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Von der Schwierigkeit, die richtige Frau zu kriegen

Klöntaler Literatursommer vom Feinsten: Die Lesung von Thomas Meyer öffnet den Blick in eine jüdische Welt und Kultur mitten in Zürich.

Fridolin
Rast
Montag, 29. Juli 2019, 04:30 Uhr Im Auge der Kamera
Thomas Meyer wird bei seiner Lesung auch gefilmt – für eine Dokumentation über die Kulturförderung von Swisslos.
FRIDOLIN RAST

Neun Stadien hat er durchlaufen auf seinem Weg zum Schriftsteller. Nun liest Thomas Meyer am Sonntagmittag im «Richisauer Literatursommer» und findet den Anlass «etwas traurig», denn es wird seine letzte Lesung. Zum Glück nur zu seinem ersten Buch, aus dem er rund 280 Male gelesen habe. «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» ist ein Bestseller geworden, 185 000-mal hat es sich seit 2012 verkauft, so die neuste Zahl von Gaby Ferndriger, Mitorganisatorin und Chefin von Baeschlin Bücher.

Am Anfang ein Gedanke

In einem kurzen Text erzählt Meyer über die neun Stadien bis zum Schriftsteller. Massgebliches erstes Stadium war seine Entdeckung der Buchstaben, der Laute, die sie enthalten und der Wirkung, welche sie in ihrer Kombination ermöglichen: «Mich faszinierte schon früh, wie ich Menschen begeistern und verärgern kann damit.»

Thomas Meyer spricht sie an, die antijüdischen Klischees wie jenes, dass Juden allesamt geschäftstüchtig seien – und widerlegt gleich selber: «Ich jedenfalls bin kein guter Geschäftsmann.» Er hat dies und das versucht, dann 2011 habe sich der Salis-Verlag seiner erbarmt, «und seither darf ich mich als Schriftsteller fühlen».

Seine Hauptperson im Buch ist Mordechai Wolkenbruch. Der Name sei nicht einer der fiesen Namen, welche österreichisch-ungarische oder deutsche Grenzbeamte den Juden vergaben, als diese schon in früheren Jahrhunderten auf der Flucht vor Pogromen in Osteuropa waren. Sondern Meyers Wortspiel und Antwort auf die Frage: «Was hätte ich als Familienname gewählt?»

Die Geschichte wiederum entstand aus der Idee, dass sich dieser orthodoxe Jude Mordechai Wolkenbruch in eine falsche Frau verliebt – also eine nichtjüdische, «gojete». Eine Idee, die Meyer zuerst in einer Zürcher Satirezeitschrift auf zwei Seiten skizzierte. Einer kurzlebigen Zeitschrift: «Nach vier Ausgaben war der Humor aufgebraucht». Nicht Meyers zum Glück, der nun als Jungautor entdeckt wurde. Worauf er in die Geschichte «so viele jiddische Begriffe reinpackte, dass mich die Leute vom Verlag bremsen mussten».

Sprache und Kultur vermittelt

Die Lesung bietet auch gleich einen Sprachkurs, wie Meyer schmunzelnd erklärt. Mottis «mame» heisst Judith, sie besitzt einen enormen «tuches» oder Hintern und das beste Matzenknödel-Rezept der Welt, beides von ihrer «mame» geerbt. Vater oder «tate» Moische ist blass und dünn, die Vererbung will es, dass die zwei Brüder in Hautfarbe und Statur an Schneemänner erinnern. Und wie nennt «tate» Mottis Bruder Schloime auch, der Chirurg ist? «Koschermetzger.»

Mutter Judith nun arbeitet hart daran, für Motti eine Frau zu finden. Sie organisiert «schidech um schidech», um ihn mit einer jüdischen, möglichst orthodoxen, Frau zusammenzubringen. «Das sind ungefähr die Rahmenbedingungen», kommentiert Meyer.

Höhere Trefferquote

Motti muss verheiratet werden, weil man das in orthodoxen Kreisen mit 19 oder 20 spätestens werden muss und mit der Familiengründung beginnen, wie der Autor erklärt. «Und Motti ist mit 23 Jahren fast schon im Greisenalter.»

