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Elise Shubs: «Ich wollte immer sagen, was nicht geht»

An den Solothurner Filmtagen 2017 erhielt Elise Shubs grosse Aufmerksamkeit mit «Impasse», ihrem Dokumentarfilm über Prostituierte in Lausanne. Ihr Engagement reicht weit darüber hinaus.

Agentur
sda
Donnerstag, 04. Juli 2019, 09:02 Uhr Lausanne
Elise Shubs hat an den Solothurner Filmtagen 2017 mit "Impasse", ihrem Dokumentarfilm über Prostituierte in Lausanne, grosses Aufsehen erregt.
Elise Shubs hat an den Solothurner Filmtagen 2017 mit "Impasse", ihrem Dokumentarfilm über Prostituierte in Lausanne, grosses Aufsehen erregt.
Keystone/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Um all ihren Aktivitäten nachzukommen, durchquert Elise Shubs die halbe Stadt Lausanne: vom Kantons- und Universitätsspital, in dessen Nähe sie mit ihren beiden Kindern wohnt, hinab ins Geschäftsviertel, zur Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende der Entraide Protestante Suisse (EPER), wo sie eine 40%-Anstellung hat, ganz hinunter ins Tal des Flon zum ehemaligen Güterbahnhof Sébeillon, in dessen oberstem Stockwerk sie seit acht Jahren im Atelier des Filmkollektivs Casa Azul Films tätig ist.

«Bis Juni 2018 fuhren da unten noch Güterzüge ein, deren Ladungen auf LKWs umgeladen wurden. Es war ein erhebendes Gefühl, ihr Beben zu spüren und ihnen von hier oben zuzuschauen», meint Elise Shubs. Jetzt wartet der elegante Bau, funktionalistische Architektur der frühen 1950er Jahre, auf eine neue Nutzung.

Die Filmer von Casa Azul Films haben ihre Schnitt- und Mischräume und Büros seit über zwanzig Jahren in diesem Gebäude und hoffen auf seine Umnutzung für viele weitere Kulturschaffende. Elise Shubs hat sich hier in allen Funktionen mit der Filmproduktion vertraut gemacht: als Regisseurin, Autorin und Produzentin.

Ungewöhnlich grosses Engagement

2015 bis 2016 drehte sie ihren ersten Dokumentarfilm und erhielt damit vor zwei Jahren an den Solothurner Filmtagen grosse Aufmerksamkeit. «Impasse», auf Deutsch «Sackgasse», vergegenwärtigt das Leben von vier Prostituierten in Lausanne durch ihre Stimmen im Off und durch Bilder, die jeden Voyeurismus unmöglich machen, weil sie nicht die Protagonistinnen zeigen, sondern das, was sie umgibt.

Mitgewirkt am Film haben auch ihr Kollege Fabien Aragno, seit 2002 Produzent und Kameramann von Jean-Luc Godard, und der Fotograf Matthieu Gafsou. Für diesen ist Elise Shubs die ideale Regisseurin. «Sie hat ein Engagement, wie man ihm selten begegnet. In ihrer Arbeit, in ihren Anliegen und in ihren ästhetischen Überlegungen. Und zugleich gehört sie zu denjenigen, die die Dinge nicht gegen andere entwickeln, sondern mit ihnen.»

So funktioniert Casa Azul Films insgesamt: «Wir diskutieren unsere Projekte untereinander und unterstützen einander fortlaufend, von der Idee über die Verwirklichung bis zum Vertrieb. Auch beim mühsamen Geschäft, die nötigen Finanzen aufzutreiben», sagt sie als heutige Vizepräsidentin des Kollektivs.

Im Filmbusiness insgesamt ist solch gleichberechtigtes Arbeiten seltener. «Als Frau wurde ich in diesem von Männern beherrschten Bereich oft auch dann noch als Assistentin oder Sekretärin eingestuft, wenn ich jeweils schon die ganze Produktion leitete.» Doch derartigen Widerständen hat sie von klein auf die Stirn gezeigt: «Ich wollte immer sagen, was nicht geht.»

Das war ihr wichtiger als Schulerfolge. Nach der Volksschule wollte sie zunächst eine Lehre als Biologie-Assistentin machen, schaffte dann aber den Zugang zur Universität ohne Matur und beendete ihr Studium schliesslich mit einem Master in Politikwissenschaften. Den Vorschlag, den Doktor zu machen, schlug sie aus. Wichtiger war das praktische Engagement.

