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«s’Beschta vom Best» – auch online

Das Schultheaterfestival «Best Festival» des Theaters Chur in Zuoz ist gestartet. Jeden Tag berichten sechs Schülerinnen und zwei Schüler für uns vom Festival und verfolgen die Themen ihrer Generation. Das war Tag zwei.

Südostschweiz
Mittwoch, 10. April 2019, 11:07 Uhr Schülerreportagen vom «Best Festival»
Die Schülerreporter nehmen jedes Theaterstück genauer unter die Lupe.
ZVG

von Albrecht Lehmann

Ihr Programm ist gedrängt, die Aufgaben anspruchsvoll - aber sie lassen sich davon nicht beirren. Die Festivalreporterinnen und -reporter schreiben täglich vier Kritiken. Jede Inszenierung am «Best Festival» wird somit abgedeckt. Mit ihren Texten füllen sie ihr eigenes Tagesblatt, das «Spotlight», das sie beim Festival verteilen.

Ihre Kritiken sind keine Verrisse oder Konsumempfehlungen. Es sind Beschreibungen, Beobachtungen. Es sind Texte, welche versuchen, das Fliessende einer Inszenierung in Worten fest zu halten. Das «Spotlight» ist ein Souvenir für die Spielerinnen und Spieler, könnte man sagen.

Darüber hinaus berichten die Festivalreporter, sie kommentieren und recherchieren. Sie fangen die Atmosphäre des Festivals ein. Mit diesen Texten möchten sie den Lesern einen Einblick geben, die nicht vor Ort sein können.

Die Festivalreporter meistern diese verschiedenen Aufgaben nicht nur täglich, sie sind noch weiter gegangen. Die Eröffnung eines Instagram Accounts geschah nicht etwa, weil man das nunmal muss. Es war ihre Antwort auf die Frage, wie sie ihre Berichterstattung für und über das Festival intensivieren könnten.
 

«s’Beschta vom BEST» – auch online! von Zippora Orlik

Unsere Tage hier am «Best Festival» sind gefüllt mit einem umfangreichen Programm und vergehen wie im Flug. So viele Eindrücke, man hat gar keine Chance, alle zu verarbeiten. Damit die Schüler am Ende des Tages nochmals in Ruhe den Tag verarbeiten können und die «best of the BEST» immer aufrufbar sind, haben wir uns entschlossen, auch online auf Instagram zu sein.

Auf unserem Account sbeschta_vom_best laden wir die täglichen Highlights hoch. Schnappschüsse aus den einzelnen Theateraufführungen, aber auch Einblicke hinter die Kulissen, damit man die Gelegenheit erhält, die kleinen Eindrücke, die während des Tages untergingen, nochmals zu durchleben. Aber auch alle, die beim «Best Festival» nicht live dabei sein können, bekommen somit einen einmaligen Einblick in unsere Woche, hier im Lyceum Zuoz.
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Kaugummi raus, jetzt geht es los! von Jessica Willi und Telma Seixas Fernandes

Der Zuschauer sieht eigentlich nur das fertige Theaterstück. Doch das ist nur ein Bruchteil der ganzen Arbeit, die dahinter steckt. Diese sieht man nur, wenn hinter die Kulissen geschaut wird.

Die 6. Primarklasse aus dem Schulhaus Masans in Chur führte heute am «Best-Festival» das Stück «Die komische Welt der Liebe!» auf (die Kritik dazu folgt weiter unten). Diese halbstündige  Aufführung hatte sieben Schultage Vorbereitungszeit. Der Lehrer Lukas Bär schätzt, etwa 50 Stunden Arbeit mit seiner Klasse in das Stück investiert zu haben.  Er berichtet uns davon, wie zentral so eine Woche für die Schüler ist: «Um gemeinsam Theater zu spielen, muss man die persönlichen Affinitäten und Wünsche zum Wohl der Gruppe zurückstecken.» Solche Erfahrungen kämen im Schulalltag oft zu kurz und deshalb sei es eine tolle Abwechslung gewesen, ein solches Theaterstück mit der Theaterpädagogin Hannah Berner einzustudieren.  «Es war super, dass wir keine Prüfungen während dieser Zeit hatten!», schmunzelte ein Schüler.

Hannah hatte bereits mit dieser Klasse zusammengearbeitet. Dieses Mal hatten die Schüler aber die Möglichkeit, aus drei verschiedenen Geschichten auszuwählen und haben sich für eine Kurzgeschichte entschieden, aus der dieses Theaterstück entstanden ist. «Sie haben von Anfang an super mitgemacht. In jedem Projekt gibt’s mal eine Krise. Wir hatten auch einen schwierigen Tag, aber das gehört zu so einem Projekt dazu.» Hannah ist begeistert, wie viel Einsatz die Klasse zeigte und wie viel die Klasse selber zum Stück beisteuerte.

