nachbarn aus. «Sobald ich beim Üben die Grenze von ‘Mezzoforte’ überschritten habe, klopft Frau Niemeier von oben. ‘Forte’ geht schon bis ins Nachbarhaus – die rufen dann an», moniert er, während er zärtlich über sein Instrument streicht und anfügt: «Das ist die Durchschlagskraft des Basses.»

Der Stolz kehrt gleich darauf aber ins Gegenteil. Der Kontrabass sei vielmehr ein Hindernis als ein Instrument, ist er plötzlich überzeugt: «Einen schönen Ton bringt man da gar nicht raus, weil gar kein schöner Ton drin ist». Gleichzeitig träumt er von Sarah, der jungen Sopranistin und überlegt sich, wie er sie wohl auf sich aufmerksam machen könnte. Vielleicht mit falsch gespielten Noten während des Konzerts? Mit einem falschen Ton eine Beziehung zu knüpfen, wäre aber wohl auch nicht ganz das Richtige, meint er und legt diese Idee wieder beiseite.

Die Liebe bleibt Illusion

Im hintersinnigen, tragikomischen und mit bitterbösen Einfällen gespickten Stück von Patrick Süskind schraubt sich der Monolog hoch in aberwitzige Absurditäten, die zum Lachen verführen. Das bleibt aber im Halse stecken. Denn nach und nach entpuppt sich der Kontrabassist als einsamer, frustrierter Musikbeamter, der zwischen rachsüchtigem Hass gegenüber dem Instrument und seiner Existenz sowie der leidenschaftlichen Liebe zur Sopranistin hin und her schwankt. Die Liebe bleibt allerdings Fantasie. Resignation und Trostlosigkeit machen sich breit. Die Bierflaschen leeren sich. Im Hintergrund lauert die Einsamkeit.

An der Premiere des Theater Muntanellas vermochte Martin Schulthess als verbeamteter Orchestermusiker der Dichte und der Intensität des furiosen Monologes standzuhalten und füllte seine Rolle im 90-minütigen Stück grandios aus. Das differenziert gesetzte Licht von Roger Stieger unterstrich die Wirkung des nur scheinbar trivialen Textes von Süskind und die schauspielerische Präsenz von Schulthess. Für diese Leistung bedankte sich das Publikum zu Recht mit Standing Ovations.

«Der Kontrabass».
Weitere Aufführungen: 2., 7., 8. und 9. November, jeweils 20 Uhr; 3. und 10. November, jeweils 17 Uhr. Saal La Nicca, Klinik Beverin, Cazis. Reservation: www.pdgr.ch/theater

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