Schon im Studium hatte sie mit der Freiwilligenarbeit in der Rechtsberatung für Asylsuchende bei der EPER begonnen. Dort erhielt sie nach dem Studienabschluss gleich eine Stelle. Diese verliess sie jedoch 2009, um das «Country Information Research Center» (CIREC) zu gründen, einen Informationsdienst, der Daten über die Herkunftsländer der Flüchtlinge zusammentrug. Es ging darum, jene Umstände ihrer Flucht zu dokumentieren, die sie selbst nicht belegen können.

«Ich höre den Film, bevor ich ihn drehe»

Bei diesen Recherchen wurde auch der Film wichtig für sie. Und sie wurde wichtig für den Film, vor allem in der Zusammenarbeit mit den Cinéasten von Climage audiovisuel, Fernand Melgar, Stéphane Goël und Daniel Wyss. 2013 verliess sie das CIREC, um eigene Filme zu entwickeln, und nahm ihre Arbeit in der EPER wieder auf. Daneben machte und macht sie auch noch Freiwilligenarbeit als öffentliche Schreiberin für Migrantinnen und Migranten.

Wie schafft sie das alles? «Elise gehört zu den Menschen, deren Energie einen fast verzweifeln lässt», sagt Philippe Bovey, ihr ehemaliger Chef bei der EPER. «Sie hat jeweils schon die Eigernordwand bezwungen, wenn die anderen sich noch fragen, wie sie über den nächsten Hügel kommen.»

Für die Filmerin ist die Unterstützung ihrer Umgebung entscheidend, jene Ihrer Kollegen in Casa Azul Films ebenso wie jene ihres Ex-Manns. «Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder würde ich es nicht schaffen, wenn ich ihre Betreuung nicht voll mit meinem Ex-Mann teilen könnte. Filme machen und Kinder haben, das ist eigentlich fast unvereinbar. Ich bewältige das nur dank meinem Ex-Mann und dem Entscheid, mich in meinen Filmen vorläufig auf Sujets vor Ort zu beschränken.»

Gegenwärtig arbeitet sie gleich an zwei Filmprojekten. Im einen, «Marche», will sie erfahrbar machen, wie Frauen den öffentlichen Raum erleben. «Den meisten Frauen ist gar nicht bewusst, wie sehr sie sich in ihren Bewegungen anpassen und einschränken, um unbehelligt durch die Stadt zu kommen.»

Wie zeigt und erzählt man das im Film? Entscheidend für sie ist immer die Tonspur. Kein Wunder: Sie besitzt das absolute Musikgehör und hat früh Geige gespielt und dann Gesang erlernt. «Ich höre den Film, bevor ich ihn drehe. Und davon ausgehend gilt es in diesem Projekt dann auch die Rhythmen zu finden, um in den Bewegungen der Frauen zu zeigen, welche Energien sie aufbringen, um sich im öffentlichen Raum dem Verhalten der Männer anzupassen, meist ganz unbewusst.» Das lässt sich nicht realisieren, ohne die Grenze zwischen Fiction und Non-Fiction zu überschreiten. Für manche Vertreter des Dokumentarfilms immer noch ein Tabu.

Das andere Projekt bleibt dem herkömmlichen Dokumentarfilm eher treu. «Salle d’attente», so der Arbeitstitel, gilt einer Gruppe von 25 Nigerianern, die nach ihrer Ankunft in der Schweiz mehrere Monate auf der Strasse übernachten mussten, bevor sie ein leerstehendes Haus besetzten und einen Nutzungsvertrag erhielten.

Dort organisieren sie ihr Zusammenleben nun auf eine Weise, die jedem Klischee widerspricht, das über afrikanische Migranten in der Schweiz zirkuliert. Die jungen Nigerianer, von denen die meisten sich dank einer italienischen Aufenthaltsbewilligung auch in der Schweiz aufhalten dürfen, befolgen eine strenge Hausordnung, die sie sich selbst gegeben haben.

Elise Shubs hat ihnen den Vorschlag gemacht, sich beim Filmen in ihren Dienst zu stellen. Sie aber vertrauen voll auf das Know-how der Filmerin: «Tu fais comme tu veux, c’est toi la cheffe», haben sie ihr geantwortet. «Mach, wie du willst, die Chefin bist du.»

Chefin, gewiss, aber Matthieu Gafsou präzisiert: «Wenn ich mit ihr zusammenarbeite, habe ich das Gefühl, nicht einfach ein Hilfsmittel zu sein, sondern im Einklang mit ihr voranzuschreiten, als Stimme des Chors, den sie dirigiert.»

Dafür sind in den Augen ihres ehemaligen Chefs Philippe Bovey zwei Dinge entscheidend: «Sie ist fähig zur grössten menschlichen und intellektuellen Flexibilität und bleibt zugleich ein Fels, wenn es gilt, einer Ungerechtigkeit zu begegnen.»

Verfasser: Daniel Rothenbühler, ch-intercultur

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