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Kleine Bühne, grosses Theater (4)

Ein Wunder kommt auf leisen Sohlen: Bertolt Brechts «Antigone» ist 1948 der Hoffnungsschimmer für den angeschlagenen Churer Theaterdirektor Hans Curjel. Doch die Proben laufen unerwartet zäh. Brecht würde am liebsten gleich wieder die Koffer packen.

Südostschweiz
Freitag, 31. August 2018, 10:00 Uhr Bertolt Brecht
Theaterproben in Chur
STADTARCHIV CHUR

Nicht nur Theaterdirektor Hans Curjel, auch Bertolt Brecht stand unter Druck. Am 16.Januar 1948, einem Freitag, trafen Bertolt Brecht, Helene Weigel und Caspar Neher in Chur ein. Das Trio nahm Quartier im Hotel «Stern» an der Reichsgasse 11. Nach ungewöhnlich warmem Westwetter war es Mitte der Woche wieder kühler geworden, für Churer Verhältnisse mit Tagestemperaturen um den Gefrierpunkt immer noch viel zu mild. Einer zitterte trotzdem: Stadttheaterdirektor Hans Curjel. Er hatte Brecht versprochen, dass alles bereit wäre für die Proben. Doch die Besetzungsliste für Brechts neues Stück, die wie verabredet am Freitag im Rätushof aushing, wies bedenkliche Lücken auf. Dass Brechts Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, die Titelrolle in der «Antigone des Sophokles» spielen würde, war so ziemlich das Einzige, was feststand. Verabredet war zudem, dass einige Mitglieder des Churer Ensembles Rollen übernehmen würden – darunter Valeria Steinmann und Hans Duran.

Am selben Abend besuchten Brecht, Weigel und Neher eine Vorstellung von «Des Teufels General». Mit dem Carl-Zuckmayer-Stück hatte Curjel am 4.Januar seine dritte Theatersaison in Chur eröffnet – und gute Kritiken geerntet. In den «Neuen Bündner Zeitung» hiess es, die Produktion sei «spannend wie ein moderner Film». Brecht, Weigel und Neher ging es weniger um Zuckmayers Abrechnung mit dem Nazi-Mitläufertum; für die Zürcher Uraufführung hatte Neher ja das Bühnenbild entworfen. Vielmehr wollten die drei ihre künftigen «Antigone»-Kollegen schon mal in Aktion erleben.

Ansprüche von allen Seiten

Was Brecht anfangs nur ahnte: Theaterdirektor Curjel befand sich in einer prekären Lage. 1946 hatte er die kleine Bühne zwar als «Experimentierlabor» unversehens auf die Deutschschweizer Theaterlandkarte katapultiert. Aber schon im Jahr darauf geriet er in die Mühlen verschiedener Interessengruppen. Fortschrittliche Kreise meinten, nun müsse man Nägel mit Köpfen machen und dem Theater endlich ein eigenes Haus zur Verfügung stellen, mit richtiger Bühnentechnik, Garderoben, Probenräumen und Werkstätten. Die Doppelfunktion von Kino und Theater im Rätushof sei nicht länger tragbar. Die Politiker hingegen sorgten sich um die Finanzierung. In den 50 Jahren zuvor hatte die privat geführte städtische Bühne die öffentliche Hand schliesslich kaum einen Rappen gekostet. Konservative beargwöhnten den ganzen Wirbel. Und die Lehrerschaft mahnte den Bildungsauftrag an – mehr klassische Antike, bitte.

Curjels dicht gedrängter Spielplan versuchte diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Dem Zuckmayer-Drama folgte das Lustspiel «D’ Frau Oberscht». Angekündigt waren Molières «Der eingebildete Kranke», Stücke von Goldoni und Calderone sowie Gastspiele mit den Publikumslieblingen Hans Moser und Hans Albers. Das Publikum freute sich ausserdem auf geistreiche Unterhaltung mit Curt Götz’ «Haus in Montevideo». Das Nebeneinander von Proben tagsüber und Spielbetrieb am Abend war nervenaufreibend, zumal der Rätushof für parallel laufende Proben kaum Platz bot.

