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«#Female Pleasure»: Wenn das weibliche Geschlecht als obszön gilt

Der Penis als verehrtes Symbol, die Vagina als Obszönität: Im Schweizer Kino-Dokfilm «#Female Pleasure» zeigt Regisseurin Barbara Miller, wie weibliche Sexualität in den unterschiedlichen Kulturen unterdrückt wird.

Agentur
sda
Donnerstag, 08. November 2018, 12:02 Uhr Bern
Kämpfen alle auf ihre ganz eigene Weise für eine freie weibliche Sexualität: Doris Wagner, Leyla Hussein, Regisseurin Barbara Miller, Vithika Yadav und Rokudenashiko im August am Filmfestival in Locarno.
Kämpfen alle auf ihre ganz eigene Weise für eine freie weibliche Sexualität: Doris Wagner, Leyla Hussein, Regisseurin Barbara Miller, Vithika Yadav und Rokudenashiko im August am Filmfestival in Locarno.
KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Jeweils im April feiert Japan das «Fest des stählernen Penis'», das Kanamara-Matsuri: Dabei tragen Männer einen Schrein mit einem überdimensionalen Phallus durch die Strassen der Stadt Kawasaki. Die Menschen bejubeln zu Tausenden den Umzug und schlecken dabei Glace in Form des männlichen Geschlechtsorgans. Kleine Mädchen schwenken Fähnchen in Penis-Form.

Gleichzeitig verhaftet und verurteilt das Gericht in Tokio die japanische Künstlerin Rokudenashiko wegen Erregen öffentlichen Ärgernisses und Obszönität. Die junge Frau hatte einen 3D-Druck ihrer Vagina vergrössern lassen, damit ein Kanu hergestellt und war über den Fluss Sumida in Tokio gepaddelt.

Mit diesem Widerspruch, dieser Ungleichbehandlung der Geschlechter im modernen Japan mag sich Rokudenashiko nicht abfinden. Sie ist eine von fünf Frauen, die die Schweizer Dokumentarfilmerin Barbara Miller in ihrem neuen Kinofilm «#Female Pleasure» porträtiert.

Die Aktivistinnen setzen sich alle auf ihre eigene Art in ihrer jeweiligen Kultur für Aufklärung und die Befreiung der weiblichen Sexualität ein. Alle fünf werden deshalb von unterschiedlichen Seiten bedroht.

Der Film hatte im August am Filmfestival in Locarno im Rahmen der Kritikerwoche Premiere gefeiert. Er passte thematisch in die 71. Festivalausgabe: Der scheidende Direktor Carlo Chatrian unterzeichnete eine Charta für mehr Gleichstellung und Diversität. «#Female Pleasure» ist nun ab dem 15. November in den Schweizer Kinos zu sehen.

Stark, aber etwas plakativ

Eine weitere Protagonistin in Millers Film ist die New Yorkerin Deborah Feldman. Die jüdische Autorin wurde weltweit bekannt mit ihrer Autobiografie «Unorthodox», in der sie ihre Flucht aus einer ultraorthodoxen chassidischen Gemeinde New Yorks schildert.

Feldman lebt heute in Berlin und setzt sich dafür ein, dass der weibliche Körper und damit die weibliche Lust in streng religiösen Gemeinschaften nicht länger als unrein gilt. Denn genau dies wurde Feldman als junges Mädchen eingeimpft.

Die frühere Nonne Doris Wagner ging ihrerseits an die Öffentlichkeit, nachdem weder die Justiz noch der Vatikan etwas gegen den Pater unternahmen, der sie jahrelang vergewaltigt hatte.

Von London aus kämpft die Somalierin Leyla Hussein gegen Genitalverstümmelung bei Frauen, und in Indien setzt sich die Aktivistin Vithinka Yadar mit ihrer Plattform «Love matters» für das Recht auf Liebesheiraten ein.

Millers Porträt fünf starker, selbstbestimmter Frauen mag teilweise etwas plakativ geraten sein und an einen Kampagnen-Film erinnern. Wütend macht «#Female Pleasure» dennoch: auf jahrhundertealte patriarchale Strukturen, auf religiöse Schriften, die das eine Geschlecht verehren, während das andere verteufelt wird.

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