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Englische Malerei in der Hermitage in Lausanne

Englische Malerei in Lausanne: Die Fondation de l’Hermitage pudert das 19. Jahrhundert auf und frönt dem Kult des Schönen. Die Ausstellung «La peinture anglaise. De Turner à Whistler» dauert vom 1. Februar bis 2. Juni.

Agentur
sda
Donnerstag, 31. Januar 2019, 16:36 Uhr Lausanne
Das Gemälde "The Bayswater Omnibus" (1895) von George William Joy ist Teil der Ausstellung "Englische Malerei" in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne. Sie dauert vom 1. Februar bis 2. Juni 2019.
Das Gemälde "The Bayswater Omnibus" (1895) von George William Joy ist Teil der Ausstellung "Englische Malerei" in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne. Sie dauert vom 1. Februar bis 2. Juni 2019.
George William Joy / Museum of London

In Zeiten der Brexit-Wirren erinnert in England wenig an die grosse Vergangenheit des Landes. Gleichwohl muss diese als Wunschbild einer Zukunft herhalten, von der womöglich gerade nicht viel Grosses zu erwarten ist.

Die aktuelle Präsentation in der Hermitage zeigt, wie Englands Künstler die Welt sahen, als nicht nur die Vergangenheit mit einem Gefühl von Stärke getränkt war. Sie widmet sich der englischen Malerei zur Zeit der langen Regentschaft der Königin Victoria, den Jahren von 1837 bis 1901, dem goldenen Zeitalter des Empires also.

«Britannias Reich» heisst eines der zentralen Werke der Ausstellung, 1880 gemalt von John Brett. Es zeigt in einem grossen Panorama nichts anderes als den Himmel, Wolken, ein paar Schiffe und das unendliche Meer. Genau so sah sich das Empire: unendlich und ewig.

Erst still, dann verstummt

Passend zur klassizistischen Bankiers-Villa, in der sie residiert, hat es sich die Fondation Hermitage zur Aufgabe gemacht, die angeblich wenig bekannte Vielfalt der Malerei des 19. Jahrhunderts zu beleuchten. Die 60 Werke umfassende Schau «La peinture anglaise» bietet durchaus ein Vielzahl von Namen und wenig bekannten Gemälden, die mehrheitlich noch nie in der Schweiz zu sehen waren.

Und doch bildet die vom Kunsthistoriker William Hauptman zusammengestellte Schau das 19. Jahrhundert, das immerhin die industrielle Revolution gesehen hat, nicht ab: Auf all den Gemälden ist ein einziger Zug zu sehen, ganz klein, im Hintergrund von Francis Danby abendlicher Ansicht der Bucht von Exmouth. Dass der Kurator erklärtermassen eine Vorliebe für Sonnenuntergänge hat, macht die Sache nicht realistischer.

In ein einziges kleines Zimmer presst er jene Bilder, die vom Leben und Sterben der einfachen Leute erzählen, besonders beeindruckend eingefangen von Frank Holls Zwillingsbildern «Hush!» und «Hushed», die eine Mutter zeigen, deren Kind erst schläft («Still!») und dann stirbt («Verstummt»).

Holls auch in Lausanne zu sehende Szene «Keine Kunde von der See» um eine verzweifelte Fischersfrau ist eine Leihgabe der englischen Königin, deren Vorgängerin das Bild bei Holl bestellt hatte, ohne ihm, weil sie so von ihm überzeugt war, das Sujet vorzuschreiben.

Moralische Wahrhaftigkeit

Hier, und in Richard Dadds Bildnis seines eigenen Irrenarztes, ist ein 19. Jahrhundert zu erahnen, das mehr ist als Projektionsfläche für den Wunsch nach einer grossen Vergangenheit.

Ansonsten: Sonnenuntergänge, Landschaften, darunter zwei späte Turner, Genre- und Literaturmalerei sowie Kostümidyllen wie die arrangierte «Busfahrt nach Bayswater» von George William Joy, im bewaldeten Hintergrund mit impressionistischem Einschlag. Und der sich gegen Ende des Jahrhunderts hin durchsetzende «Kult der Schönheit», ein Ästhetizismus, verkörpert zum Beispiel durch James McNeill Whistler und der so genannten Bruderschaft der Präraffaeliten, die sich an der italienischen Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts, also vor Raffael, orientierten.

Die kunsttheoretische Eminenz jener Zeit, der Kritiker und Sozialreformer John Ruskin, hatte sich eigentlich gegen jeden Formalismus gewandt und die absolute Wahrhaftigkeit von den Künstlern gefordert, «truth to nature», wobei er damit sowohl eine «materielle» wie auch eine «moralische» Wahrhaftigkeit meinte.

Dabei war Ruskin ein Freund der Präraffaeliten gewesen, selbst dann noch, als seine Frau Effie Gray sich von ihm scheiden liess, um John Millais, eines der prominentesten Mitglieder der Gruppe, zu heiraten.

Verfasser: Martin Bieri, ch-intercultur

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