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Das Gebetsbuch als Emanzipationsschritt

Eine neue Publikation befasst sich mit der Rolle der Frauen in der religiösen Bildung zur Zeit des Pietismus. Prominent vertreten sind darin zwei Bündnerinnen: Hortensia von Salis und Mengia Wieland-Bisaz.

Jano Felice
Pajarola
Montag, 08. Juli 2019, 04:30 Uhr Buchbesprechung
Das Gebetsbuch als Emanzipationsschritt
ZVG

«Missas gio da mia D. Neza Donna Mengia Violanda, nata Bisaza», so hielt es ihr Onkel auf dem Titelblatt ausdrücklich fest, «verfasst von meiner Nichte, Frau Mengia Wieland-Bisaz». Nicht die Dichterin selbst war Herausgeberin ihres eigenen Gesangbuchs «Ovretta musicale» von 1749 und später, ein männlicher Verwandter musste es sein.

«Ein Hinweis auf die damalige Stellung der Frau im Unterengadin», vermutet Jan-Andrea Bernhard. Der in Ilanz/Glion wohnhafte Theologe und Privatdozent für Kirchengeschichte an der Universität Zürich hat sich gemeinsam mit Judith Engeler, Doktorandin am Institut für Reformationsgeschichte in Zürich, mit einem Thema befasst, das bislang von der Forschung eher stiefmütterlich behandelt wurde: die Stellung und Bedeutung der Frauen im religiösen Bildungsbereich des 17. und 18. Jahrhunderts, während der Zeit des sogenannten Pietismus. Diese Bedeutung nämlich war gross, so die Schlussfolgerung von Bernhard und Engeler.

Die Gesellschaft sensibilisieren

Nachzulesen ist das in ihrer eben erschienenen Publikation «Dass das Blut der heiligen Wunden mich durchgehet alle Stunden: Frauen und ihre Lektüre im Pietismus». Der Band ist der Ertrag eines Seminars, das im Herbst 2016 an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich ge- halten wurde, und dessen wichtigste Erkenntnisse sollten, so fand Bernhard, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – «auch, um die Gesellschaft für die Bedeutung der Geschlechtergeschichte zu sensibilisieren.»

Es solle dazu anregen, sich vermehrt mit der Buch-, Erziehungs- und Bildungsgeschichte von Frauen in den beiden erwähnten Jahrhunderten zu befassen. Denn «gerade die Auseinandersetzung mit den Büchern, die Frauen lasen, besassen und schrieben, gewährt einen alternativen Zugang zur Geschlechtergeschichte.»

Sie beherrschte die Dichtkunst

Wie am Beispiel von Mengia Wieland-Bisaz. Sie ist – neben Hortensia Gugelberg von Moos, geborene von Salis – eine der zwei Bündnerinnen, die in der Publikation vorgestellt werden. Und sie gilt als die erste greifbare Schriftstellerin und Dichterin Romanischbündens. Dass Frauen im bäuerlichen Unterengadiner Umfeld Mitte des 18. Jahrhunderts lesen und schreiben konnten, ist laut Bernhard bekannt; dass sie selbst dichteten und sogar gedruckt wurden, sei hingegen «eher erstaunlich». Wieland-Bisazens 30-strophiges Klagelied zum Tod ihrer Tochter zeige notabene, dass sie «die Kunst des Dichtens wirklich beherrschte». Ihre Lieder seien das Zeugnis einer tiefen Frömmigkeit und einer ausserordentlichen Bildung.

Die neue Publikation mehrt damit die bislang sehr spärlichen Kenntnisse über die religiöse und schulische Bildung der Frauen im Ancien Régime. Und sie zeigt auf, dass die Lektüre von Gebets- und Erbauungsbüchern ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Emanzipation war, denn diese Lektüre stand oft am Anfang des literarischen Engagements von Frauen. Die zunehmenden Fertigkeiten des Lesens und Schreibens und das Interesse für das gedruckte Buch, so Bernhard, seien ein wichtiger und grundlegender Schritt zur Mündigkeit der Frau gewesen.

BUCHTIPP
Jan-Andrea Bernhard, Judith Engeler (Hg.): «Dass das Blut der heiligen Wunden mich durchgehet alle Stunden». Theologischer Verlag Zürich. 162 Seiten. 24.80 Franken

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