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Aufwärts zum Sonnenuntergang

Not Vital hat sein drittes «House to watch the sunset» feierlich eingeweiht. Die 13 Meter hohe Skulptur am Fusse des Schloss Tarasp sorgt einhellig für Begeisterung.

Fadrina
Hofmann
Samstag, 14. Juli 2018, 04:30 Uhr «House to watch the sunset»
Das «House to watch the sunset» beim Schloss Tarasp ist 13 Meter hoch und begehbar.
MAYK WENDT

Freitag, der 13., um exakt 13.13 Uhr: Not Vital steht auf der Treppe seines «House to watch the sunset» und köpft mit einem gezielten Schlag eine Champagnerflasche. Der goldene Inhalt perlt die Stufen hinab. Sind es 13 Stufen? Bevor die geladenen Gäste von überall auf der Welt und die neugierigen Einheimischen zählen können, erhebt der Künstler bereits seine Stimme. Zunächst auf Romanisch weist Vital auf die Fahnen hin, die auf dem Dach des gegenüberliegenden Schlosses Tarasp im Wind flattern: links die Fahne des Niger, rechts diejenige von Brasilien. In beiden Ländern befindet sich bereits ein «House to watch the sunset».

In Agadez besteht das Haus aus Erde, im Amazonas aus Holz. Das dritte Haus, das an diesem frühen Sommernachmittag feierlich in Tarasp eingeweiht wird, ist aus Beton. «Als wir zur Schule gingen, gab es nur fünf Kontinente», sagt Not Vital. Deswegen möchte er noch zwei weitere «Houses to watch the sunset» errichten. Eines aus Aluminium soll auf der Insel Tonga im Südpazifik zu stehen kommen, und das andere aus Eisen soll in der Mongolei gebaut werden.

Ein bestechendes Konzept

Das «House to watch the sunset» in Tarasp ist 13 Meter hoch, hat drei Treppen und einen Turm mit vier Stockwerken. Die Treppen zählen 13, 26 und 39 Tritte. Die Masse der vier Zimmer lauten 3 x 3 x 3 Meter. «Müsste man das Haus backen, so wäre das Rezept ganz einfach», meint Not Vital. Tatsächlich hat das Rezept Platz auf einer DIN-A5-Karte, welche die Gäste mit nach Hause nehmen dürfen. «Ihr könnt das Haus gerne nachbauen, wenn ihr wollt», meint der Künstler. Das ganze Konzept sei übrigens in etwa 13 Minuten entstanden.

Not Vital ist bis jetzt der Einzige, der alle drei «Houses to watch the sunset» gesehen hat. Überall erfolgte der Bau mit einheimischen Leuten. In Tarasp hat Bruder Duri Vital als Architekt mitgewirkt, und das Bauunternehmen Thomas SA aus Ardez hat die Arbeiten ausgeführt. Der Sand, aus dem der Beton hergestellt wurde, stammt aus dem Inn. «Alles ist in einem Umkreis von … sagen wir 13 Kilometern entstanden», sagt der Künstler und erntet dafür Gelächter. Besonders viel Lob hat der Auftraggeber für Armon Thomas und seine «fantastischen» Arbeiter übrig. «Sie haben das mit so viel Passion und Freude gemacht, das ist nicht selbstverständlich in der Schweiz», meint Not Vital.

Armon Thomas zeigt sich nach der fulminanten Rede geehrt. «Es war eine besondere Herausforderung», sagt er. Einerseits, eine Skulptur statt ein Wohnhaus zu bauen, andererseits sei es eine technisch anspruchsvolle Aufgabe gewesen. «Es erfüllt mich mit Stolz, jetzt das fertige Bauwerk zu sehen», sagt der Unternehmer. Die Bewilligungen für dieses Bauwerk zu erhalten, war nicht einfach und hat laut Duri Vital etwa gleich lange gedauert wie die Bauphase. Das von den Behörden verlangte Treppengeländer wurde nicht montiert, dafür wird aus Sicherheitsgründen ein Zaun um die Skulptur gezogen. Schade eigentlich, denn die Gäste am Eröffnungsanlass scheinen vom spektakulären Aufstieg auf den Turm begeistert zu sein.

Ein einziges Wort für das Kunstwerk: «Rein»

Der Gemeindepräsident von Scuol ist ebenfalls zur Feier erschienen. «Die Tarasper waren zuerst skeptisch, weil das schöne alte Teehaus diesem Kunstwerk weichen musste», erzählt Christian Fanzun. Das Monument sei aber sehr schön geworden – «eine weitere kulturelle Attraktion für die Region», meint er. Auch Architekt Christof Rösch ist überzeugt. «Ich finde es interessant, wie der Turm in alle Himmelsrichtungen weist», sagt er. Der Publizist Roger de Weck braucht nur ein Wort, um die Wirkung des Kunstwerks zu beschreiben: «Es ist rein.»

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