Probenbeginn im Büro

Der Autor und Theaterwissenschaftler Werner Wüthrich hat Brechts Churer Aufenthalt ausführlich dokumentiert. Im Rahmen der umfangreichen Recherchen befragte er etliche Zeitzeugen, darunter die Schauspielerin Valeria Steinmann, die in «Antigone» die Botin spielte. Steinmann erinnerte sich, dass die ersten Proben mit Brecht im Theaterbüro des Rätushofs stattgefunden hätten. Dann bezog die Truppe den Saal des Rätischen Volkshauses, nur ein paar Gehminuten vom Rätushof entfernt.

Obwohl Curjel die «Antigone» als Trumpf der Spielzeit ansah, zeichnete sich Brechts Anwesenheit in Chur vor allem durch Diskretion aus. Willy Padrutt, damals Kantonsschüler, sagte später gegenüber Wüthrich, der Dramatiker und seine Truppe hätten «zurückgezogen gearbeitet und gelebt» und den Kontakt zur Öffentlichkeit gemieden. Auf den Strassen sei Brecht «sichtlich distanziert, mit ernster Miene, Nickelbrille und hoch zugeknöpftem Drillich-Kittel» einhergeschritten.

Die Arbeit stockt

Nicht nur Theaterdirektor Curjel, auch Brecht stand unter Druck. Nach 14 Jahren Exil sollte die «Antigone» Brechts Neustart im deutschsprachigen Theater der Nachkriegszeit markieren – und überdies das Comeback von Helene Weigel einläuten, die seit über einem Jahrzehnt nicht mehr auf einer Bühne gestanden hatte. Geplant war, die Inszenierung von Chur aus auf Gastspielreise zu schicken, um sowohl Brecht und Weigel als auch Curjels Thea- ter- und Tournee-Genossenschaft (TTG) einen künstlerischen und finanziellen Erfolg zu bescheren.

Allen war klar gewesen, dass die damals übliche Probenzeit von drei Wochen nicht ausreichen würde. Doch als die Arbeit schon nach kurzer Zeit ins Stocken geriet, wurde die Stimmung gereizt. «Brecht und Neher durchschauten die desolate Situation der TTG und drohten Curjel, ungeachtet ihrer bisher geleisteten Arbeit,

mit dem Abbruch der Produktion», fasst Wüthrich die brenzlige Situation zusammen. Hauptstreitpunkt war die Besetzung des Kreon. Curjel hatte den Berliner Schauspieler Walter Richter in Aussicht gestellt, alternativ den jungen Gustav Knuth vom Zürcher Schauspielhaus. Beides klappte nicht.

Theaterdirektor in Nöten

Nur sechs Tage nach seiner Ankunft reiste Brecht mit seinem Produktionsstab überraschend ab, um in Zürich das weitere Vorgehen zu besprechen. Curjel sah seine Felle davonschwimmen. Verzweifelt wandte er sich an Hans Gaugler, der in den vorherigen zwei Spielzeiten zu seinem Ensemble gehört hatte und im Zwist gegangen war. Gaugler liess sich überreden, bis auf Weiteres den Kreon zu markieren, damit die Proben fortgesetzt werden könnten. Mit dieser Lösung im Gepäck fuhr Curjel nach Zürich – und kehrte am 23.Januar gemeinsam mit Brecht und Neher in die Bündner Hauptstadt zurück.

Die Stimmung blieb jedoch frostig. Brechts Arbeitsweise mit langen Lese- und Stellproben für das gesamte Ensemble im leeren Raum war den Schauspielern fremd – Helene Weigel ausgenommen. Mehrmals wurde der Premierentermin auf Bitten Brechts verschoben. Theaterintern wie öffentlich kam Curjel allmählich in Erklärungsnot.

Die Artikelserie «Kleine Bühne, grosses Theater» erscheint zum 70-Jahr-Jubiläum der Churer «Antigone»-Inszenierung von Bertolt Brecht im Jahr 1948.

Brecht in Chur

suedostschweiz.ch/brecht

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