Auch wenn sich Meyer nicht orthodox fühlt, so ein «schidech» sei eigentlich eine gute Sache, erklärt er. Denn allein greife man oft und stark daneben. «Hier fragt man sich ‘wer passt zu mir?’ statt ‘wer gefällt mir?’» Dabei sei die Aussensicht durchaus viel objektiver und die Trefferquote höher. Denn beim arrangierten Treffen diskutierten Frau und Mann durchaus offen darüber, ob sie zusammenpassen und welche Haltungen sie zu Leben, Politik und mehr haben. «Bei den ganz Frommen reicht ein Treffen», erfährt man weiter. Heiraten mit Realismus statt grossen Gefühlen halte die Scheidungsrate tief.

Schickse schickt sich nicht

Nun, keine der Frauen gefällt Motti, denn sie gleichen allesamt seiner «mame». Doch das kann er ihr auf keinen Fall sagen. So wenig wie er seine Schwärmerei für die Schickse verraten kann, die nichtjüdische und darum eben falsche Mitstudentin Laura. Mit Michèle passt es zwar auch nicht, doch die beiden tun sich als Leidensgenossen zum Schein zusammen. Hat doch Michèle dank gütiger Fürsorge ihrer «mame» auch elf Männer in einem Monat kennengelernt.

Der Rat des Rabbi hilft (nicht)

Allerdings setzt die vermeintliche Verbindung eine ganze Hochzeitsplanungsmaschinerie in Gang. Motti muss etwas tun, sonst steht er plötzlich mit dieser Michèle vor dem Altar. Ausgerechnet am Pessah-Fest und von einem ziemlich betrunkenen Motti auf den Tisch gehauen, löst die Wahrheit einen breiten mütterlichen Tränenstrom aus. Und nun, was tun orthodoxe Juden? Sie rufen den Rabbi auf den Plan, der wiederum eine Reise nach Israel vorschlägt. Da gibt es viele schöne Mädchen, jedenfalls sagt der Rabbi: «Da verliebst Du dich schon am Flughafen.»

Motti landet im Schoss der Familie, bei Onkel Jonathan und Tante Malka. Orthodoxe Hippies, die sich dem Yoga verschrieben haben. Motti lernt ein jüdisches Mädchen kennen, «ein nicht sehr anständiges, sie nimmt Motti nach dem Yoga gleich mit nach Hause». Es kommt, was fällig war, denn: «Er hat lange genug gewartet und lange genug gelitten.»

Doch eine Ehe ist das noch nicht, erst ein «schtup», Sex. Der «mame», die Moische am Morgen drauf anruft und ausquetscht, bleibt dann doch die Spucke weg. Mehr verrät Meyer nicht über «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», welche damit erst recht angefangen hat.

Aus dem Leben gegriffen

Dass der Roman autobiografisch wäre, das hat Meyer anfangs verneint. Ja, er ist Jude; nein, er ist nicht orthodox aufgewachsen. Er sei in der Lage, ein Buch zu erfinden, ohne sich im eigenen Leben zu bedienen. Er hat es immer noch verneint, als seine Mutter sich auf jeder Seite wiedererkannte. Und es erst akzeptiert, als die – «aus anderen Gründen konsultierte» – Therapeutin ihm sagte: «Das sind Sie, genau dasselbe haben Sie mir in der Therapie erzählt.» Allerdings sei die dominante Mutter kein jüdisches Monopol.

Was allerdings die beschriebenen Orthodoxen in Zürich über sein Buch denken, weiss der Autor offiziell nicht. Denn, so zitiert er einen Bekannten: «Offiziell hat es bei uns keiner gelesen.» Die orthodoxen Juden geben sich aber auch nicht mit anderen ab, betont er: «Orthodox sein kann man nur durch Nicht-Integration.» Gläubig zu sein allein, reiche dafür nicht.

Appetithäppchen vom Neuen

Zum Schluss macht Meyer augenzwinkernd Lust auf sein neustes Buch, «Meyers kleines Taschenlexikon». Die Familie ist ein «Gelassenheitsworkshop», die Kirche «die Fabrik, in der das schlechte Gewissen hergestellt wird». Und Nörgeln «eine effektive Methode, einen Penis zum Erschlaffen zu bringen».

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