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Das letzte Theater, der letzte Tag, der letzte Text

Das Schultheaterfestival «Best Festival» des Theaters Chur in Zuoz ist gestartet. Jeden Tag berichten sechs Schülerinnen und zwei Schüler für uns vom Festival und verfolgen die Themen ihrer Generation. Das war der letzte Tag.

Südostschweiz
Montag, 15. April 2019, 13:09 Uhr Schülerreportagen vom «Best Festival»
Am letzten Tag galt es nochmals alles zu geben.
ZVG

von Albrecht Lehmann

Das «Best Festival» geht zu Ende, nach fünf intensiven Tagen. Wir mussten heute mit einer reduzierten Redaktion arbeiten, schliesslich kennen unsere ReporterInnen noch andere Verpflichtungen. Es warten Prüfungen, Vorträge und Aufsätze. Dennoch haben sie dafür gesorgt, dass Material da war, um das tägliche Festival-Blatt zu füllen.

Danke ans Best, danke ans Lyceum in Zuoz, danke auch an die Südostschweiz, die uns die Veröffentlichung hier ermöglicht. Unser grösster Dank geht aber an die SchülerInnen, die während fünf Tagen ihre Gedanken, Gefühle, ihre Themen auf der Bühne gezeigt haben. 21 Schulklassen haben uns mit ihrer Kreativität beschenkt, uns zum Nachdenken, Träumen und Lachen gebracht.

Die FestivalreporterInnen haben in diesen Tagen alles gegeben, um die Inszenierungen zu besprechen und die Stimmung auf dem BEST Festival einzufangen. Ich bin sehr stolz auf sie und hoffe, dass Sie, die LeserInnen der Südostschweiz, die Texte ebenfalls als eine Bereicherung erfahren haben. Wenn Sie bei der Lektüre der Texte sich vorstellen können, vor Ort zu sein, dann haben wir alles richtig gemacht. Und wenn Sie weitere Eindrücke wünschen, werden Sie auf unserem Instagram Kanal @sbeschta_vom_best fündig.


«Energie, die mich vom Hocker fegt!» von Paula Savary und Lara Cantoni

Jeden Morgen bevor es losgeht, bittet Loris Mazzocco alle Schüler*nnen in einen Kreis. Seine Augen funkeln, er ist jetzt voll da, lacht offenherzig und begrüsst alle Klassen. Um die Nervosität abzuschütteln, ruft er zu einer gemeinsam Welle auf. Energie fliesst und der Raum wird einmal durchgeschüttelt. TOI TOI TOI, der Tag kann beginnen. Der Tagesplan ist streng getaktet:Vier Theateraufführungen, inklusive Rückspiel, gilt es über die Bühne zu bringen. Trotzdem lässt sich der BEST-Organisator nicht aus der Ruhe bringen und ist immer zu einem Scherz aufgelegt. Abends nimmt er sich die Zeit, unsere Fragen zu beantworten. Seine einzige Bedingung für das Interview: Er braucht eine Kaffeemaschine in der Nähe.

Loris, wie würdest du dich in drei Wörter beschreiben?
Eine schwierig Frage. Ah, ich hasse das, mich selbst zu beschreiben. Vielleicht würde ich sagen, ich bin bodenständig. Hm. Optimistisch und... Ich versuche, ruhig zu sein. Oder ruhig zu bleiben.

Du wirkst immer sehr locker und gut gelaunt. Kommst du hier nie in den Stress?
Nein, jetzt nicht mehr. Am Montag war ich sehr gestresst. Aber das ist ja meine Sache. Deswegen müssen nicht alle anderen auch gestresst sein. Im ersten Jahr kam ich an den Punkt, wo ich darüber nachdenken konnte, ob es genügend Abfallsäcke gibt. Da wusste ich: Wenn das meine einzigen Probleme sind, dann bin ich gut vorbereitet.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?
Zuerst: frühstücken - danach geh ich ins Zimmer und schreibe mails. Ich gehe den Tagesablauf durch, schaue mir das Kick-Off-Blatt an, mache Anpassungen. Jeder Tag hat irgendetwas Spezielles. Ich habe eigentlich fast nichts zu tun, bis die Klassen da sind. Wenn sie da sind, nehme ich sie in Empfang. Ich begrüsse sie und frage, ob sie aufgeregt sind. Sie sollen einfach gut empfangen sein. Sie sollen nicht hierher kommen und fünfzehn Minuten warten müssen und sich fragen: «Bin ich hier am richtigen Ort?» Dann zeige ich Ihnen die Gepäckablage und warte, bis es beginnt.

Was ist für dich Theater?
Gutes Theater schafft es, eine Energie auf der Bühne zu erzeugen, die mich überrascht und mich vom Hocker fegt.

Kann das ein Film oder ein Buch nicht?
Nein. Ich bin viel zu faul zum Lesen. Es ist der Live-Moment. Es geschieht etwas auf der Bühne und du teilst das mit ganz vielen Zuschauern. Ich möchte eine Energie zu spüren, eine Spielfreude sehen. Es ist mir sogar egal, wenn die Geschichte vielleicht gar nicht so gut ist. Es ist in der Power, die da ist, in der Atmosphäre.

Was kann Theater Jemandem geben?
Es gibt Kindern die Möglichkeit und die Fähigkeit, sich zu entwickeln und den Sinn des Lebens zu finden, mit dem sie der Welt begegnen möchten. Theater spielen spricht ganz viele Sinne an, es fördert die Kreativität. Es gibt einem die Möglichkeit, sich mit Sachen auseinander zu setzen, sich selbst zu entdecken. Mit Situationen konfrontiert zu sein, an denen man sich reiben kann, an denen man wachsen kann.