Herausfordernd für die Klasse ist auch, dass sie zum ersten Mal auf dieser Bühne stehen und gleichzeitig nur noch eine halbe Stunde Probezeit haben.  Kleine, aber wichtige Details müssen noch besprochen werden. Heisst es jetzt «doch» oder «aber»? Wann geht das Scheinwerferlicht an?  Wer soll wo stehen? Ein letzter technischer Durchgang findet statt. Ohne den technischen Support von Pina Schläpfer und Jan Hermle wäre das nicht möglich.  Die Beiden unterstützen die Gruppe bei ihrer Probe, so wie sie auch alle anderen Schulklassen beim «Best Festival» mit der Handhabung von Licht, Musik und noch fehlenden Requisiten unterstützen.


Bei so viel Nervosität ist es besonders schwierig, ruhig und konzentriert zu bleiben. Das einzige, bei dem sich alle Schüler einig sind, ist, dass sie aufgeregt sind. Dennoch herrscht Vorfreude. Um die Schüler zu beruhigen werden vor der Aufführung noch Aufwärmübungen gemacht und Hannah spricht ihnen motivierende Worte zu. Sie halten sich an den Händen und schliessen die Augen, alle sind bereit. Dann heisst es: «Kaugummi raus, jetzt geht es los!»

«Eimol isch keimol» unter der Lupe von Telma Seixas Fernandes

Jeder weiss, Theater dient zur Unterhaltung. Doch das Treiben, welches Backstage herrscht, ist mindestens genauso unterhaltsam wie die Show auf der Bühne. Die bereits verkleideten Schauspieler rennen hektisch von einem Ort zum anderen. Es wird geschrien und gezappelt. Es ist die erste Probe der 3. Sekundarklasse aus Bonaduz in diesem Raum und alle Positionen müssen noch markiert werden. Reicht eine halbe Stunde dafür aus? Zweifellos, bei der ganzen Energie, die diese Schulklasse aufbringt. Die Nervosität, die sich in ihnen aufstaut, ist so gross, dass sie sogar auf mich abfärbt. Ich fürchte, wenn sie nicht vor der Aufführung ausgeschüttet wird, explodieren die Schüler auf der Bühne. Als ich André Cerqueira, einen der Schauspieler, frage wie er sich fühlt, überlegt er lange hin und her wie er es am besten ausdrücken könnte und beschreibt es dann so: «Alle Leute werden vor mir sein, und ich bin da, alleine, und habe so einen Druck. So wie in diesem Klischee Bild von der Einsamen Person im Scheinwerferlicht. Obwohl ich weiss, dass ich nie alleine sein werde.» Es ist unmöglich, zu übersehen, wie sehr dieses Stück der Klasse am Herzen liegt, denn sie haben es selbst geschrieben. Es setzt sich mit vielen alltäglichen Themen auseinander, die uns alle betreffen. «Es ist wie unser Abschlussprojekt von der Oberstufenzeit.»  André erzählt mir stolz davon, wie begeistert er über den Zusammenhalt ist, den die ganze Gruppe auf der Bühne zeigt. Anfangs hätten sie Schwierigkeiten gehabt, alle Schüler für das Projekt zu begeistern. Doch nun sei sogar ihre Parallelklasse da, um die Produktion zu sehen. Wer wäre da nicht nervös?  Nervosität gehört nun mal zum Bühnenleben dazu. 

Nach der Aufführung ist André immer noch energiegeladen. Wie geht es ihm jetzt? Er lacht und die Worte sprudeln aus ihm heraus: «Nun ist es Erleichterung pur. Weil jetzt ist alles vorbei. Jetzt ist das Gefühl von dem einsamen Scheinwerfer weg und alle sind wieder da. Es waren alle im selben Boot.» Auf der «Best Festival»- Bühne war nicht eine einzelne Person zu sehen, sondern eine Gruppe, die mit Herzen am selben Strang gezogen hat.
 

Das BEST in Zahlen von Paula Savary und Fabian Furrer

Das Bünder Schultheater, kurz Best findet 2019 zum 3. Mal statt. dieses Jahr in Zuoz im Oberengadin.

330 Kinder aus 21 Schulklassen reisen in diesen 5 Tagen ans Lyceum Alpinum.

Zusammen mit 20 Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen haben sie in 6 Tagen ein Stück auf die Beine gestellt.

Sie stammen aus 12 verschiedenen Gemeinden aus allen 3 kantonalen Sprachregionen.

Zu Gast ist 1 weitere Klasse aus der Stadt Zürich.

Auf 1207 Metern über Meer wird auf 1 Bühne geschwitzt, getanzt und gespielt.


Um das ganze Theater reibungslos über die Bühne zu bringen, wurden 250 Übernachtungen organisiert und 940 Mahlzeiten gekocht.

