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Frischer Blick auf bekannte Sujets

Filigrane Zeichnungen, mehrdeutige Bilder, täuschend echte «Fake Objects»: Die Schau «Rhythmus, Reihe, Repetition» im Kunstzeughaus Rapperswil nimmt den Besucher mit in verspielte Welten, in der Fantasie und Neugier gefragt sind.

Eva
Pfirter
Freitag, 12. Oktober 2018, 04:32 Uhr «Rhythmus, Reihe, Repetition»

Fake oder echt? Diese Frage dürfte schon bald die Besucher des Kunstzeughauses umtreiben. Anders als bei den Nachrichten, die sich in «richtig» und «falsch» einteilen lassen, gibt die Ausstellung «Rhythmus, Reihe, Repetition» jedoch keine klaren Antworten. Besonders augenfällig wird dies bei der Arbeit von Ueli Berger. Der Berner Künstler hat 27 «Twins» – Zwillinge – geschaffen. Diese werden paarweise auf weissen Mini-Tischen präsentiert.

Rasch wird klar, dass jeweils eines der beiden Objekte dem Betrachter wohlbekannt, das andere jedoch nachgebaut ist. So thront auf einem der weissen Hocker links ein in der Natur entstandener, weich aussehender Schwamm. An seiner Rechten liegt die nach seinem Vorbild gefertigte Kopie aus Tuffstein. Welches ist nun hier das Original und welches die Kopie? Ist das von der Natur erschaffene Stück Schwamm das Wahre und Wirkliche? Oder doch eher jenes, das der Künstler mit Werkzeug aus Tuff geformt und geschliffen hat und deshalb ebenso einzigartig ist? Bald zeigt sich, dass die Welt der Kunst anders tickt als jene der Nachrichten. Folglich gibt es auch keine klare Antwort auf die Frage von Ueli Berger nach dem «echten» Original.

Zeichen aus einer anderen Welt

Auch Sylvia Zumbach spielt mit der Wahrnehmung des Betrachters. Während «3000 Striche eingespannt I» von weitem an ein Pergament aus dem alten Ägypten erinnert, wird beim Näherkommen klar, dass es unzählige Bleistiftstriche sind, die hier so räumlich wirken. Immer und immer wieder hat die im März verstorbene Künstlerin parallel zum Bildrand Linien gezogen, insgesamt sind es mehrere tausend. Nach jeweils 100 Linien pausierte Zumbach. Das kurze Innehalten dokumentierte die gebürtige Zugerin mit einer winzigen Notiz am Bildrand. Dadurch wird der geduldige Akt des Linienziehens zu einem Teil des Kunstwerks.

Ebenso filigran wie Zumbachs Zeichenwerk ist Werner Hartmanns Arbeit. Der Künstler entwickelte in den 1970-er Jahren ein eigenständiges Runen-Alphabet, das er in eine Stele aus dunklem Schieferstein einritzte. Kaum einen Millimeter gross sind die Zeichen, die im Auge des Betrachters zwar keinen Sinn ergeben, aber vielerlei Assoziationen wecken. Ob hier Elfen am Werk waren? Oder gar Ausserirdische?

Nicht nur das Additive und Rhythmische zieht sich durch die Ausstellung des Kuratoren-Duos Petra Giezendanner und Kiri Hoffmann, sondern auch das Filigrane und Poetische. Giezendanner – seit mehreren Jahren Leiterin der Sammlung von Peter und Elisabeth Bosshard – sieht in Hartmanns Miniatur-Runen nicht nur ein Spiel mit der Sprache, sondern auch «visuelle Poesie», wie sie auf einem Rundgang durch die Ausstellung erklärt. Neben Schieferstein hat Hartmann auch Stücke von Schwemmholz bearbeitet.

Auch Ruth Maria Obrist setzt sich im weitesten Sinn mit Kommunikation auseinander. Ihre Collage «Reisfeld VI» besteht aus einer in Streifen geschnittenen Fotografie eines Reisfelds. Zu einem neuen Ganzen zusammengefügt, verschwindet zwar das ursprüngliche Motiv. An dessen Stelle entstehen jedoch neue Linien, die ein ebenso rhythmisches Bild ergeben wie ein vom Wind bewegtes Reisfeld.

Sonnenuntergang ohne Wirkung

Der 1967 geborene Richard Müller schliesslich bringt die Betrachterin dazu, ein altes Sujet neu zu entdecken. In fünfzigfacher Ausführung präsentiert er eines der beliebtesten Foto- sujets überhaupt: den Sonnenuntergang. Verkleinert und explizit in zurückhaltenden Grautönen gehalten, verliert das emotional aufgeladene Symbol an Strahlkraft. Die Vervielfachung des Feriensujets schlechthin raubt ihm nicht nur seine Einzigartigkeit, sondern auch seinen Zauber.

Mit «Rhythmus, Reihe, Repetition» beweisen die beiden Kuratorinnen ein gutes Auge für Werke, die ihre Wirkung erst auf den zweiten Blick entfaltet, dafür umso stärker haften bleiben. Die Ausstellung zeigt, dass zwischen «fake» und «echt» eine Grauzone liegt, die weder der einen noch der anderen Kategorie zugeordnet werden kann und gerade deshalb interessant ist.

Die Ausstellung «Rhythmus, Reihe, Repetition» ist vom 14. Oktober 2018 bis Herbst 2019 im Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zu sehen.

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