Was bringt es einer Klasse, wenn sie zusammen Theater spielt?
Man sieht sich gegenseitig in Situationen, in denen man sich normalerweise nicht kennt. Der eine ist vielleicht immer ruhig, sitzt in der Ecke. Plötzlich kommt er und schmeisst etwas hin - und alle sagen: «Wow!» Der hat dann die Möglichkeit, eine Seite von sich zu zeigen, die er sonst nie zeigen kann. Oder die Klassenbeste hat plötzlich Hemmungen. Gleichzeitig sind alle im gleichen Boot. Du probst im Schulhaus, im geschützten Rahmen, mit Leuten, die du kennst. Dann gehst du raus damit und musst vor dem Publikum bestehen. Jede Gruppe zeigt, was sie kann an diesem Tag. Und vielleicht hat es im Schulhaus viel besser geklappt, aber das ist nicht das Zentrale an diesem Tag. Es passiert ja nichts. Aber du hast eine Erfahrung gemacht, die du nirgends sonst machst.

Was ist die Idee vom BEST, was steckt dahinter?
Für mich ist Theater etwas,  das Allen zur Verfügung stehen muss. Auch denen, die nicht ganz einfach den Zugang zu Theater finden. Es ist wichtig, sich dafür einzusetzen. Und da ist die Vernetzung, diese Begegnung der verschiedenen Klassen. Man sieht, was andere gemacht haben und begegnet sich auf Augenhöhe.

UN-NÖTIG von Paula Savary

Die OS Pontresina ist auf Wahrheitssuche, ihr Vorhaben: Die Welt auszumisten. Unnötig oder nicht unnötig, das ist hier die Frage. Schlaflos Umtriebene philosophieren nachts um zwei über den Sinn des Lebens. Drei Jungs dröhnen sich mit Drogen die Birne zu. Ein schwarzer Sprechchor hat auf alles ein Antwort: «UNNÖTIG!» «Ungerechtigkeit?» «Krieg?» «Steuern?» «Toilettenpapier?» «Sonnenuntergang?» «UNNÖTIG!» Die Stimmung wird lauter, aggressiver. Irgendwann kippt sie. Verunsicherung macht sich breit. So einfach ist das gar nicht… Was für eine unnötig ist, bedeutet für den anderen die Welt. Und ausserdem: Braucht wirklich alles einen Zweck? 

Verloren, Verschwunden, Vergesesen von Paula Savary

«Pijama?» «Jo!» «Zahpasta?» «Jo!» «Muetter?» «Hä was?»

Auf der Bühne werden die Koffer gepackt. Die 3.OS aus Zuoz fährt in die Ferien. Wo soll's denn hin gehen? London, Mallorca, oder doch lieber Italien?

Die Reisegruppe wird jäh unterbrochen, als eine Dorfführerin aus dem Publikum auf die Bühne stürzt. Sie führt die Klasse durch den Zuozer Dorfkern. «Dihai ischs sowieso am schönsta» und wie gut kennt man das eigene Dorf überhaupt? Was passiert, wenn es irgendwann mal keinen Schnee mehr gibt? Geht es so weit, dass «irgendwänn sEngadin vergessa got?» Es gelingt den Zuozer*innen das hochaktuelle und todernste Thema auf humorvolle Weise anzupacken. Nebenbei, schaffen sie es immer wieder, tolle Überraschungsmomente zu erzeugen. Wenn die Schneemaschine streikt und Theaterpädagogin Lina eingreifen muss, plötzlich Jägermeister im Publikum ausgeschenkt wird oder einer laut Let it go auf der Bühne rum kräht. Die Klasse hat das Publikum auf seiner Seite, es wird geschmunzelt und gegrölt. Man spürt: Die hatten ihren Spass und haben hier gemeinsam etwas auf die Beine gestellt.

Beam it! Gefangen in der Zukunft von Albrecht Lehmann

Ich mag die Roboter. Arme angewinkelt, die Beine steif: «Tüt! Tüt!» Die Roboter haben drei Soldaten aus der Vergangenheit gebeamt. Eben noch waren sie im Schützengraben und plötzlich sind sie im Jahr 2101, bei Dr. Professor 1A, der seine Geliebte sucht. Ein toller Professor: Er lässt sich von RSH201 massieren und rollerskatet über die Bühne, mit quietschenden Bremsen. Die Roboter machen Revolution: Roboter für immer!» Aber der Roboter SRH1617 ist eigentlich die Geliebte, Überraschung. Am Ende gibt's ein Happy-End zum Titanicsong und die Soldaten erschiessen die Roboter. «Plopp, Plopp» machen die Plastikpistolen. Arme Roboter! - denke ich, wie sie da auf einem Haufen liegen, und klatsche vergnügt.

Dragunda Sargun - Eine Wanderung mit Aussicht von Albrecht Lehmann
Die Gäste aus Zürich zeigen, dass es kein Bühnenbild braucht. Vor unseren Augen entstehen ein Zugabteil, eine Bergwanderung, ein See, aus dem ein Drache steigt. Das alles erschaffen sie mit hohem Körpereinsatz, vom ersten Moment an, wenn sie atemlos auf die Bühne kommen. Die Schulklasse hat ihren Lehrer am Bahnhof verloren und jetzt sind sie frei. Den Kontrolleur tricksen sie aus und wandern schliesslich nach Zuoz. Beim Wegweiser wird's philosophisch: Nimmt man den anstrengenden, kurzen Weg? Oder den längeren, gemütlichen? Was will ich von der Zukunft? Und dann wird's wieder lustig, beim Wandersnack und der Pinkelpause, wenn die Jungs über die Mädchen lästern oder schwärmen – und umgekehrt. Es wird getanzt, es gibt Musikeinlagen – und wir sind klatschend dabei. Nur Lehrer Meier, der war zu spät.

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