Die komische Welt der Liebe! von Jessica Willi und Telma Seixas Fernandes

«Ab jetzt hani zwei verschideni Dihei und zwei verschideni Veloweg zur Schual.» So beschreibt Tom seine Situation seit der Trennung seiner Eltern. Die 6.Primarklasse  aus dem Schulhaus Masans Chur zeigt uns ein sehr emotionales Stück über das Thema Liebe und Trennung aus der Perspektive eines Scheidungskindes. In dem Stück bringen die Kinder die Gefühle während eines Trennungsprozesses stark zum Ausdruck. In Zweiergruppen spielen sie  kleine Pärchensituationen, vom Kennenlernen bis zur Trennung, nach. Noch kurz den Mund- und Schweissgeruch überdecken, bevor man das süsse Mädchen von nebenan anspricht. Und schon schenkt man sich den ersten Blumenstrauss, der gleich darauf auf den Boden geschmettert wird. Liebe ist halt schon eine komische Welt!  Die Schüler schrien das Publikum regelrecht an und brachten allen das unangenehme, aber doch bekannte Gefühl des Streits nahe.  Das Stück beinhaltet drei Hauptrollen, welche durch das Austauschen der Kostüme weitergegeben wurde, um die ganze Klasse mit einzubeziehen. Lebendig wurde dieses Schauspiel auch durch die vielen kleinen alltagsnahen Details, welche es dem Publikum ermöglichten, sich in die Rollen hineinzuversetzen.

Master of Future – Die grosse Challenge von Lara Cantoni und Paula Savary

«Immer weiter, immer höher, immer besser.» Die 3.Real aus Thusis ist Teil eines Videospiels auf der Bühne, dessen Ziel es ist, im Leben weiter zu kommen. Auf Inline Skates und Longboards rollen sie tanzend und komplett in Schwarz auf die Bühne. Der Start ist gelungen. Trauerglocken läuten das Level Zwei ein: «Wir haben uns heute hier versammelt, um uns von unserer Kindheit zu verabschieden», verkündet feierlich der Gamemaster. Die Klasse hat sich in einem Halbkreis versammelt, es herrscht betretenes Schweigen. Alle kommen einzeln auf den Opfertisch zu und legen einen wichtigen Gegenstand aus ihrer Kindheit nieder. Immer wieder unterbrechen sie einander, weil es ihnen schwerfällt, loszulassen. Es gibt viele Fragen, denen sie sich stellen müssen. Die Antworten und ihre Zukunft sind ungewiss. Der Prozess des Erwachsenwerdens endet mit einer ausgelassenen Party. Alle Levels sind durchlaufen und die Stimme des Spiels verkündet: «Willkommen in der Freiheit. Viel Spass dabei!»

Als Fotograf Avi um ein Gruppenfoto bittet, scheuen sich die Schüler nicht davor, mit viel Enthusiasmus zu posieren. Sie haben nicht nur die Challenge der Zukunft gemeistert, sondern beherrschen auch die Kunst der Selbstinszenierung.

Terra 360 von Flavio Peterelli und Zippora Orlik

«Willkommen in einer Welt, die überall und nirgendwo liegt.» Mit diesem packenden Satz und unterstützt von schlichten Requisiten zieht die sechste Primarklasse alle in ihren Bann. Die Fabelwelt Terra 360 wird von maskentragenden Gestalten bewohnt, welche die Menschen in ihren Entscheidungen beeinflussen. Immer mehr, immer grösser soll alles sein. Es werden aktuelle Themen wie Mobbing, Gamen und Status behandelt und kritisch beleuchtet. Macht mehr Haben wirklich glücklich? Führt eine möglichst grosse Auswahl wirklich zur richtigen Entscheidung?

Mantramässige Sprechchöre, immer leiser werdendes Klatschen, die weissen Masken und schwarzen Kleider unterstützen gelungen das Gefühl von Druck und Stress, wenn man eine Entscheidung zu treffen hat. Das Theater basiert auf dem Paradoxon aus der Geschichte «Hans im Glück». Das Ende, wieder als chorisches Mantra:
«Wir haben alles, was wir wollen.
Was wir haben, wollen wir nicht.
Was wir wollen, haben wir nicht.
Wir haben alles, was wir wollen.»

Blue Romance von Lena Reber und Fabian Furrer

Blue Romance ist ein Stück über Leidenschaft, Liebe und natürlich Romantik. Das ganze Spektakel startet im Dunkeln mit drei beleuchteten Leinwänden. Mit einer am Boden liegenden Lichterkette wird eine mystische Stimmung geschaffen. Durch ein Mikrofon stellt die Klasse die Frage: «Was isch Romantik?» Durch Geflüster über verschiedene brisante Themen wird die Stimmung verstärkt. Anschliessend folgen typische Szenen aus dem Alltag der Jugendlichen: «Hey Bitches» *kuss kuss kuss* -  «A Rundi Shisha Truba bitte.» Szenen, welche die sonst eher trübe Stimmung auflockern. Das Spiel zwischen tanzendem Herumhüpfen und stillem Schattenspiel wird durch einen Streit zwischen zwei Männern über eine reizende Frau unterbrochen. Die Szene endet wieder mit der Frage: «Was ist Romantik?» Ihre Antwort lautet: «Sehnsucht!» Doch was ist Sehnsucht? Die ganzen Fragen, welche sich die Jugendlichen stellen, können nicht beantwortet werden. Das Stück findet seinen Schluss im Lied Bella Ciao, gesungen von drei Schülerinnen, was das Ganze wundervoll abrundet. Das Theater der Schüler der 3. Oberstufe aus Malans lässt viele Fragen offen. Was bleibt, ist die Stimmung, hervorgerufen durch die geheimnisvollen Licht- und Toneffekte.

 

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